Geflügelmäster investieren in mehr Tierwohl, doch wer bezahlt am Ende die Kosten?

08 September 2026
Niederlande
Wissenspartner Publikum

Die Geflügelfleischbranche steht vor einem schwierigen Spagat: Mehr Tierwohl und Nachhaltigkeit sollen mit Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit zusammengebracht werden. Auf einer Veranstaltung von Trouw Nutrition wurde diskutiert, wer eigentlich darüber bestimmt, was produziert - und was gekauft wird.  

In Deutschland müssen rund 84 Mio. Menschen ernährt werden. Für einen Großteil der Bevölkerung gehören zur Ernährung auch tierische Produkte. Ein großes Verbraucherthema dabei ist Tierwohl. Auch im Geflügelbereich zeigt sich, wie schwierig es ist, unterschiedliche gesellschaftliche und wirtschaftliche Ziele gleichzeitig zu erfüllen. Der Handel fordert zunehmend höhere Haltungsstandards. Ob diese dann wirklich auch in dem Maße gekauft werden, wie der Handel es vorgeben will, steht auf einem anderen Blatt. Für die Geflügelmästerin oder den Mäster muss die Produktion aber wirtschaftlich bleiben, sprich, er braucht höhere Entgelte für höhere Haltungsformen. 

Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit 

Die Diskrepanz zwischen „Wunsch und Wirklichkeit“ beim Verbraucherverhalten sowie die Zielkonflikte zwischen Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit waren ein Thema auf einer Veranstaltung von Trouw Nutrition in Dinklage (Niedersachsen). Dazu referierte Marktexperte Dr. Albert Hortmann-Scholten. Tiere, die im Freien gehalten werden, haben beispielsweise ein höheres Risiko, sich mit aviärer Influenza zu infizieren. 

Extensivere Haltungssysteme haben Auswirkungen auf die Futterverwertung, den Ressourcenverbrauch und damit auf die Klimawirkung der Produktion. Besonders deutlich wird dieser Konflikt bei langsam wachsenden Hähnchenherkünften. Im vergangenen Jahr haben sich verschiedene Unternehmen und Organisationen teilweise vom sogenannten „Better Chicken Commitment“ wieder entfernt. Es setzt sehr stark auf Tierwohl. 

In den Blickpunkt rücken dafür stärker die brancheneigenen Nachhaltigkeitskriterien des „European Chicken Sustainability Forum“. Der Trend geht damit wieder stärker in Richtung Klimaeffizienz. Laut Dr. Albert Hortmann-Scholten lässt sich diese Entwicklung momentan konkret in Belgien beobachten.

Internationaler Wettbewerb nimmt zu

Die deutsche Geflügelwirtschaft muss sich zudem gegen starke internationale Wettbewerber behaupten. Der Selbstversorgungsgrad bei Hähnchen liegt inzwischen nur noch bei etwa 93 Prozent. Deutschland importiert also Geflügelfleisch. Besonders Brasilien spielt (abgesehen vom aktuellen EU-Importstopp) dabei eine wichtige Rolle. Daneben sind auch Länder wie China und die Ukraine als potenzielle Wettbewerber relevant. Damit stellt sich für die heimische Produktion die Frage, wie hohe Standards finanziert werden können, wenn gleichzeitig günstigere Ware aus anderen Ländern auf den EU-Markt gelangt. 

Aus Sicht des Marktexperten darf die internationale Wettbewerbsfähigkeit nicht aus dem Blick geraten. Tierwohl, Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind wichtige Ziele, müssen aber gemeinsam mit Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit betrachtet werden.

Dr. Albert Hortmann-Scholten

Konzept 5xD als Verkaufsargument

Eine Möglichkeit, sich im internationalen Wettbewerb besser zu positionieren, sieht Dr. Albert Hortmann-Scholten in der Herkunftskennzeichnung „5xD“. Herkunfts- und Qualitätssicherung könnten dazu beitragen, die deutsche Produktion gegenüber dem Verbraucher besser zu erklären. Gleichzeitig müsse aber klar sein: Wer deutsche Ware wolle, müsse auch bereit sein, dafür einen höheren Preis zu bezahlen.

Investitionen brauchen Sicherheit

Für Geflügelhalter stellt sich dabei eine ganz praktische Frage: In welche Haltungsform soll investiert werden? Wer einen Stall neu baut oder bestehende Anlagen für höhere Haltungsanforderungen umbaut, muss langfristig planen. Nach Einschätzung des Referenten ist deshalb entscheidend, dass die Betriebe einen belastbaren Vertrag mit ihrem Abnehmer haben. Wenn ein Mäster in Haltungsform 3 oder 4 investiert, müsse er darauf vertrauen können, dass die entsprechende Ware auch langfristig abgenommen und angemessen vergütet wird.

Andernfalls entsteht ein erhebliches wirtschaftliches Risiko: Der Landwirt investiert hohe Summen in einen Stall. Werden Abnahmevereinbarungen später gekündigt oder nicht mehr zu den erwarteten Bedingungen fortgeführt, kann das wirtschaftlich weitreichende Folgen für den Mäster haben.

Tierwohl und Klimaschutz zusammendenken

Letztlich gehe es deshalb um die Frage, wie Tierwohl, Tiergesundheit, Klimaschutz, Ressourcenschutz, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit miteinander in Einklang gebracht werden können.

Für die Geflügelwirtschaft bedeutet das: Mehr Tierwohl allein reicht nicht. Die höheren Anforderungen müssen auch bezahlt werden. Für die Produktionskette heiße das, so Dr. Albert Hortmann-Scholten, dass man stärker danach fragen müsse, was der Verbraucher tatsächlich kauft – und nicht nur danach, was er in Umfragen als Wunsch äußere.

Christa Diekmann-Lenartz
Bild: Dieter Theyssen
Quelle: Trouw Nutrition

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