Rabobank sieht starke Perspektiven für Geflügelhalter – warnt aber vor überzogenen Erwartungen
Nan-Dirk Mulder und René Veldman von der Rabobank
Hohe Erlöse bei Eiern, Hähnchenfleisch und Bruteiern sorgen derzeit für Rückenwind in der Geflügelbranche. Die niederländische Rabobank sieht deshalb gute Perspektiven für Legehennenhalter, Masthähnchenhalter und Vermehrer – nicht nur in den Niederlanden. Gleichzeitig mahnt die Bank in einem Interview mit dem niederländischen Fachportal „pluimveeweb“ zur Vorsicht: Wer investiert, sollte nicht mit den aktuell außergewöhnlich hohen Gewinnen kalkulieren.
Rabobank: Geflügelbranche wirtschaftlich stark
Die Stimmung in der niederländischen Geflügelwirtschaft bleibt positiv. Nach Einschätzung der Rabobank profitieren viele Betriebe derzeit von außergewöhnlich hohen Erlösen. Vor allem Eier, Hähnchenfleisch und Bruteier erzielen weltweit hohe Preise.
„Es gibt weltweit einen Mangel an Eiern, Hähnchenfleisch und Bruteiern“, erklärt Geflügelmarktanalyst Nan-Dirk Mulder. Sein Kollege René Veldman, seit Ende 2023 Sektormanager Geflügelhaltung bei der Rabobank, bestätigt die gute wirtschaftliche Lage vieler Betriebe.
Bank finanziert nicht auf Basis der Rekordgewinne
Trotz der hohen Gewinne bleibt die Bank bei Krediten zurückhaltend. Große Investitionen wie Stallneubauten oder Betriebsübernahmen bewertet die Rabobank weiterhin auf Grundlage langfristiger Durchschnittswerte. „Wir finanzieren nicht auf Basis der aktuellen Renditen“, sagt Veldman. Stattdessen orientiere sich die Bank an den sogenannten KWIN-Daten, die langfristige Durchschnittsergebnisse der Tierhaltung abbilden.
In den vergangenen Jahren konnten einige Geflügelhalter Investitionen sogar aus dem laufenden Cashflow bezahlen. Dadurch benötigen viele Betriebe seltener Fremdkapital.
"Geflügelhalter bezahlen eine Betriebsübernahme aus ihrem laufenden Konto"
Ausnahmen macht die Bank vor allem dann, wenn langfristige Lieferverträge bestehen. Drei- oder Fünfjahresverträge mit Abnehmern schaffen aus Sicht der Bank zusätzliche Sicherheit für größere Investitionen.
Konventionelle Mast bleibt relevant
In der niederländischen Geflügelbranche kursiert die Sorge, Banken würden nur noch Ställe für Programme mit höheren Tierwohlstandards finanzieren. Die Rabobank widerspricht. Auch konventionelle Masthähnchenställe blieben finanzierbar. Gleichzeitig erkennt die Bank einen klaren Trend zu stärker integrierten Produktionssystemen. Besonders Programme wie „1-Stern-Beter-Leven“ hätten die niederländische Geflügelwirtschaft stark verändert.
Trotzdem sieht Mulder weiterhin Zukunftschancen für konventionelle Mäster. Vor allem der Markt für Halal-Hähnchen wachse in Westeuropa deutlich. Der Lebensmitteleinzelhandel und spezialisierte Halal-Supermärkte treiben diese Entwicklung zusätzlich an.
Veldman betont, dass jeder Betrieb seine eigene Marktstrategie finden müsse. Wer freie Märkte bediene, müsse stärkere Preisschwankungen akzeptieren. Tierwohlprogramme böten dagegen mehr Stabilität, begrenzten aber unternehmerische Freiheiten.
René Veldman betont, dass die Rabobank auch neue konventionelle Masthähnchenställe finanziert und nicht nur Neubauten von 1-Stern-Beter-Leven-Masthähnchenställen.
Nachfrage nach Geflügelfleisch wächst weiter
Die Rabobank erwartet auch langfristig eine steigende Nachfrage nach Geflügelfleisch. In Europa wachse der Verbrauch jährlich um 1,5 bis 2 Prozent.
Zusätzlich verschärfen viele Länder ihre Tierwohlauflagen. Sinkende Besatzdichten könnten das Angebot begrenzen und die Märkte stützen. Im Vereinigten Königreich dürfen viele Betriebe inzwischen nur noch 30 Kilogramm Lebendgewicht pro Quadratmeter halten.
