Zucht bedeutet mehr als Leistung steigern. Sie entscheidet darüber, wie Tiere leben, wie robust sie sind und wie nachhaltig Landwirtschaft arbeitet. Beim Fachforum der Ökologische Tierzucht gGmbH zeigte Carsten Scheper, wie sich Ethik, Ökologie und Ökonomie in der Geflügelzucht verbinden lassen.
Dr. Carsten Scheper von der Ökologischen Tierzucht gGmbH (ÖTZ) verschaffte dem Publikum beim fünften ÖTZ-Fachforum für Tiere aus ökologischer Züchtung im März 2026 einen Einblick in das Zuchtprogramm.
„Wir sehen in dem Aspekt der Zweinutzung auf jeden Fall einen ethisch überzeugenden Ansatz“, sagt Dr. Carsten Scheper. Für die ÖTZ bedeutet Zweinutzung mehr als eine bloße Kombination aus Lege- und Mastleistung; ethische, ökologische und ökonomische Anforderungen sollen möglichst ausgewogen berücksichtigt werden.
Zuchtarbeit folgt klaren Schritten
Die Basis dieser Arbeit bildet das Zuchtprogramm der ÖTZ, das am biozertifizierten Standort im nordrhein-westfälischen Goch umgesetzt wird. Drei Linien stehen dort im Mittelpunkt: White Rock als besonders legestarke Linie, New Hampshire mit größeren Eiern sowie Bresse Gauloise als schwerere Linie mit stärkerer Mastleistung.
Der Aufbau eines solchen Programms folgt einem klar strukturierten Kreislauf. Am Anfang steht die Definition der Zuchtziele: Welche Merkmale sollen verbessert werden und mit welcher Gewichtung? Darauf aufbauend folgt die Leistungsprüfung, also die systematische Datenerhebung zu Eigenschaften wie Legeleistung, Körpergewicht oder Gesundheit. Diese Daten bilden die Grundlage für die Zuchtwertschätzung, bei der statistische Modelle den genetischen Wert einzelner Tiere bestimmen.
„Der Zuchtwert eines Tieres ist letztlich der genetische Wert, den es an seine Nachkommen weitergibt“, erklärt Scheper.
Neben den eigenen Leistungsdaten fließen dabei auch Informationen zu Verwandten und Nachkommen ein. Ziel ist es, möglichst genau zu erkennen, welche Tiere das gewünschte genetische Potenzial tragen – und welche nicht. Auf dieser Grundlage werden Tiere ausgewählt und gezielt miteinander angepaart. Aus dem Zusammenspiel von Selektion und Anpaarung ergibt sich der Zuchtfortschritt, der sich im Idealfall in jeder Generation in verbesserten Leistungen zeigt. Doch mit jeder neuen Generation beginnt der Kreislauf von vorn: Zuchtziele werden überprüft, neue Merkmale bewertet und bestehende Verfahren weiterentwickelt.
Fortschritt braucht genetische Vielfalt
Die bisherigen Ergebnisse stimmen die Züchter vorsichtig optimistisch. In allen zentralen Zuchtzielmerkmalen zeigen die Linien positive genetische Trends. Legeleistung, Körpergewicht und Eiqualität entwickeln sich in die gewünschte Richtung, auch bei Gesundheitsmerkmalen lassen sich Verbesserungen erkennen – wenn auch langsamer, da diese Eigenschaften meist eine geringere Erblichkeit besitzen. Gleichzeitig gilt es, die genetische Vielfalt zu erhalten. Denn intensive Selektion führt zwangsläufig zu steigender Verwandtschaft innerhalb der Population.
„Wenn wir die besten Tiere auswählen und mit ihnen viele Nachkommen erzeugen, erhöht sich automatisch die Verwandtschaft – und damit auch die Inzucht“, erklärt Scheper. Mithilfe spezieller Zuchtmethoden versucht die ÖTZ daher, Zuchtfortschritt und genetische Diversität in Einklang zu halten.
In der Praxis kommen schließlich Kreuzungen aus verschiedenen Linien zum Einsatz. Diese sogenannten Gebrauchskreuzungen nutzen den Heterosiseffekt: Die Nachkommen können Leistungen zeigen, die über dem Durchschnitt der Elternlinien liegen – insbesondere bei komplexen Merkmalen wie Gesundheit oder Robustheit.
Neue Merkmale im Blick
Zuchtprogramme bleiben jedoch nie statisch. Ein wichtiger Teil der Arbeit besteht darin, neue Merkmale zu identifizieren und ihre genetische Bedeutung zu prüfen. Dazu zählen beispielsweise krumme Zehen, Brustbeinveränderungen oder Legunterbrechungen.
Gerade bei Brustbeinveränderungen sieht die ÖTZ Handlungsbedarf. Erste Untersuchungen zeigen eine genetische Komponente, auch wenn viele Faktoren wie Fütterung oder Haltung ebenfalls eine Rolle spielen. „Wir sind relativ sicher, dass wir hier züchterisch Einfluss nehmen können“, sagt Scheper.
Auch genetische Besonderheiten wie die sogenannte FMO3-Defizienz geraten stärker in den Fokus. Dabei handelt es sich um einen Gendefekt, der dazu führen kann, dass Eier bei bestimmter Fütterung einen fischartigen Geruch entwickeln. Durch genetische Tests sollen entsprechende Anlagen künftig gezielt aus den Zuchtlinien entfernt werden.
Zucht als gemeinsame Aufgabe
Trotz aller Fortschritte versteht sich die Arbeit der ÖTZ nicht als abgeschlossene Lösung. Vielmehr begreifen die Verantwortlichen das Projekt als langfristigen Entwicklungsprozess – und als gemeinschaftliche Aufgabe.
„Die Erfolge unserer Arbeit sind Gemeingut“, betont Scheper. Der Austausch mit der Praxis spiele deshalb eine zentrale Rolle. Rückmeldungen von Landwirten und Betrieben helfen, die Zuchtziele weiterzuentwickeln und neue Herausforderungen frühzeitig zu erkennen.




































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