Die Geflügelfleischbranche steht vor einem schwierigen Spagat: Mehr Tierwohl und Nachhaltigkeit sollen mit Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit zusammengebracht werden. Auf einer Veranstaltung von Trouw Nutrition wurde diskutiert, wer eigentlich darüber bestimmt, was produziert - und was gekauft wird.
In Deutschland müssen rund 84 Mio. Menschen ernährt werden. Für einen Großteil der Bevölkerung gehören zur Ernährung auch tierische Produkte. Ein großes Verbraucherthema dabei ist Tierwohl. Auch im Geflügelbereich zeigt sich, wie schwierig es ist, unterschiedliche gesellschaftliche und wirtschaftliche Ziele gleichzeitig zu erfüllen. Der Handel fordert zunehmend höhere Haltungsstandards. Ob diese dann wirklich auch in dem Maße gekauft werden, wie der Handel es vorgeben will, steht auf einem anderen Blatt. Für die Geflügelmästerin oder den Mäster muss die Produktion aber wirtschaftlich bleiben, sprich, er braucht höhere Entgelte für höhere Haltungsformen.
Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Die Diskrepanz zwischen „Wunsch und Wirklichkeit“ beim Verbraucherverhalten sowie die Zielkonflikte zwischen Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit waren ein Thema auf einer Veranstaltung von Trouw Nutrition in Dinklage (Niedersachsen). Dazu referierte Marktexperte Dr. Albert Hortmann-Scholten. Tiere, die im Freien gehalten werden, haben beispielsweise ein höheres Risiko, sich mit aviärer Influenza zu infizieren.
Extensivere Haltungssysteme haben Auswirkungen auf die Futterverwertung, den Ressourcenverbrauch und damit auf die Klimawirkung der Produktion. Besonders deutlich wird dieser Konflikt bei langsam wachsenden Hähnchenherkünften. Im vergangenen Jahr haben sich verschiedene Unternehmen und Organisationen teilweise vom sogenannten „Better Chicken Commitment“ wieder entfernt. Es setzt sehr stark auf Tierwohl.
In den Blickpunkt rücken dafür stärker die brancheneigenen Nachhaltigkeitskriterien des „European Chicken Sustainability Forum“. Der Trend geht damit wieder stärker in Richtung Klimaeffizienz. Laut Dr. Albert Hortmann-Scholten lässt sich diese Entwicklung momentan konkret in Belgien beobachten.
Internationaler Wettbewerb nimmt zu
Die deutsche Geflügelwirtschaft muss sich zudem gegen starke internationale Wettbewerber behaupten. Der Selbstversorgungsgrad bei Hähnchen liegt inzwischen nur noch bei etwa 93 Prozent. Deutschland importiert also Geflügelfleisch. Besonders Brasilien spielt (abgesehen vom aktuellen EU-Importstopp) dabei eine wichtige Rolle. Daneben sind auch Länder wie China und die Ukraine als potenzielle Wettbewerber relevant. Damit stellt sich für die heimische Produktion die Frage, wie hohe Standards finanziert werden können, wenn gleichzeitig günstigere Ware aus anderen Ländern auf den EU-Markt gelangt.
Aus Sicht des Marktexperten darf die internationale Wettbewerbsfähigkeit nicht aus dem Blick geraten. Tierwohl, Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind wichtige Ziele, müssen aber gemeinsam mit Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit betrachtet werden.
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