Dirk Wigbers, Geschäftsführer der FreiMäster, erklärte in einem Interview mit der Zeitschrift Land und Forst, warum die Hähnchenmast derzeit boomt, welche Haltungsformen sich lohnen – und was Neueinsteiger beachten sollten.
Der Hähnchenmarkt ist aktuell so gefragt wie selten zuvor. Dirk Wigbers, selbst seit 30 Jahren Hähnchenmäster und Geschäftsführer des Landwirts-Zusammenschlusses FreiMäster, berichtete im Gespräch mit der Fachzeitschrift Land und Forst von einer „immensen Nachfrage“ bei gleichzeitig knappen Tierzahlen. Besonders gefragt sind derzeit Tiere aus den Haltungsformen 1 und 2 – sowohl für Gastronomie als auch für Frischfleisch.
FreiMäster: Kooperation statt Konkurrenz
Die FreiMäster sind ein Netzwerk von Hähnchenmästern, die Küken und Futter gemeinsam einkaufen und ihre Produktion gemeinsam vermarkten. Ziel ist es laut Wigbers, durch Datenanalysen und Qualitätssicherung die Leistung der einzelnen Betriebe zu verbessern. „Wir sehen uns nicht als Konkurrenten, sondern entwickeln unsere Betriebe gemeinsam weiter“, betont er.
Haltungsformen im Vergleich: Was lohnt sich aktuell?
Obwohl die Haltungsform 3 für viele Verbraucher an Bedeutung gewinnt, sind Haltungsform 1 und Haltungsform 2 derzeit wirtschaftlich im Vorteil – vorausgesetzt, die Leistung im Stall stimmt. Dennoch gab es in der Vergangenheit auch Phasen, in denen Haltungsform 3 profitabler war. Aktuell lohnt sich laut Wigbers aufgrund des Nachfrageüberhangs nahezu jede Form der Mast.
Warum Hähnchenfleisch aktuell so stark nachgefragt ist
Mehrere Gründe treiben nach Aussagen von Dirk Wigbers die Nachfrage:
- Produktionsausfälle in Polen und den USA infolge von Vogelgrippe und Salmonellen.
- Veränderte Essgewohnheiten in Deutschland mit steigendem Konsum von Geflügelfleisch.
- Strukturwandel in den Niederlanden, wo durch tierwohlgerechtere Haltung (Beter Leven) deutlich weniger Fleisch produziert wird.
Niederlande: Rückbau statt Neubau – eine Chance für Deutschland
In den Niederlanden sei Beter Leven inzwischen Standard in den Supermärkten, sagt Wigbers. Dieses System reduziere durch geringere Besatzdichten und langsam wachsende Tiere die Fleischmenge um bis zu 60 %. Gleichzeitig seien Brütereien, Schlachtereien und Futtermühlen auf höhere Kapazitäten ausgelegt – und suchen nun nach neuen Lieferanten. Da in den Niederlanden zudem kaum noch Stallneubauten genehmigt werden, ergeben sich laut Wigbers neue Vermarktungschancen für deutsche Betriebe.
Wintergarten als Hürde: Genehmigung in Deutschland schwierig
Doch wer in Haltungsform 3 einsteigen will, muss die Hürde Wintergarten nehmen. Denn sowohl für Haltungsform 3 als auch für Beter Leven ist ein Wintergarten Pflicht. Zwar gilt für bestehende Betriebe noch eine Übergangsfrist, für Neueinsteiger ist der Wintergarten jedoch bereits jetzt vorgeschrieben. In der Praxis gestaltet sich die Genehmigung des Wintergartens allerdings schwierig, weil viele Landkreise dies als erhebliche bauliche Änderung einstufen.
Haltungsform 3 im Stall: Weniger Antibiotika, mehr Tierwohl – aber auch mehr Aufwand
Im Land-und-Forst-Interview hebt Dirk Wigbers die Vorteile der Haltungsform 3 hervor: Die Tiere wachsen langsamer, sind robuster und verursachen weniger Stress im Stall. „Wir hatten in 250 Durchgängen keine einzige Antibiotikagabe“, sagt er. Auch viele Haltungsform 1- und Haltungsform 2-Betriebe kämen inzwischen fast ohne Medikamente aus – sofern die Managementleistung stimmt.
Zahlt der Verbraucher mehr für Tierwohl?
Noch ist unklar, ob sich Verbraucher dauerhaft bereit zeigen, höhere Preise für bessere Tierhaltung zu zahlen. Im Moment werde Haltungsform 2 gut angenommen. Der Lebensmitteleinzelhandel will laut Wigbers alle Haltungsformen anbieten – von Haltungsform 1 bis Haltungsform 5.
Marktrisiken: Mercosur und EU-Erweiterung im Blick
Trotz des aktuellen Booms warnt Wigbers vor langfristigen Risiken:
- Das Mercosur-Abkommen könnte zu günstigerer Importware führen.
- Die EU-Erweiterung könnte den Wettbewerb für deutsche Betriebe verschärfen.
- Offen bleibt, wie tragfähig die Tierwohl-Zahlungsbereitschaft der Verbraucher ist.
Neustart in die Hähnchenmast? Nur mit guter Planung
Ein Neueinstieg in die Hähnchenmast ist teuer und mit großen Verpflichtungen verbunden. „Man muss wissen, dass man sich oft auf sechsstellige Jahresverpflichtungen einlässt – und man muss damit auch schlafen können“, warnt Wigbers. Deshalb seien Beratung, Planung und betriebliche Einbindung entscheidend. Die aktuellen Bedingungen seien gut, könnten sich aber auch rasch ändern.
Fazit: Große Chancen, aber nicht ohne Risiko
Der Markt für Hähnchenfleisch ist derzeit attraktiv – besonders für gut aufgestellte Betriebe oder Neueinsteiger mit solider Planung. Wer investiert, muss jedoch auch Rückschläge einkalkulieren. Die Zukunft der Hähnchenmast hängt nicht nur vom Markt, sondern auch von Genehmigungslage, Verbrauchertrends und internationalem Wettbewerb ab.




































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