8600 Tiere gekeult: Wie die Vogelgrippe einen Hof in Brandenburg an den Rand der Belastbarkeit brachte
08 Februar 2026
Biosicherheit
Nach dem Ausbruch der Geflügelpest musste der Spargelhof Kremmen in Brandenburg 8600 Gänse und Enten töten lassen. Der wirtschaftliche Schaden liegt im sechsstelligen Bereich. Betriebsleiter Malte Voigts spricht über den Tag, an dem alles kippte – und warum er trotzdem weitermacht.
Ein Foto als Wendepunkt
Manchmal reicht ein Bild, um die Tragweite zu begreifen: ein toter Kranich auf einer Wiese, dahinter eine Gänseherde. Malte Voigts, Betriebsleiter des Spargelhofs Kremmen im Landkreis Oberhavel, zeigt auf die Spuren im Gras. Die Gänse hatten an dem Kadaver gezupft. „Das war’s“, sagt er. Wenig später stand fest: Die Geflügelpest hatte den Betrieb erreicht.
Der Kranich war am 19. Oktober auf der Weide verendet, mitten zwischen rund 1000 Tieren. Ob er zu schwach war oder bereits im Flug starb, bleibt offen. Klar ist nur: Das Virus H5N1 verbreitete sich schnell.
Vier Tage später war der Bestand gekeult
Nur vier Tage nach dem Fund waren alle Tiere des Betriebs tot. Auf Anweisung des Veterinäramts wurden 5000 Gänse und 3600 Enten gekeult. Eine Mitarbeiterin hatte morgens die Gänse versorgt und nachmittags die Enten. Damit galt der Hof als „epidemiologische Einheit“. Auch die Enten mussten sterben, obwohl sie noch keine Symptome zeigten und es zunächst keine positiven Proben gab.
Voigts hat die Szenen bis heute im Kopf. Jeweils 35 Gänse kamen in Transportkisten. „Das war gespenstisch. Die gingen alle da rein, ohne ein einziges Schnattern. Klappe zu, Gasflasche auf, Warten“, erinnert er sich. Und dann seien sie wie Müll ausgekippt worden.
Das Virus traf den Betrieb zur schlechtesten Zeit
Als die Seuche ausbrach, hatte Voigts noch kein einziges Tier geschlachtet. Die Tiefkühlung war fast leer, nur Restbestände aus dem Vorjahr befanden sich noch im Lager. Wenige Tage später wären die ersten 1000 Gänse schlachtreif gewesen. Die Schlachtung war bereits bezahlt.
Damit platzte ausgerechnet das Vorweihnachtsgeschäft – die wichtigste Zeit des Jahres für Restaurant, Hofladen und Online-Verkauf. Firmenfeiern, Familienfeste, Festtagsbraten: Der Umsatz hängt in dieser Phase direkt am Geflügel.
Voigts suchte sofort Ersatz – um nicht auszufallen
Nach dem Schock schaltete Voigts um. Er musste funktionieren, sagt er. Nicht zuletzt wegen der 130 Beschäftigten. „Ich bin verantwortlich“, erklärt der Landwirt, der 2007 al Betriebsleiter nach Kremmen kam und später geschäftsführender Gesellschafter wurde.
Also begann die Suche nach Ersatz. Er kaufte Gänse und Enten, wo immer er Tiere bekam: beim Ökohof Kuhhorst, bei Betrieben in Wittstock, bei einem Geflügelhalter aus dem Spreewald. Die Branche half – solange sie selbst nicht betroffen war.
Wie schnell Angst um sich greift, erlebte Voigts am Telefon: Ein Mäster, bei dem er größere Mengen gekauft hatte, brach in Tränen aus. Einige Tiere verhielten sich auffällig, er fürchtete einen Ausbruch. Erst später kam Entwarnung. In jenen Tagen reichte ein Verdacht, um Betriebe ins Wanken zu bringen.
