Wenn der Stall plötzlich still wird: Biolandwirt Jörn Andresen schildert Geflügelpest-Ausbruch

11 Februar 2026
Stallmanagement
geflügelpest

Ein plötzlicher Leistungseinbruch, auffällige Stille im Stall und rasch steigende Verluste: Auf dem Biolandhof Andresen in Schleswig-Holstein brach 2023 die Geflügelpest aus. Auf der 30. Internationalen Bioland Geflügeltagung berichtete Betriebsleiter Jörn Andresen vom Verlauf der Seuche auf seinem Betrieb, welche Maßnahmen entscheidend waren – und warum offene Kommunikation mit Kunden den Betrieb stabilisierte.

„Die Stille im Stall war das erste Warnsignal“

Jörn Andresen betreibt in Schleswig-Holstein einen Biolandhof. Dort hält er unter anderem rund 12.000 Legehennen in drei Mobil- und drei Festställen. Außerdem verfügt der Betrieb über 4.800 Junghennenplätze. Die Eier vermarktet Andresen direkt, eine eigene Packstelle gehört dazu. Auch eine Mahl- und Mischanlage für das Futter ist vorhanden. Den Betrieb führt er mit vier Familienarbeitskräften und 3,5 Fremdarbeitskräften.

Binnen 48 Stunden kippte die Lage vollständig

Die Klassische Geflügelpest traf bei ihm vor zwei Jahren einen Mobilstall mit 1.500 Legehennen. Die Tiere waren damals etwa 15 Monate alt. Als im November 2023 die Seuche ausbrach, zeigte sich zunächst nur ein ungewöhnlicher Abgang. Doch innerhalb weniger Tage stand fest: Der gesamte Bestand in diesem Stall war verloren.

So verlief der Ausbruch der Vogelgrippe auf dem Betrieb Andresen:

  • Dienstag, 22. November 2023: Die Infektion erfolgte vermutlich an diesem Tag.
  • Donnerstagabend: Die ersten drei Tiere verendeten.
  • Freitagmorgen: 15 tote Tiere. Die Futteraufnahme sank.
  • Freitag: 75 Abgänge. Äußerlich wirkte die Herde zunächst kaum krank. Doch im Stall fehlte etwas Entscheidendes: Leben. „Ganz auffällig war die Stille“, sagt Andresen. Er rief sofort den Tierarzt. Ein Schnelltest erhärtete den Verdacht der Vogelgrippe.
  • Samstag: Das Friedrich-Loeffler-Institut bestätigte die Geflügelpest. In der Herde kam es zum totalen Leistungseinbruch.
  • Montagfrüh: Rund 99 Prozent Mortalität. Als der Keultrupp eintraf, gab es laut Andresen „nichts mehr zu keulen“.

Familie statt Fremdpersonal: So stoppte der Betrieb die Verschleppung

Sehr zügig gab es auf dem Betrieb die erste Besprechung: Was passiert im Bestand, und wie reagieren wir sofort? „Freitag ist bei uns eigentlich Ausmist-Tag – leer machen, sauber machen. Das habe ich komplett unterbunden“, sagt Jörn Andresen. Stattdessen betreute jede Familienarbeitskraft einzelne Ställe separat. Fremdpersonal zog er aus den Stallbereichen ab, um das Risiko einer Verschleppung zu senken.

Am Samstag räumte die Familie die Packstelle komplett leer, um sie bis Montag gründlich zu reinigen und zu desinfizieren. Eier, die zwischen Freitag und Montag gelegt wurden, blieben im Stall. Glück im Unglück: Die Eier aus dem betroffenen Stall waren am Donnerstag nicht mitsortiert worden, sodass keine Ware zurückgerufen werden musste.

Keulung trotz negativer Befunde: Die räumliche Nähe war ausschlaggebend

Am Montag begann die Keulung. Geplant waren drei Ställe. Zwei davon waren am selben Tag zwar negativ getestet worden, wurden aber trotzdem gekeult – allein wegen der räumlichen Nähe, denn die Ausläufe trennten weniger als einen Meter, die Mobilställe lagen nur 50 Meter Luftlinie auseinander. Auch ein Feststall musste einbezogen werden, weil die dichten Gehege eine Ausbreitung wahrscheinlich machten.

„Die kontaminierten Eier sind komplett mit in den Container gegangen, in den auch die Tiere kamen. Das war vorher so abgesprochen“, erklärt Andresen.

"Jörn Andresen: Die Entsorgung der Tiere hat mich psychisch fast noch mehr mitgenommen als die Keulung."

Trotzdem half die Struktur des Betriebs in dieser schlimmen Lage: Mehrere Betriebsnummern und separate Hygienekreisläufe verhinderten, dass der gesamte Hof als Einheit behandelt werden und alle Tiere getötet werden mussten. Andresens Rat: Exakte Dokumentation ist entscheidend. Man muss jederzeit nachweisen können, welche Eier aus welchem Stall wohin geliefert wurden.

