Präzision statt Überversorgung: Wie sich die Proteinnutzung in der Geflügelfütterung verbessern lässt

10 März 2026
Nährstoffe
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Masthähnchen benötigen weniger Protein als lange angenommen – wenn man genauer hinsieht. Prof. Dr. Wolfgang Siegert von der Georg-August-Universität Göttingen erläuterte auf der 30. Internationalen Bioland Geflügel-Fachtagung in Kiel, dass eine präzise Versorgung mit verdaulichen Aminosäuren Tiergesundheit, Leistung und Nachhaltigkeit gleichermaßen fördert.

Prof. Dr. Wolfgang Siegert von der Georg-August-Universität Göttingen erläuterte auf der 30. Internationalen Geflügel-Fachtagung, die Bioland am 5. und 6. Februar 2026 in Kiel veranstaltete, dass Masthähnchen weniger Protein brauchen, als lange angenommen wurde – zumindest dann, wenn man genauer hinsieht.

Im Zentrum seiner Betrachtung steht die Effizienz der Proteinnutzung – und damit ein Hebel für Tiergesundheit, Umwelt- und Klimaschutz. Denn was Tiere aufnehmen, aber nicht verwerten, wird ausgeschieden. Stickstoffhaltige Verbindungen wie Harnsäure und Ammoniak gelangen in Stallluft, Boden und Atmosphäre. Mikroorganismen wandeln Ammoniak weiter um; über Denitrifikationsprozesse kann klimarelevantes Lachgas entstehen. Grundsätzlich gilt daher: Je bedarfsgerechter Tiere versorgt sind, desto geringer sind die Emissionen – einschließlich indirekter CO₂-Effekte.

Tiere brauchen Aminosäuren – kein „Rohprotein“

Ein zentraler Denkfehler liegt Siegert zufolge im Begriff des Rohproteins (XP). Tiere haben keinen Bedarf an Rohprotein, sondern an einzelnen Aminosäuren. Die XP-Konzentration im Futter errechnet sich als Stickstoffgehalt multipliziert mit 6,25 – eine rein rechnerische Größe. Entscheidend für Wachstum und Leistung ist jedoch, ob die verdaulichen Aminosäuren im richtigen Verhältnis vorliegen.

Die Kennzahl der Proteinverwertungseffizienz beschreibt, wie viel des aufgenommenen Proteins tatsächlich im Tierkörper ankommt. Sie lässt sich steigern, wenn Bedarf und Versorgung an verdaulichen Aminosäuren möglichst genau aufeinander abgestimmt sind. Angepasste Gehalte der limitierenden Aminosäuren im Futter sind dafür der Schlüssel.

Weniger Protein – aber wie ohne Leistungsdefizit?

Eine Absenkung des Rohproteingehalts kann Emissionen reduzieren, aber wird der Gehalt an verdaulichen Aminosäuren unterschätzt, drohen Leistungseinbußen – mitunter schleichend und zunächst kaum erkennbar. Umgekehrt bleibt ein Überangebot oft unentdeckt, weil es nicht unmittelbar sichtbar schadet, wohl aber die Stickstoffausscheidung erhöht.

Hinzu kommen Zielkonflikte: Eine präzisere Versorgung kann die Nachhaltigkeit verbessern, etwa durch geringere N-Ausscheidungen. Gleichzeitig kann eine stärker ausgereizte Fütterungsstrategie die Resilienz der Tiere verringern. Auch die Auswahl geeigneter Futterkomponenten spielt eine Rolle. Gehalt und Verdaulichkeit schwanken – ebenso wie die Effekte technologischer Aufbereitung. Eine thermische Behandlung etwa kann die Verdaulichkeit erhöhen, jedoch nicht unter allen Bedingungen.

Neue Daten zur Proteinverwertung

Im Projekt „EffiN“ wurde untersucht, wie sich der Proteinansatz von Masthähnchen im Verlauf der Mast verändert und ob sich Unterschiede zwischen Zuchtlinien zeigen. Grundlage war eine Meta-Analyse von 90 Studien mit insgesamt 528 Beobachtungen aus den Jahren 2016 bis 2024.

Das Ergebnis: Die Proteinverwertungseffizienz liegt geringfügig höher als häufig angenommen, die Stickstoffausscheidungen entsprechend niedriger. Unterschiede zwischen Zuchtlinien ließen sich nicht ableiten. Auch für den Öko-Bereich zeigen sich keine grundsätzlichen Abweichungen: Weder beim Proteinansatz im Zuwachs noch bei der Ableitung des Bedarfs oder der Verdauungskapazität ergeben sich klare Differenzen zu konventionellen Systemen.

Stoffwechselbelastung – ein Begriff mit Fallstricken

In der anschließenden Diskussion stand die Frage im Raum, ob eine höhere Proteinzufuhr eine „Belastung“ für das Tier darstelle. Physiologisch betrachtet bedeutet dies zunächst nur: Der Stoffwechsel muss zusätzliche Arbeit leisten. Überschüssiger Stickstoff wird in der Leber umgewandelt und ausgeschieden – ein energieaufwändiger, aber normaler Prozess.

Erst bei extrem hohen, wirtschaftlich unrealistischen Proteinmengen wären direkte tiergesundheitliche Folgen zu erwarten. Indirekt jedoch kann eine Überversorgung problematisch sein: Mehr ausgeschiedenes Ammoniak verschlechtert die Stallluft und wirkt wiederum belastend auf die Tiere. Diese Effekte resultieren jedoch aus der Umweltwirkung, nicht aus der Harnsäurebildung im Organismus selbst.

Fazit: Präzision als Nachhaltigkeitsstrategie

Die zentrale Botschaft lautet: Effizienz entsteht durch Präzision. Eine passgenaue Versorgung mit verdaulichen Aminosäuren ermöglicht es, den Rohproteingehalt zu senken, ohne Leistungseinbußen zu riskieren. Damit lassen sich Emissionen mindern und Ressourcen schonen – auch im ökologischen Landbau.

Magdalena Esterer
Bild: Christa Diekmann-Lenartz
Quelle: Bioland

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