Vogelgrippe: Wer steckt(e) wen an – eine Einordnung

05 November 2025
Biosicherheit
Wildgänse und Kraniche

Die Vogelgrippe wird inzwischen in allen Zeitungen, Rundfunk, Fernsehen und den sozialen Medien diskutiert. Es werden auch Vorwürfe laut, die Geflügelbranche sei schuld am aktuellen Ausbruchsgeschehen. Wir baten das Friedrich-Loeffler-Institut, FLI, um eine Einordnung des aktuellen Geschehens. 

Die Vogelgrippe breitet sich in Deutschland immer weiter aus. Die Belastungen für die Geflügelhalterinnen und Geflügelhalter sind extrem hoch – weil ihr Betrieb betroffen ist, sie in einer Restriktionszone liegen, weil Stallpflicht verordnet ist oder weil sie einen Eintrag in den eigenen Bestand befürchten. 

Aktuell werden nun vermehrt Vorwürfe laut, das Virus habe seinen Ursprung in der Geflügelwirtschaft. Wir baten das FLI um eine Einordnung der aktuellen Geschehnisse, hier nachfolgend zusammengefasst:  

Ursprung des Vogelgrippe-Virus in Südchina

Der Ursprung des sich seit Jahrzehnten immer weiter ausbreitenden Vogelgrippe Virus H5N1 liegt in den 1990er Jahren in Südchina. Dort wurde es zuerst in Geflügelhaltungen nachgewiesen, jedoch nicht getilgt und konnte sich immer weiter ausbreiten. Durch vermehrte Kontakte mit Wild- und Zugvogelpopulationen in Südostasien wurden diese infiziert. 

Seitdem hat sich diese als „Gans/Guangdong“ bezeichnete H5-Viruslinie vielfach weiterentwickelt und durch Vermischungen mit anderen aviären Influenzaviren immer besser an Wildvögel und insbesondere Zugvögel angepasst. Seit 2005 verbreitete sie sich zunehmend auf verschiedene Kontinente (vor allem Asien, Afrika, Mittlerer Osten). Hieraus ist Anfang der 2020er Jahre eine H5-Variante hervorgegangen, die sich besonders über Zugvögel rasant und weltweit (außer Australien) verbreitet hat.  

Bestandsgröße und Haltung ohne Einfluss auf Virulenz

Unter Berücksichtigung aller vorhandenen Daten (Epidemiologie, Vogelzug-Zeitschienen, verendete Wildvögel, Wetter etc.), kann die Rolle von Wildvögeln bzw. Geflügelhaltungen bei der Verbreitung wie folgt abgeschätzt werden: 

Zu berücksichtigen ist, dass die Größe einer Geflügelhaltung sowie die Art der Haltung (Freiland/Stall) keinen Einfluss auf die Virulenz des Virus haben. Biosicherheit von Geflügelhaltungen berücksichtigt immer zwei Seiten: den Schutz vor Eintrag eines Virus und den Schutz vor Austrag eines Virus aus einem Bestand. 

In Deutschland gibt es ein sehr gut funktionierendes Tierseuchenbekämpfungssystem. Durch verlässliche und rasche Diagnostik (Früherkennung) sowie die Umsetzung aller Restriktionsmaßnahmen (Sperrung, Bestandsräumung) kann das Virus in einem Ausbruchsbestand frühestmöglich erkannt und getilgt werden. So kommt es nicht zu Sekundärausbrüchen in anderen Geflügelhaltungen bzw. zu Austrägen in Wildvogelpopulationen. 

Monitoring zeigt Virus auch bei Gänsen und Enten

Für das aktuelle Geschehen in Deutschland ist sehr klar das flächenhafte Auftreten einer H5N1-Stammvariante in Europa und Deutschland zeitlich parallel zum Vogelzug zu erkennen. Das H5N1-Virus zirkuliert bei Wildenten und -gänsen. Dies wurde im aktiven Monitoring in Italien und den Niederlanden beobachtet. In Deutschland wurde das Virus gefunden bei anscheinend gesund erlegten Stockenten. 

Damit ist das Risiko für direkte und indirekte Übertragungen hoch. Welche Rolle eine Herdenimmunität bei Wildvögeln gegen H5 spielt, kann derzeit nur abgeschätzt werden. Sie könnte aber sehr gut erklären, warum viele Wildenten und -gänse die Infektion überleben und dennoch Virus ausscheiden. 

Kraniche ohne relevante Herdenimmunität

Zum aktuellen massiven Geschehen bei Kranichen ist zu sagen, dass diese hoch empfänglich sind, was auf eine fehlende relevante Herdenimmunität hindeutet. Somit tritt das Virus in großer Zahl auf engem Raum auf. Aufgrund dieser Eckdaten und der bislang zur Verfügung stehenden Virussequenzen ist es plausibel, dass sich Kraniche zuerst über den Kontakt zu Virus ausscheidenden anderen Wildvögeln angesteckt haben. Eine konkretere Bewertung erfordert die Zusammenschau von mehr Virussequenzen aus dem östlichen und nördlichen Europa.

Das Virus wurde/wird dann in der Kranichpopulation weiterverbreitet. Diese Konstellation führt nun erstmals zum beobachteten Kranichsterben in Deutschland. Es ist durch den Zug der Kraniche inzwischen ebenso in Frankreich und Spanien zu beobachten. 

Massive Präsenz des Virus in der Umwelt

Festzuhalten bleibt, dass der beschriebene sehr hohe Virusdruck in der Wildvogelpopulation (insbesondere wilde Wasservögel) eine massive Präsenz von Virus in der Umwelt bedingt. Das führt zu einem hohen Risiko des Eintrages in Geflügelbestände. Hieraus resultieren vermutlich die zahlreichen Ausbrüche in Deutschland. Es gibt bislang kaum Hinweise auf Übertragungen zwischen Geflügelbeständen. Zusammengenommen sprechen die epidemiologischen Daten somit vielmehr für Einzeleinträge aus der Wildvogelpopulation. 

Keine Belege für unerkanntes Zirkulieren in Beständen

Es gibt bisher keine belastbaren Belege für eine unerkannte Zirkulation von H5N1 Virus in Geflügelhaltungen in Deutschland. Im Gegenteil, Puten und Hühner erkranken sehr schnell und sehr heftig, so dass hier auch die klinische Früherkennung sehr gut funktioniert. 

Insbesondere bei Entenbeständen ist eine erhöhte Aufmerksamkeit notwendig, da das klinische Bild abgeschwächt sein kann. Dem kann aber mit Untersuchungsprogrammen vor der Schlachtung Rechnung getragen, die in Niedersachsen bereits durchgeführt werden. 

Text:
Christa Diekmann-Lenartz

Aufgewachsen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in der intensiven Tierhaltungsregion Weser-Ems (und Studium der Agrarwissenschaften). Seit vielen Jahren berichtet sie darüber, was sich im Bereich Geflügel tut - mit Schwerpunkt Niedersachsen.

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Bild: AdobeStock_Frank

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