Reinigung und Entsorgung: Der eigentliche Kraftakt beginnt nach dem Ausbruch

„Was nach der Keulung kam, war hart“, sagt Andresen. „Danach begann die Arbeit, die viele unterschätzen: Man muss alle toten Tiere aus dem Stall holen. Kadaver aus dem Stall tragen, Einstreu entsorgen, Flächen desinfizieren, Ställe waschen.“

Vor allem die Einstreu wurde zum Engpass. Andresen wollte verhindern, dass der Stall wegen Mistlagerung länger gesperrt bleibt. In Absprache mit den Verantwortlichen kamen Container auf den Hof. „Das war sauber, schnell und wir hatten den Kram vom Hof – was besonders wichtig ist, wenn noch gesunde Tiere auf dem Betrieb sind. Die Versicherung hat das sogar bezahlt.“

Brandkalk im Auslauf: viel Aufwand

Zusätzlich ordnete das Veterinäramt an, die Ausläufe – mehrere Hektar – mit Brandkalk zu bestreuen. „Für uns war das ein großer Aufwand“, sagt Andresen.
Danach folgte das Waschen und Desinfizieren der Ställe. „Im Winter ist das bei Mobilställen wirklich kein Geschenk.“ Der Ablauf war klar: erst grob desinfizieren, dann ausmisten, waschen, erneut desinfizieren, Proben nehmen, warten, wiederholen, kontrollieren. Die Ställe blieben zunächst an Ort und Stelle. Erst später wurden sie umgesetzt – dabei musste jedes Mobilstall möglichst sauber sein, um keine zusätzliche Verschleppung zu riskieren.

Hygiene im Ernstfall: Zufahrten sperren, Kleidung trennen, Fahrzeuge reinigen

Für den Krisenfall empfiehlt Andresen klare Maßnahmen: Zufahrten früh absperren, Publikumsverkehr stoppen und Desinfektionsmatten auslegen. Kleidung muss strikt getrennt bleiben. Auch Fahrzeuge gelten als Risiko – selbst Fußmatten im Auto.
Der betroffene Stall muss vollständig isoliert werden. Nichts darf hinausgetragen werden, auch keine Kadaver.

Zum Eigenschutz rät Andresen dringend zu Schutzkleidung: Overall, Überzieher, FFP3-Maske und medizinische Einmalhandschuhe.

„Auf dem Hof sperren wir im Ernstfall die Zufahrten mit Toren und Flatterband ab, sodass kein Publikumsverkehr in die betroffenen Bereiche gelangt“, sagt er. Wenn man das frühzeitig erledigt – noch bevor das Veterinäramt es anordnet –, hilft das bereits enorm. Zusätzlich sollte man bei jeder Gelegenheit Desinfektionsmatten auslegen, um Verschleppung zu verhindern.

Kleidung lagert man am besten separat. Eine strikte Trennung zwischen den Einheiten ist entscheidend. „Von Stall zu Stall sollte man das ohnehin immer machen, aber in so einem Fall war es besonders wichtig“, betont Andresen.

Schutzkleidung konsequent nutzen – auch aus Eigenschutz

Für den eigenen Schutz empfiehlt Andresen unbedingt Schutzkleidung: Überzieher, Overall, FFP3-Maske und Handschuhe – und zwar richtige Handschuhe, keine alten Arbeitshandschuhe mit Löchern, sondern medizinische Einmalhandschuhe. Die Angst vor einer Übertragung ist groß, und man merkt schnell, dass das Thema nicht nur für andere Tiere, sondern im schlimmsten Fall auch für den Menschen relevant wird.

30.000 Euro Spenden statt Abwanderung: Solidarität rettete Liquidität

Als die Packstelle vom Veterinäramt wieder freigegeben wurde, ließ Andresen sie zunächst geschlossen. Strategisch wollte er Ruhe in den Betrieb bringen.

Andresen betont die psychische Belastung, die solch ein Seuchenausbruch für alle Beteiligten hat: Viele Landwirte glauben zunächst, sie hätten Fehler gemacht. „Aber das stimmt nicht – man ist der Geschädigte“, sagt er. Auch deshalb bereitete die Familie früh ihre Öffentlichkeitsarbeit vor. Zunächst jedoch nur intern und in Absprache mit dem Veterinäramt, damit am Tag der Keulung keine Presse auf dem Hof stand. Zuerst informierte der Betrieb die Kunden direkt, Social Media folgte später. 

„Beim Thema Vermarktung ist entscheidend, aktiv die Kommunikation mit den Kunden zu suchen. Die Kunden sind nicht gegen einen. Wir haben sogar bewusst eine Verkaufspause eingelegt, obwohl wir theoretisch wieder hätten liefern dürfen. Strategisch war das klug. Wir haben zusätzlich eine Spendenaktion gestartet, über PayPal organisiert und über Instagram sowie unsere Abokisten kommuniziert. Da wir viele Kunden seit Jahrzehnten beliefern, war die Kommunikation sehr gut. Dadurch kamen rund 30.000 Euro zusammen, was uns in der Liquidität tatsächlich gerettet hat.“

Versicherung: Ohne Dokumentation drohen finanzielle Verluste

Die Tierseuchenkasse übernahm die Tiere. Doch bei der Ertragsausfallversicherung begann laut Andresen ein zäher Kampf. Er rät deshalb dringend dazu, Beratung oder externe Gutachter einzuschalten. Versicherungen versuchten oft, Leistungen zu drücken. Nur wer sauber dokumentiert, Rechnungen sammelt und klare Nachweise liefert, könne seine Ansprüche durchsetzen.

Vorbeugen ist wichtig!

Zur Vorbeugung gegen die Geflügelpest setzt Jörn Andresen auf die Basics: konsequenter Kleider- und vor allem Schuhwechsel beim Betreten der Ställe – das ist das absolute A und O. Hygieneschleusen sind sinnvoll, wenn möglich. Maschinen sollten regelmäßig gereinigt werden.

Auch die Schadnagerbekämpfung spiele eine wichtige Rolle, da vermutet wird, dass Nagetiere das Virus in die Ställe tragen können. Außerdem empfiehlt Andresen, stallbezogenes Material zu verwenden: Nicht dieselbe Gabel von Stall zu Stall tragen, sondern für jeden Stall eigenes Werkzeug einsetzen.

 

Geflügelnews / Cordula Möbius
Bild: Dieter Theyssen

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