Beim European Chicken Commitment (ECC) sieht Mulder dagegen Verzögerungen. Mehrere große Unternehmen in Großbritannien hätten sich bereits von den ursprünglichen ECC-Vorgaben entfernt und eigene Programme entwickelt.
Steigende Lebenshaltungskosten verändern laut Rabobank zudem das Kaufverhalten der Verbraucher. Für viele Haushalte gewinnt der Preis wieder stärker an Bedeutung als zusätzliche Tierwohlstandards.
Mercosur-Abkommen erhöht Wettbewerbsdruck
Sorgen bereitet der Branche das Mercosur-Abkommen. Künftig könnten jährlich zusätzlich 180.000 Tonnen Geflügelfleisch aus Südamerika auf den europäischen Markt gelangen.
"Durch das Mercosur-Handelsabkommen kommen jährlich 180.000 Tonnen zusätzliches Hähnchenfleisch aus Südamerika nach Europa."
Vor allem Brasilien gilt wegen seiner niedrigen Produktionskosten als starker Wettbewerber. Mulder erwartet jedoch keinen unmittelbaren Preiseinbruch auf dem europäischen Frischmarkt. Das zusätzliche Fleisch werde überwiegend als Tiefkühlware verarbeitet, etwa für Snacks, Fertiggerichte oder Pizza. Dennoch dürfte das Abkommen den Wettbewerbsdruck auf europäische Mäster langfristig erhöhen.
Polen bleibt wichtiger Konkurrent
Polen bleibt nach Einschätzung der Rabobank ein starker Wettbewerber in der europäischen Geflügelproduktion. Allerdings bremsen strengere Genehmigungsverfahren den Ausbau neuer Mastkapazitäten inzwischen deutlich.
Gleichzeitig belastet die Vogelgrippe den polnischen Markt. Besonders bei Elterntierbetrieben kam es zuletzt zu schweren Ausfällen. Dadurch stiegen die Preise für Eintagsküken stark an.
Bruteier bleiben knapp
Die Rabobank erwartet auch in den kommenden Jahren einen strukturellen Mangel an Bruteiern. Weltweit wächst die Masthähnchenproduktion schneller als die Zahl der Elterntiere.
Viele Vermehrer wechselten in den vergangenen Jahren aufgrund besserer Erlöse in die Mast oder Eierproduktion. Gleichzeitig verlangt die Vermehrung deutlich mehr Fachwissen als andere Geflügelbereiche. Die Folge: Bruteier bleiben knapp und teuer. Davon profitieren Vermehrer derzeit erheblich.
Legehennenhalter profitieren vom Eiermarkt
Auch die Perspektiven für Legehennenhalter bewertet die Rabobank positiv. Denn besonders Deutschland bleibe auf Eierimporte angewiesen, weil die deutsche Produktion allein den Bedarf weiterhin nicht decken könne.
Gleichzeitig erwartet der Analyst eine Verschiebung hin zum Konsumeiermarkt. Viele Betriebe bauen ihre Haltungssysteme von Kleingruppen auf Freiland- oder Bodenhaltung um. Dadurch sinkt das Angebot für die Eierindustrie.
Der Konsum von Eiern wächst laut Rabobank stärker als früher; Eier und Geflügelfleisch gelten trotz steigender Preise weiterhin als günstige Eiweißquellen.
Vogelgrippe bleibt größter Unsicherheitsfaktor
Als entscheidenden Risikofaktor sieht die Rabobank weiterhin die Vogelgrippe. Sinkt die Zahl der Ausbrüche weltweit deutlich, könnte das Angebot rasch steigen und die Preise unter Druck setzen.
Mulder verweist auf die Entwicklung in den USA. Dort explodierten die Eierpreise nach massiven Ausbrüchen zunächst, fielen später aber wieder deutlich zurück.
Die Bank erwartet deshalb langfristig keine dauerhaft außergewöhnlich hohen Gewinne. „Auf gute Jahre folgt auch wieder ein Tal“, sagt Mulder.
Aufzuchtbetriebe fordern höhere Vergütung
Sorgen bereiten der Branche außerdem die wirtschaftlichen Perspektiven vieler Aufzuchtbetriebe. Einige Aufzüchter wechselten zuletzt in andere Geflügelsparten, weil die Aufzuchtvergütung zu niedrig sei.
Die Rabobank hält höhere Vergütungen für notwendig, um genügend Aufzüchter im Markt zu halten. In stärker integrierten Produktionssystemen könnten große Unternehmen künftig eigene Aufzuchtkapazitäten aufbauen.
Geflügelnews
Bild:
Natasja Beverloo
Quelle:
Tom Schotman, pluimveeweb
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