Vogelgrippe-Impfung: Noch viele Hausaufgaben, aber sie soll kommen
Die vielen Vogelgrippefälle dieses Winters bedeuten sehr viel Tierleid und sehr viel Leid für betroffene Betriebe. Und sie kosten sehr viel Geld. Ein einfaches „Weiter so“ Jahr für Jahr darf es nicht mehr geben. Eine Impfung könnte dazu zumindest einen Beitrag leisten. Ein Symposium in Essen (NRW) beleuchtete, wer dafür welche Hausaufgaben zu machen hat.
„Die Hausleitung wünscht sich von politischer Seite, dass wir es möglich machen, in Deutschland präventiv gegen Vogelgrippe zu impfen.“ Dieses Statement von Dr. Andrea Ligner dürften viele aus der Geflügelbranche gerne gehört haben. Andrea Ligner ist im Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) tätig. Ihre „Hausleitung“ ist Landwirtschaftsminister Alois Rainer und sie sagte dies auf einem Symposium zum Thema Vogelgrippe in Essen (Nordrhein-Westfalen).
Impf-Diskussion gewinnt an Fahrt
Dort ging es schwerpunktmäßig um die Chance, eine Präventivimpfung als zusätzliche Vorsorgemaßnahme zu etablieren. Eingeladen hatte das nordrhein-westfälische Landesamt für Verbraucherschutz und Ernährung (LAVE) zusammen mit dem Bundesverband der beamteten Tierärzte. Die Diskussion um eine Vogelgrippe-Impfung hat in diesem Winter stark an Aktualität gewonnen vor dem Hintergrund des massiven Ausbruchsgeschehens in Deutschland.
Dr. Andrea Ligner informierte zur rechtlichen Situation bezüglich einer Impfung. Sie sagte, dass ihr Haus die notwendigen nationalen rechtlichen Grundlagen schaffen will und daran „priorisiert“ arbeite. Gleichzeitig betonte sie, dass dies nur ein Baustein auf dem Weg zur Impfung sei. Parallel müssten andere Hausaufgaben erledigt werden:
- Für die einzelnen Geflügelarten müssen Impfstoffe zugelassen und in ausreichender Menge zur Verfügung stehen.
- Es müssen entsprechende Impfstrategien entwickelt werden, wo Bund, Länder, Wissenschaft und Wirtschaft eingebunden sind.
- Das Thema Handelshemmnisse ist zu diskutieren, vorrangig mit der Wirtschaft.
Handelshemmnisse sind Sache jedes Einzellandes
Wenn in einem EU-Land geimpft wird, können/werden Drittländer Importe von Geflügelprodukten verbieten. Für viele Unternehmen der deutschen Geflügelbranche ist der Export wichtiger Teil ihrer Aktivitäten. Solche Handelshemmnisse ggf. auszuräumen, wäre im Impffall immer bilateral von Deutschland anzugehen, dies ist kein EU-Thema.
Dr. Andrea Ligner stellte zudem klar, dass eine nationale rechtliche Grundlage aber auch nur besagen werde, dass Impfen grundsätzlich möglich ist. Im konkreten Fall muss dann trotzdem ein Antrag über Land und Bund nach Brüssel gestellt werden. Italien plant dies aktuell für Putenbetriebe in der Po-Ebene, wo es eine hohe Tierdichte gibt. Letztlich müssen alle Beteiligten Vor- und Nachteile einer Impfung sowie Kosten und Nutzen diskutieren und abwägen, so das Fazit von Dr. Andrea Ligner.
Impfung ist kein 100prozentiger Schutz
Prof. Dr. Timm Harder vom Friedrich-Loeffler-Institut, FLI, betonte in seinem Vortrag, dass klar sein müsse, dass „Impfung gut – alles gut“ nicht die Devise ist. Eine Impfung werde nie einen 100prozentigen Schutz bieten. Auch geimpfte Tiere können sich infizieren und müssten dann gekeult werden.
