1,5 Millionen Masthähnchen an einem Standort – so produziert Polen Geflügel

04 September 2026
Agribusiness
moderner Betrieb in Polen

1,5 Millionen Masthähnchen oder 800.000 Legehennen an einem Standort: Polens Geflügelwirtschaft arbeitet in anderen Dimensionen als die deutsche oder niederländische. Branchenkenner Bernd Elshof erklärt, wie Polen zum europäischen Geflügelschwergewicht wurde – und welche Nachteile die riesigen Strukturen mit sich bringen.

Die polnische Geflügelwirtschaft ist in den vergangenen Jahrzehnten rasant gewachsen. Heute gehört das Land zu den Schwergewichten der europäischen Geflügelproduktion. Besonders deutlich wird das an den Betriebsgrößen: Standorte mit mehr als einer Million Masthähnchen sind keine Ausnahme.

Bernd Elshof hat diese Entwicklung aus nächster Nähe erlebt. Der 61-Jährige stammt aus dem niederländischen Enschede, lebt seit mehr als 30 Jahren in Polen und arbeitet dort in der Geflügelwirtschaft. Unter anderem handelt er mit Bruteiern und Eintagsküken.

In dieser Zeit entwickelte sich Polen zum größten Masthähnchenproduzenten Europas. Auch die Haltung von Legehennen und Masthähnchen-Elterntieren wuchs stark.

In Masowien stehen Hunderttausende Hühner auf einem Betrieb

Ein Schwerpunkt der Geflügelhaltung liegt in Masowien rund um die Hauptstadt Warschau. Nach Elshofs Schätzung stehen knapp 30 Prozent des polnischen Geflügels in dieser Region.

Die Größenordnungen sind entsprechend. Elshof kennt dort Betriebe mit 600.000 bis 800.000 Legehennen. Andere halten rund 1,4 Millionen Masthähnchen an einem Standort. Hinzu kommen Unternehmen, die auf drei Standorte verteilt insgesamt 420.000 Masthähnchen-Elterntiere halten.

„Wer in Polen 150.000 Masthähnchen hält, gehört nicht zu den Großen“, sagt Elshof. Zum Vergleich: In den Niederlanden gilt ein Standort mit 120.000 Masthähnchen bereits als Großbetrieb.

Große Betriebe brauchen eigene Techniker

Die Größe bringt jedoch nicht nur Vorteile. Ein Problem sind die weiten Entfernungen in Polen. Viele Anbieter von Stalleinrichtungen sitzen laut Elshof 300 bis 400 km von den Geflügelbetrieben entfernt.

Fällt beispielsweise morgens ein Eierband aus, kann sich ein Betrieb deshalb nicht darauf verlassen, dass noch am selben Tag ein Servicetechniker vor Ort ist.

Viele größere Geflügelbetriebe beschäftigen daher eigene Mitarbeiter mit technischem Know-how. Häufig übernimmt ein Mitarbeiter gleichzeitig die Aufgaben eines Betriebstechnikers. Zudem lagern die Betriebe häufig benötigte Ersatzteile selbst ein.

Auf diesem polnischen Geflügelbetrieb werden 250.000 Masthähnchen gehalten.

Polnisches Geflügelfleisch kämpft noch mit seinem Image

Eine weitere Herausforderung sieht Elshof beim Image polnischer Geflügelprodukte. In der Vergangenheit habe es Qualitätsprobleme gegeben. Die Situation habe sich inzwischen verbessert, doch das frühere Image wirke im Export teilweise bis heute nach.

Ein Thema bleibt Salmonella. Polnische Masthähnchen seien nach Elshofs Einschätzung häufiger betroffen als niederländische Tiere, allerdings habe sich die Lage gegenüber früher verbessert.

Vor allem große Masthähnchenbetriebe und Integrationen arbeiteten daran, Salmonellenfälle zu reduzieren. Nach Elshofs Angaben wird die Zahl der Infektionen in polnischen Masthähnchenställen allerdings nicht in gleicher Weise erfasst wie in den Niederlanden.

Polnische Brütereien kaufen lieber Bruteier aus dem Ausland

Eine Besonderheit beobachtet Elshof auch im Handel mit Bruteiern. Er liefert unter anderem Bruteier aus den Niederlanden nach Polen und in die Ukraine.

Nach seiner Erfahrung kaufen polnische Brütereien kaum Bruteier voneinander. Fehlen Eier, greifen sie stattdessen auf Importe zurück, beispielsweise aus den Niederlanden. Als Grund nennt Elshof mangelndes Vertrauen in die Qualität der Ware anderer polnischer Brütereien. Befürchtet würden etwa schlechte Schlupfergebnisse oder mit Salmonellen belastete Bruteier.