Malte Voigts, Betriebsleiter des Spargelhofs Kremmen in seinem Hofladen
Kunden blieben weg – und das Restaurant musste improvisieren
Ein Teil der zugekauften Tiere war aus Vorsicht zu früh geschlachtet worden. Statt einer festlichen Weihnachtsgans mit Gewicht brachte manche Ware nur dreieinhalb Kilo auf die Waage. Weniger Brust, weniger Fett, kaum geeignet für größere Familienessen.
Im Restaurant passten die Köche ihre Gerichte an: mehr Keule, weniger Brust. Der Rest wanderte in Fonds und Soßen. Im Hofladen ließen sich tiefgekühlte Tiere schlechter verkaufen. Viele Kunden wollten frische Ware, nicht Tiefkühlgeflügel. Einige blieben ganz weg.
Entschädigung: Kosten erstattet, aber große Lücken bleiben
Das Veterinäramt führte nach Voigts’ Darstellung ein „strenges Regiment“. Der Betrieb befolgte alle Vorgaben. Flächen, Ställe und Geräte mussten desinfiziert werden. Eine zweite Runde wäre fällig, scheiterte bisher aber am Dauerfrost.
Finanziell übernimmt die Tierseuchenkasse die Kosten für Keulung und Entsorgung. Zusätzlich gibt es eine Pauschale pro Tier. Doch Voigts wartet bis heute auf eine konkrete Abrechnung. Seit Dezember gelten höhere Entschädigungssätze, doch der Ausbruch lag im Oktober. Ob er von den neuen Sätzen profitiert, ist unklar.
Hinzu kommen hohe Desinfektionskosten: rund 300.000 Euro. Etwa ein Drittel davon muss Voigts selbst tragen.
Gewinn weg, Aufwand bleibt – der Schaden summiert sich
Selbst wenn die Entschädigung kommt, deckt sie nicht den Aufwand, der längst in den Tieren steckte: Kükenkauf, Futter, Personal, Tierarzt, Versicherungen. Voigts rechnet damit, dass er auf einem niedrigen sechsstelligen Betrag sitzenbleibt.
Noch härter trifft ihn der entgangene Gewinn. Pro Gans bleiben im Schnitt etwa zehn Euro, pro Ente rund fünf Euro. Das klingt wenig, summiert sich aber: rund 50.000 Euro Gewinn bei den Gänsen und 18.000 Euro bei den Enten – weg über Nacht.
Für Betriebe, die ausschließlich von Geflügel leben, könnte ein solcher Verlust existenzbedrohend sein.
Mehrere Standbeine retten den Hof
Der Spargelhof Kremmen trägt sich nicht nur durch Gänse und Enten. Der Betrieb lebt auch vom Spargelanbau, vom Hofladen, vom Restaurant, vom Ackerbau, von Heidelbeeren und einer Biogasanlage. Diese Mischung federt Ausfälle ab.
Voigts kennt Krisen: Corona zwang das Restaurant zur Schließung, Hagel zerstörte die Heidelbeerernte, Reparaturen belasteten die Biogasanlage. Auch diesmal hält der Hof Kurs. Der geplante Umbau des Restaurants wird nicht gestoppt.
Neustart trotz Vogelgrippe: Neue Tiere sind bereits bestellt
Aufgeben kommt für Voigts nicht infrage. Anfang Mai sollen wieder Gänseküken geliefert werden, dreiwöchige Gössel. Die Entenküken folgen Mitte Juni. Die nächste Saison ist längst geplant.
Ein Spargelhof ohne eigene Tiere sei für ihn kaum vorstellbar. „Wir wollen unseren Kunden unsere eigenen Gänse und Enten anbieten“, sagt Voigts. Für ihn ist das keine Option, sondern eine Entscheidung.
Bild:
bauernzeitung / Andreas Molidor
Quelle:
bauernzeitung / Andreas Molidor
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