Künstliche Glucke im Stall: Können Dunkelbrüter die Kükenaufzucht verändern?

28 März 2026
Zweinutzungshuhn
küken

Die ersten Lebenswochen prägen Hühner nachhaltig. Doch in der modernen Geflügelhaltung fehlt meist die Glucke. Ein Forschungsprojekt von VIER PFOTEN International und dem Thünen-Institut für Ökologischen Landbau testet, ob sogenannte Dunkelbrüter diese Rolle teilweise übernehmen können.

Beim fünften ÖTZ-Online-Fachforum für Tiere aus ökologischer Züchtung, das im März 2026 stattfand, stellten Daniela Haager von VIER PFOTEN International und Dr. Daniela Werner vom Thünen-Institut für Ökologischen Landbau das Projekt „Dunkelbrüter in der Aufzucht von Hühnerküken” vor, das die Frage untersucht, ob der Dunkelbrüter die Glucke zumindest teilweise ersetzen kann.

„Die Bedingungen, unter denen die Tiere in ihren ersten Lebenswochen aufwachsen, haben großen Einfluss auf ihre spätere Verhaltensentwicklung“, erklärt die Tierwohlwissenschaftlerin Daniela Haager von VIER PFOTEN International. Was fehle, sei die mütterliche Fürsorge – Wärme, Schutz und Orientierung. Faktoren, die laut Verhaltensforschung entscheidend für Stressniveau, Sozialverhalten und Angstreaktionen sind.

Dunkelbrüter als technischer Ersatz für die Glucke?

Beim sogenannten Dunkelbrüter handelt es sich um beheizte Platten mit seitlichen Vorhängen, die einen warmen, abgedunkelten Rückzugsort schaffen – eine Art künstlicher „Hühner-Mutter“.

„Dunkelbrüter bieten den Küken einen warmen, abgedunkelten Ruhebereich und ahmen damit wichtige Aspekte der Glucke nach“, so Haager.

Studien deuten darauf hin, dass Tiere dadurch weniger ängstlich sind, bessere Ruhephasen entwickeln und seltener zu problematischem Verhalten wie Federpicken oder Kannibalismus neigen. Auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit empfiehlt solche Strukturen, um Funktionsbereiche im Stall klarer zu definieren.

Ein kleines Projekt mit großen Fragen

Gemeinsam mit dem Thünen-Institut für Ökologischen Landbau untersucht VIER PFOTEN seit 2025, ob sich diese Effekte unter praxisnahen Bedingungen bestätigen lassen. Das Projekt ist bewusst schlank angelegt – rund 15.000 Euro Budget, zwei Jahre Laufzeit –, doch die Fragestellungen sind ambitioniert. Im Fokus stehen mehrere Hypothesen: Werden Küken ruhiger? Gibt es weniger Federpicken? Sinkt die Stressbelastung messbar? Und könnten Dunkelbrüter am Ende sogar wirtschaftliche Vorteile bringen?

500 Küken, vier Gruppen, ein Experiment

Für die Untersuchung wurden 500 Küken einer ökologischen Legehennenlinie in vier Gruppen aufgeteilt – zwei Kontroll- und zwei Versuchsgruppen. In letzteren kamen jeweils drei Dunkelbrüter zum Einsatz. Die Versuchsanordnung folgte strengen wissenschaftlichen Kriterien: Fütterung, Licht, Impfungen und Auslauf waren identisch. Der entscheidende Unterschied lag im Detail – und in der Temperatur. Während die Kontrollgruppen bei 34 Grad gehalten wurden, lag die Raumtemperatur in den Dunkelbrüter-Gruppen bei nur 24 Grad. Ein bewusster Anreiz, die Wärmeplatten aktiv aufzusuchen.

Was das Verhalten verrät

Ein Schwerpunkt der Studie liegt auf der Verhaltensbeobachtung – zeitintensiv, aber aufschlussreich. In den ersten Tagen wurde täglich, später wöchentlich dokumentiert, was die Tiere tun: fressen, ruhen, sich putzen oder miteinander interagieren. Schon kurze Sequenzen zeigen ein komplexes Sozialgefüge. Geräusche lösen kollektive Reaktionen aus, neue Objekte wecken Neugier. In Tests näherten sich die Küken unbekannten Gegenständen oft innerhalb weniger Sekunden.

Erste Ergebnisse: ruhig, robust – aber nicht leichter

Die bisherigen Auswertungen zeichnen ein differenziertes Bild. Deutliche Unterschiede im Gewicht oder in der Futteraufnahme konnten nicht festgestellt werden. Auch bei Gefiederschäden zeigten sich bislang keine signifikanten Abweichungen zwischen den Gruppen.

Dennoch gibt es Hinweise auf positive Effekte: Küken mit Dunkelbrütern nutzten den Stallraum anders, suchten häufiger strukturierte Bereiche wie Veranden auf und zeigten in frühen Phasen synchroneres Ruheverhalten.

Vor allem aber bestätigen die Beobachtungen, dass die Tiere die künstlichen „Mutterzonen“ aktiv annehmen. Innerhalb weniger Minuten wechseln sie zwischen Aktivität und Rückzug – ein Verhalten, das an natürliche Abläufe erinnert.

Wirtschaftlichkeit bleibt offen

Das Projekt ist noch nicht abgeschlossen. Besonders spannend wird die Auswertung der Legeperiode: Bleiben mögliche Effekte bis ins Erwachsenenalter bestehen? Und lässt sich der Einsatz der Technik auch wirtschaftlich rechtfertigen?

Ein zweiter Versuchsdurchgang soll zudem klären, ob sich tatsächlich Energie- und Betriebskosten einsparen lassen.

Magdalena Esterer
Bild: Eva Wolf

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