Vogelgrippe-Impfung: Welche Rolle sie künftig bei der Bekämpfung der Geflügelpest spielen könnte
Die Vogelgrippe bedroht Geflügelbestände inzwischen ganzjährig. Eine Impfung könnte ein wichtiges Standbein der kombinierten Seuchenbekämpfung sein. Auf der Mitgliederversammlung des GWV Mecklenburg-Vorpommern erklärte Prof. Dr. Timm Harder vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) wie eine künftige Impfstrategie aussehen könnte.
Die Geflügelpest (hochpathogene Aviäre Influenza, HPAI) bleibt eine der größten Herausforderungen für die deutsche Geflügelwirtschaft. In der vergangenen Saison (September 2025 bis Juli 2026) registrierten die Behörden in Deutschland 274 HPAI-Ausbrüche bei gehaltenen Vögeln. Besonders betroffen waren Puten- und Hühnerbestände. Hinzu kamen knapp 4.000 Virusnachweise bei Wildvögeln.
Geflügelpest breitet sich im Herbst 2026 erneut in Deutschland aus
Auch für den Herbst 2026 werden bereits erste HPAI-Fälle in Geflügel gemeldet. Ende Oktober bestätigten die Behörden in Schleswig-Holstein mehrere Ausbrüche in Geflügelhaltungen innerhalb weniger Tage. Auch unsere Nachbarländer Belgien, Niederlande und Dänemark melden aktuell neue Geflügelpest-Fälle.
Sowohl die Entwicklung der letzten Jahre als auch die erneuten Ausbrüche in diesem Herbst zeigen, vor welchem Problem die Geflügelwirtschaft steht: Selbst konsequente Biosicherheitsmaßnahmen, eine schnelle Diagnostik und die Keulung infizierter Bestände können Einträge des Virus aus der Wildvogelpopulation nicht vollständig verhindern. Deshalb rückt eine weitere Möglichkeit zunehmend in den Fokus: Könnte die Impfung als vierte Säule der Geflügelpestbekämpfung die bisherigen Maßnahmen ergänzen, Geflügelbestände besser schützen und die Zahl der Ausbrüche senken?
Welche Chancen eine Impfung gegen die Geflügelpest bietet, welche Hürden noch bestehen und wie eine künftige Impfstrategie aussehen könnte, erläuterte Prof. Dr. Timm Harder vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) kürzlich auf der Mitgliederversammlung des Geflügelwirtschaftsverbandes Mecklenburg-Vorpommern.
H5N1: Warum Geflügelhalter ihre Bestände das ganze Jahr schützen müssen
„Wir kennen das Virus schon lange, aber in den letzten Jahren bis zur Spitzensaison 2025/2026 haben die Ausbrüche immer mehr zugenommen“, erklärte Prof. Harder. Während die Geflügelpest früher vor allem saisonal im Zusammenhang mit dem Vogelzug auftrat, lässt sich das Virus inzwischen das ganze Jahr über nachweisen. Für Geflügelhalter bedeutet es: Das Risiko, dass das H5N1-Virus in ihre Bestände eingeschleppt wird, besteht mittlerweile ganzjährig.
Wildvögel spielen bei der Einschleppung des HPAI-Virus eine wichtige Rolle. Über kontaminierte Gegenstände, Schuhe oder Reifen kann der Erreger auch indirekt in Geflügelbestände gelangen.
Eine entscheidende Rolle spielen dabei Wildvögel. „Im Gegensatz zur Newcastle Disease ist bei der HPAI bislang die Wildvogelpopulation primär an Einschleppungen beteiligt“, erläuterte Harder. Damit das Virus in einen Stall gelangt, muss ein infizierter Wildvogel nicht unmittelbar mit dem gehaltenen Geflügel in Kontakt kommen. Indirekte Übertragungswege bergen die entscheidenden Risiken. So können kleinste Mengen infizierten Kots, verunreinigtes Wasser oder kontaminierte Gegenstände, Reifen und Schuhe das Virus in einen Bestand tragen.
Um ihre Tiere zu schützen, müssen Geflügelhalter deshalb vor allem verhindern, dass das Virus in ihre Ställe gelangt. Konsequente Biosicherheitsmaßnahmen sind dafür unverzichtbar. Doch selbst diese bieten keinen vollständigen Schutz, denn „…trotz dieser Biosicherheitsmaßnahmen sehen wir immer wieder Durchsickerungen des Virus“, betonte Harder. Genau hier könnte die Impfung künftig ansetzen: Sie könnte die bisherigen Schutzmaßnahmen ergänzen und dazu beitragen, die Folgen eines Viruseintrags zu begrenzen.
HPAI-Impfung: Warum der Schutz vor Virusübertragung entscheidend ist
Bei der Newcastle-Krankheit (ND) gehört die Impfung seit Langem zu den wichtigsten Instrumenten der Seuchenbekämpfung. Bei der Geflügelpest hingegen fehlt, zumindest in Europa, bislang eine vergleichbare, breit etablierte Impfstrategie. Doch welche Anforderungen müsste ein Impfstoff erfüllen, damit er Geflügelbestände wirksam schützt?
