Neue Technik in Ahlen: Erste Bio-Brüterei setzt auf In-ovo-Geschlechtsbestimmung
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Seit dem Verbot des Kükentötens in Deutschlands haben viele (der noch verbliebenen) Brütereien in Deutschland eine Geschlechtsbestimmung im Brutei installiert. Es gibt verschiedene Systeme auf dem Markt. Jetzt setzt die Brüterei „ab ovo“ mit Sitz im nordrhein-westfälischen Ahlen als erste Bio-Brüterei in Deutschland auch auf die neue Technik.
Das familiengeführte Unternehmen „ab ovo“ zählt mit zu den Marktführern in Deutschland im Bereich Geflügelvermehrung. 2023 wurde am Standort Ahlen in Nordrhein-Westfalen eine neue Verwaltung und eine neue Bio-Brüterei gebaut. Die Kapazität der Bio-Brüterei liegt bei ca. 9 Mio. Küken pro Jahr. Ausgebrütet werden sowohl Bio-Legehybriden als auch Bio-Masthähnchenküken. Für die Legehybriden wurde im vergangenen Jahr in Ahlen ein System zur Geschlechtsbestimmung im Brutei installiert. Es ist Anfang diesen Jahres in Betrieb gegangen.
In der Biobrüterei Ahlen können pro Jahr 9 Mio. Küken ausgebrütet werden.
Biokreis e.V. lässt In-ovo-Geschlechtsbestimmung zu
Geschäftsführer Malte Wolter, der das Unternehmen in zweiter Generation leitet, freut sich, dass die neue Technik nun auch im Biobereich Anwendung findet und die - aufwändige - Bruderhahnaufzucht ersetzen kann: „Der Biokreis e.V. hat erst vor kurzem entschieden, dass seine Eiererzeuger geschlechtssortierte Bio-Junghennen einstallen dürfen,“ berichtet er. Auch „ab ovo“ verfügt über Aufzuchtkapazitäten für Bruderhähne.
Diese Produktion wird jedoch immer wieder kritisch diskutiert bzgl. des Themas Nachhaltigkeit und der Vermarktungsmöglichkeiten. Bisher sind die Bioverbände eher zurückhaltend, was die Geschlechtsbestimmung im Ei angeht. Hier stehen die Alternativen Zweinutzungstiere oder eben die Bruderhahnaufzucht im Fokus.
Seleggt-Verfahren mit hoher Genauigkeit
Malte Wolters hat sich für eine „Seleggt“-Anlage des niederländischen Unternehmens HatchTech entschieden. HatchTech ist Anbieter von Brüterei-Ausrüstungen. Beim „Seleggt“-Verfahren wird bei den Bruteiern mit einem Präzisionslaser ein winziges Loch in die Schale gebohrt. Dann wird eine geringe Menge der Allantoisflüssigkeit entnommen und im Labor der Brüterei untersucht. Das bei weiblichen Embryonen enthaltene Geschlechtshormon wird per Farbmarker erkannt. Das winzige Loch in der Eischale wird bei den Eiern mit weiblichem Embryo sofort wieder mit Wachs verschlossen und diese werden weiter ausgebrütet. Die Eier mit männlichen Embryonen gehen unter anderem in die Fischfutterherstellung.
Für die spätere Zuordnung der untersuchten Bruteier bekommt jede Horde einen QR-Code.
Warum hat sich „ab ovo“ für die Seleggt-Technik entschieden? Malte Wolter: „Das Verfahren hat eine sehr hohe Trefferquote von bis über 99 Prozent. Das heißt, dass im Verhältnis nur eine sehr geringe Anzahl männlicher Küken versehentlich mit ausgebrütet wird. Diese männlichen Küken ziehen wir laut Biokreis-Vorgaben auf und mästen sie.“ Die Seleggt-Anlage benötigt im Vergleich zu anderen Verfahren außerdem recht wenig Strom, was der Brüterei-Chef gerade aktuell durchaus als Vorteil sieht. Nicht zuletzt schätzt er den Anbieter HatchTech als langjährigen und erfahrenen Zulieferer von Brüterei-Technik.
Selektion schon vor dem 13. Bruttag möglich
Derzeit werden die ersten Chargen Bruteier mit der Seleggt-Technik am 13. Bruttag selektiert. In den kommenden Wochen will man sich in Ahlen jedoch noch an einen früheren Termin herantasten – auf Wunsch des Biokreis e.V. Malte Wolter: „Wir müssen schauen, wie stark die Zuverlässigkeit leidet, wenn wir die Selektion bereits früher vornehmen“, gibt er zu bedenken. Rechtlich erlaubt ist die Geschlechtsbestimmung bis zum 13. Bruttag.
Dies gilt seit dem 1. Januar 2024. Vorher galt als Grenze der 7. Bruttag. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hatte im Vorfeld eine Studie in Auftrag gegeben, die sich mit dem Schmerzempfinden von Hühnerembryonen beschäftigte. Das Ergebnis: Hühnerembryonen haben erst ab Bebrütungstag 13 die Fähigkeit zur Schmerzweiterleitung und -verarbeitung, also deutlich später als bis dahin angenommen.
Nach Entnahme einer minimalen Menge Allantoisflüssigkeit wird das Loch wieder mit Wachs verschlossen.
Folglich wurde das Gesetz entsprechend abgeändert, als Grenze gilt jetzt der 13. Bruttag. Die heute auf dem Markt befindlichen Systeme kommen zum Teil vor dem 13. Bruttag zum Einsatz, zum Teil aber eben auch mit etwas höherer Fehlerquote. Malte Wolter freut sich auf jeden Fall, dass er die neue Technik seinen Biokunden anbieten kann und hofft, dass auch andere Bioverbände das Verfahren für ihre Legehennenbetriebe zulassen.
Christa Diekmann-Lenartz
Bild:
Christa Diekmann-Lenartz
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