"„Realistisch ist meiner Einschätzung nach, dass es zum Winter 2027/28 die Impfmöglichkeit geben könnte“, Dr. Kristian Düngelhoef, Geflügelfachtierarzt"
Er mahnte, Biosicherheit immer an erster Stelle zu sehen. Klar sei aber auch, dass eine optimale Biosicherheit ebenso keinen 100prozentigen Schutz bedeutet. Freilandhaltungen oder offene Ställe sind besonders gefährdet. Dies gilt erschwerend vor dem Hintergrund, dass das Vogelgrippe-Virus hierzulande in einigen Wildvogelpopulationen endemisch geworden ist.
Impfstoffe müssen Kriterien erfüllen
Von daher plädierte er dafür, eine Impfung als zusätzliches Instrument der Vorsorge mitzudenken. Für Impfstoffe müssten folgende Kriterien erfüllt sein:
- Der Impfstoff führt zu einer messbaren Immunität
- Der Impfstoff schützt vor Klinik und damit vor wirtschaftlichen Schäden
- Der Impfstoff reduziert Infektionen mit Feldvirus und ggf. Ausscheidung von Feldvirus
Zur Zeit sieht das EU-Recht im Falle einer Vogelgrippe-Impfung ein sehr teures und aufwändiges Monitoring geimpfter Bestände vor. Hier sollte, so Prof. Timm Harder, nachgebessert werden. Es gebe günstigere und arbeitssparende Methoden für das Monitoring wie Tränke- oder Sockenproben.
Feld-Impfversuch an Gänsen soll kommen
Das FLI hat direkt am Institut einen Gänse-Impfversuch durchgeführt - mit interessanten Erkenntnissen. Laut Prof. Timm Harder soll es einen Folge-Feldversuch ebenfalls mit Gänsen geben. Eingebunden wäre u.a. die Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover und die Niedersächsische Tierseuchenkasse.
Als Mitinhaber einer Tierarztpraxis schilderte Dr. Kristian Düngelhoef auf dem Symposium seine Praxiserfahrungen und -erkenntnisse zum Thema Vogelgrippe. Der Sitz seiner Praxis ist in der Region Niederrhein. Wie der Geflügelfachtierarzt berichtete, gibt es dort viele Putenmastbetriebe. Durch die extrem gewachsene Anzahl an Wildvögeln am Niederrhein (Zug- und Standvögel), allen voran an Wildgänsen, stoße die Biosicherheit dort einfach an Grenzen. In der dortigen Wildvogelpopulation ist das Vogelgrippe-Virus verbreitet.
Schwindendes Verständnis für Massenkeulungen
Seines Erachtens muss das Thema Präventivimpfung hierzulande angegangen werden. Er führte dafür das viele Tierleid und die hohen Kosten infolge von Ausbrüchen an. Als weitere Argumente nannte er die hohe mentale Belastung bei den an Keulungen beteiligten Landwirtsfamilien, aber auch Hof- und Amtstierärzten oder auch das schwindende Verständnis in der Bevölkerung für die Keulungen von inzwischen Millionen Tieren hierzulande.
In der EU impft Frankreich bekanntlich schon Enten, in Italien sollen in diesem Sommer Puten geimpft werden, auch aus Dänemark gebe es entsprechende Bekundungen. Auch weltweit werde über den Einsatz einer Präventiv-Impfung gegen die Vogelgrippe nachgedacht. So stellte der Tierarzt die Frage: „Kann man sich der Impfung dauerhaft verwehren?“ - auch wenn bis zur Umsetzung noch viele Fragen zu klären seien. Laut seiner Einschätzung hoffen vor allem die Halter von Puten, Enten und Gänsen sehr stark auf eine Impfung.
Auf dem Symposium in Essen gab es weitere interessante Vorträge (Wie gehen Zoos, Tierparks etc. mit AI um? Wie sieht es bei den AI-Impfstoffen aus? Welche Ergebnisse brachte ein Impfversuch mit Legehennen in den Niederlanden?). Über diese werden wir berichten.
Text:
Christa Diekmann-Lenartz
Aufgewachsen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in der intensiven Tierhaltungsregion Weser-Ems (und Studium der Agrarwissenschaften). Seit vielen Jahren berichtet sie darüber, was sich im Bereich Geflügel tut - mit Schwerpunkt Niedersachsen.
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