Nach seiner Schätzung gibt es in Polen rund 80 kleinere und größere Brütereien. Einige erzeugen etwa 200.000 Küken pro Woche, andere erreichen eine Million. Ein Eintagsküken kostet laut Elshof netto etwa 67 bis 70 Cent und damit teilweise mehr als in den Niederlanden.

Rund 11 Millionen Masthähnchen-Elterntiere stehen in Polen

Auch bei den Elterntieren arbeitet Polen in großen Dimensionen. Elshof geht von etwa 11 Millionen Masthähnchen-Elterntieren aus, die auf mehr als 200 Betrieben gehalten werden.

Im Durchschnitt wären das rund 50.000 Elterntiere je Betrieb. Wie viele Betriebe insgesamt Masthähnchen oder Legehennen halten, kann Elshof nicht beziffern.

Masthähnchenpreis stürzte in zwei Wochen um 67 Cent ab

Trotz der Größe der Branche müssen polnische Masthähnchenhalter mit erheblichen Marktschwankungen umgehen. Da Schlachtereien nach Elshofs Angaben Geflügelfleisch nur ungern einfrieren, kann sich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage schnell auf die Preise auswirken.

Wie heftig die Ausschläge sein können, zeigt die freie polnische Masthähnchennotierung. Am 23. Juli erreichte sie 1,56 Euro/kg. Am 6. August waren es nur noch 0,99 Euro und am 11. August 0,88 Euro/kg. Innerhalb von knapp drei Wochen brach die Notierung damit um 68 Cent/kg ein.

Für einen Betrieb kann ein solcher Absturz erhebliche Folgen haben. Liefert ein Mäster mit 150.000 konventionellen Masthähnchen pro Durchgang beispielsweise 350.000 kg Schlachtgewicht und sinkt der Erlös um 67 Cent/kg, entspricht das rechnerisch 234.500 Euro weniger Umsatz.

Allerdings trifft die freie Notierung nur einen Teil der Produktion unmittelbar. Die meisten polnischen Masthähnchen werden über Verträge vermarktet. Elshof schätzt den Anteil des freien Marktes auf weniger als 10 Prozent.

Ein Geflügelbetrieb mit 300.000 Junghennen in Volierenhaltung in Polen.

EU-Förderung beschleunigte Polens Geflügelboom

Dass Polen seine Geflügelerzeugung so schnell ausbauen konnte, führt Elshof auch auf europäische Fördermittel zurück. Landwirtschaftliche Förderprogramme und Mittel zur Entwicklung des ländlichen Raums unterstützten Investitionen in moderne Ställe und Produktionsanlagen.

Nach seinen Angaben konnten Neubauten zeitweise mit bis zu 50 Prozent gefördert werden. Die Investitionen halfen der Branche, ihre Kapazitäten schnell auszubauen und Polen zu einem führenden Geflügelfleischproduzenten der Europäischen Union zu machen.

Niedrigere Arbeitskosten sind ein Standortvorteil

Ein weiterer Unterschied zu Westeuropa sind die Personalkosten. Während viele Familienbetriebe in Deutschland und den Niederlanden mit wenigen Arbeitskräften auskommen müssen, beschäftigen größere polnische Geflügelbetriebe häufig mehrere Mitarbeiter.

Nach Angaben von Elshof kostet eine Arbeitskraft den Betrieb brutto rund 12 Euro pro Stunde. Beim Beschäftigten kommen demnach etwa 8 Euro pro Stunde an. Bei einer 40-Stunden-Woche entspreche dies rund 1.386 Euro netto im Monat.

Die im Vergleich zu Westeuropa niedrigeren Löhne gehen mit geringeren Lebenshaltungskosten einher. Elshof nennt für Wohnraum in kleineren Städten beispielsweise rund 450 Euro monatlich einschließlich Nebenkosten, in Dörfern etwa 300 Euro.

Für die Geflügelbetriebe sind die niedrigeren Arbeitskosten ein wichtiger Standortvorteil. Gleichzeitig benötigen gerade die großen Betriebe Personal, das nicht nur die Tiere betreut, sondern bei technischen Problemen selbst eingreifen kann.

Polens Geflügelwirtschaft verbindet damit enorme Produktionskapazitäten mit vergleichsweise niedrigen Arbeitskosten. Doch Größe allein schützt nicht vor Problemen: lange Servicewege, Salmonellen, ein belastetes Image und teilweise extreme Preisschwankungen stellen auch die großen Geflügelbetriebe vor Herausforderungen.

Geflügelnews, Tom Schotman
Bild: Bernd Elshof
Quelle: Sterke Erven Pluimvee

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