„Tierseuchen erfordern betriebliches Risikomanagement“

04 September 2026
Stallmanagement
Frau Gerdes

Tierseuchen müssen heute quasi in allen tierhaltenden Betrieben als unternehmerisches Risiko angesehen werden. Ein Risiko lässt sich nicht vermeiden, muss aber soweit möglich minimiert und gemanagt werden. Was dabei für den Betrieb im Fokus stehen sollte, war Thema auf den DLG-Unternehmertagen in Würzburg. 

Betriebsführung im Stresstest – das war das Motto der diesjährigen Unternehmertage der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) in Würzburg. Globale Krisen, geopolitische Spannungen und volatile Märkte verändern die Rahmenbedingungen auf den Betrieben in immer kürzeren Zyklen und fordern Anpassungen. 

Viele Tierseuchen grassieren derzeit

Für Geflügelbetriebe wie für alle anderen tierhaltenden Betriebe sind außerdem Tierseuchen zu einem erheblichen Risikofaktor in der Produktion geworden: Afrikanische Schweinepest bei den Schweinen, BVD bei den Rindern oder eben die Vogelgrippe und Newcastle Disease (ND) beim Geflügel. Trotz der „Schutzschirme“ Tierseuchenkasse und ggf. Versicherungen erfordern Tierseuchen heute mehr denn je ein aktives Risikomanagement von betrieblicher Seite. 

Warum das unbedingt nötig ist, erläuterte auf den DLG-Unternehmertagen Dr. Ursula Gerdes, Geschäftsführerin der Niedersächsischen Tierseuchenkasse (TSK). Sie betonte, dass jede Tierhalterin und jeder Tierhalter sich heute mit der Frage befassen muss, was ein Tierseuchenfall auf dem Betrieb bedeuten würde, ob und wie er einen Seuchenfall wirtschaftlich überleben kann. 

Bei einem Fall immer viele Betriebe betroffen

Im Geflügelsektor hat der vergangene Herbst/Winter mit der Vogelgrippe-Welle sehr deutlich gemacht, dass ein Tierseuchenfall kein (seltenes) Einzelereignis mehr ist, sondern etwas, mit dem jeder Betrieb tagtäglich rechnen muss. Betroffen von zum Beispiel der Vogelgrippe waren nicht nur die direkt infizierten Bestände, sondern ebenso Betriebe in den Restriktionsgebieten oder andere, die zum Beispiel nicht beliefert werden konnten, weil Brüterei oder Aufzuchtbetrieb im Restriktionsgebiet lagen. 

Deutlich sagte Dr. Ursula Gerdes, dass die Zahlungen der Tierseuchenkasse selbst im direkt betroffenen Betrieb keineswegs alle entstehenden Kosten bzw. entgangenen Einnahmen abdecken. Für indirekt betroffene Betriebe gibt es ohnehin keine Zahlungen der Tierseuchenkasse. 

: Putenelterntierhalterin Heidrun Hain wünscht sich dringlich, dass die Vogelgrippe-Impfung etabliert wird – aus wirtschaftlichen Gründen und um Sorge und Leid in den Betrieben zu beenden.

Optimierung Biosicherheit obenan

Zum Risikomanagement gehört als erstes eine Risikoeinschätzung: Wie exponiert ist mein Betrieb? Wie gestalten sich Tiertransporte? Gibt es Zugvögel im Umfeld? Welche Besucher kommen auf den Betrieb? Wie sieht es beim Fahrzeugverkehr aus, wie gut „lebe“ ich die Schleuse zum Stall etc.? Die Optimierung der Biosicherheit ist das wichtigste Instrument, mögliche Schwachstellen zu beseitigen, bzw. die Risiken dort zu minimieren. 

In Niedersachsen haben das Landvolk und die Tierseuchenkasse mit drei Facharbeitsgruppen dazu Biosicherheitskonzepte entwickelt, die für jeden Geflügel-, Schweine- und Rinderhalter verpflichtend sind. Darin muss der Tierhalter zusammen mit seinem Tierarzt ein betriebsindividuelles Konzept erarbeiten, wie er einen Seucheneintrag verhindern will. „Biosicherheit ist betriebliches Risikomanagement“, stellte die TSK-Geschäftsführerin klar. 

Entschädigungen im Ernstfall

Was aber, wenn der Ernstfall trotzdem eintritt? Wie bekannt, trägt die Tierseuchenkasse dann bestimmte Kosten wie die Tötung und Entsorgung infizierter Bestände, den Verkaufswert der Tiere oder Reinigung und Desinfektion der betroffenen Ställe. Wenn ein Betrieb jedoch die gesetzlichen Anforderungen zum Beispiel an die Biosicherheit nicht erfüllt hat, müssen die Entschädigungszahlungen gekürzt werden. 

Für die Deckung von Folgekosten wie Stallleerstand, Wiedereinstallungsverbot etc. sollten Tierhalter sich um eine entsprechende Versicherung kümmern und genau überlegen, welche Lücken geschlossen werden sollten bzw. können. Die Frage dabei laute, so Dr. Gerdes: „Welches Risiko muss ich abdecken, damit die Existenz meines Betriebes nicht gefährdet ist?“ Es gibt hierzulande allerdings nur noch ein begrenztes Angebot an Ertragsschadensversicherungen bzw. gab auch bereits Aufnahmestopps.  

Liquidität für Seuchenfall sichern

Darüber hinaus muss es ihres Erachtens aber auch noch eine Eigenvorsorge des Betriebes geben in Richtung Liquiditätssicherung, Bildung von Rücklagen, einer Notfallplanung oder Auslotung von betriebliche Anpassungsmöglichkeiten. „Das Ziel ist, als Betrieb handlungsfähig zu bleiben“, so Dr. Gerdes. Einen resilienten Betrieb zeichne aus, dass er seine Risiken kennt, diese soweit möglich reduziert und für das verbleibende Restrisiko vorgesorgt hat. 

Angesprochen in einer anschließenden Diskussionsrunde wurde auch das Thema Vogelgrippe-Impfung. Heidrun Hain ist Putenelterntierhalterin in der Region Würzburg. Angesichts der massiven Vogelgrippe-Geschehens im vergangenen Herbst/Winter stellte sie die Frage, warum es in Deutschland nicht voran gehe mit der Impfung. Laut Dr. Ursula Gerdes arbeitet man in Niedersachsen gemeinsam mit dem Friedrich-Loeffler-Institut mit Hochdruck daran, ein Praxis-Pilotprojekt zur Impfung von Gänsen an den Start zu bringen. 

Vogelgrippe-Impfung voranbringen

Desweiteren sei ein Besuch nach Frankreich geplant, um sich über das kontrovers diskutierte Thema Handelshemmnisse auszutauschen. Frankreich hat es geschafft, diese Hemmnisse nach Einführung der Vogelgrippe-Impfung bei Enten auszuräumen. Die TSK-Geschäftsführerin appellierte an die Geflügelbranche und die Verbände, den Weg für Impfungen zumindest von zum Beispiel Zucht- oder Elterntieren geschlossen zu unterstützen. 

„Da fehlt momentan noch die Einigkeit“, bedauerten sowohl Dr. Ursula Gerdes als auch Prof. Dr. Carola Sauter-Louis vom Friedrich-Loeffler-Institut. Letztere hatte auf der DLG-Tagung einen Überblick über den aktuellen Tierseuchen-Stand in Deutschland und in der EU gegeben. 

Text:
Christa Diekmann-Lenartz

Aufgewachsen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in der intensiven Tierhaltungsregion Weser-Ems (und Studium der Agrarwissenschaften). Seit vielen Jahren berichtet sie darüber, was sich im Bereich Geflügel tut - mit Schwerpunkt Niedersachsen.

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Bild: Christa Diekmann-Lenartz

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