Nach Ansicht von Harder kommt es dabei auf zwei wesentliche Eigenschaften an: Die Impfung soll die Tiere vor einer klinischen Erkrankung schützen und möglichst auch verhindern, dass sie sich infizieren und das Virus weiterverbreiten. Denn selbst wenn geimpfte Tiere keine Krankheitssymptome zeigen, können sie unter Umständen weiterhin Viren ausscheiden und andere Tiere anstecken.
Wie gut die verfügbaren Impfstoffe diese Anforderungen erfüllen, untersucht das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) unter anderem in Versuchen mit Gänsen. Dabei zeigte sich, dass geimpfte Tiere weiterhin infiziert werden konnten, jedoch gesund blieben und deutlich weniger Virus ausschieden als ungeimpfte. Allerdings reichte die ausgeschiedene Virusmenge weiterhin aus, um ungeimpfte Kontakttiere zu infizieren.
Damit ist der Schutz vor einer Weiterverbreitung des Virus nach Einschätzung von Harder noch verbesserungsfähig.
Wie gut die verfügbaren Impfstoffe diese Anforderungen erfüllen, untersucht das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) unter anderem in Versuchen mit Gänsen.
Warum geimpfte Geflügelbestände intensiv überwacht werden müssen
Dass geimpfte Tiere trotz eines klinischen Schutzes weiterhin Viren ausscheiden können, hat weitreichende Folgen für die praktische Umsetzung einer Impfstrategie. Denn eine Infektion könnte in einer geimpften Herde zunächst unbemerkt bleiben, während sich das Virus weiterverbreitet.
Deshalb schreibt das EU-Recht eine intensive Überwachung gegen HPAI geimpfter Bestände vor. Regelmäßige Untersuchungen sollen zeigen, ob das Virus trotz Impfung in eine Herde eingedrungen ist und sich dort vermehrt.
Für Geflügelhalter bedeutet das zusätzlichen Aufwand. Die vorgeschriebenen Untersuchungen kosten Zeit, erfordern Personal und verursachen erhebliche Kosten. Das FLI arbeitet deshalb gemeinsam mit weiteren Wissenschaftlern und Tierärzten aus Geflügelpraxen daran, einfachere und kostengünstigere Untersuchungsverfahren zu entwickeln.
HPAI-Impfstrategie: Gezielte Impfungen statt flächendeckender Einsatz
Neben der Wirksamkeit der Impfstoffe und der Überwachung geimpfter Herden sind noch zahlreiche organisatorische und wirtschaftliche Fragen offen. Dazu gehören der zusätzliche Verwaltungsaufwand, die Kosten für die Geflügelhalter und mögliche Folgen für den internationalen Handel, insbesondere mit Staaten außerhalb der EU.
Fest steht für Harder deshalb: Eine erfolgreiche Impfstrategie muss weit über die eigentliche Impfung hinausgehen und zahlreiche Faktoren berücksichtigen.
Eine flächendeckende Impfung aller Geflügelbestände hält der Wissenschaftler dabei weder für notwendig noch für realistisch. „Ich denke nicht, dass wir in eine flächendeckende Impfung einsteigen können oder müssten“, sagte Harder. Stattdessen könnten gezielte Impfprogramme sinnvoll sein, die sich auf bestimmte Regionen oder Bereiche der Geflügelwirtschaft mit erhöhtem Infektionsrisiko beschränken.
Darüber hinaus müsse die Wirksamkeit der Impfungen kontinuierlich überprüft werden. Gelangt das Virus trotz Impfung in einen Bestand, gilt es zu untersuchen, wie es sich dort verhält und ob es sich unter dem Einfluss der Impfung verändert. Gegebenenfalls müssten die eingesetzten Impfstoffe anschließend angepasst werden.
Die Biosicherheit bleibt weiter entscheidend. Geflügelhalter müssen weiterhin verhindern, dass das Virus in ihre Bestände gelangt.
Für Harder ist die Einführung einer HPAI-Impfstrategie deshalb ein komplexer Prozess, der sorgfältig vorbereitet und dauerhaft begleitet werden muss. Die Impfung könnte die bisherigen Maßnahmen zur Geflügelpestbekämpfung künftig sinnvoll ergänzen. Sie wäre jedoch kein Ersatz für konsequente Biosicherheit und eine wirksame Seuchenüberwachung.
Fazit: HPAI-Impfung kann helfen – doch viele Fragen sind noch offen
Für Prof. Harder steht fest: Biosicherheit, Früherkennung und die Keulung infizierter Bestände bleiben die wichtigsten Säulen der Geflügelpestbekämpfung. Eine Impfung könnte diese Maßnahmen künftig ergänzen. Eine flächendeckende Impfung hält der Wissenschaftler jedoch nicht für sinnvoll. Stattdessen brauche es gezielte Impfprogramme mit geprüften und wirksamen Impfschemata. Dabei arbeiten die europäischen Länder bereits eng zusammen.
Allerdings bestehen noch einige Hürden:
- Impfverfahren: Mittlerweile stehen Impfstoffe zur Verfügung, die sich bei Hühnern und Puten bereits in der Brüterei oder sogar im Ei verabreichen lassen. Für notwendige Auffrischungsimpfungen muss jedoch weiterhin jedes Tier einzeln mit einer Nadel geimpft werden. Das bedeutet einen erheblichen Arbeitsaufwand.
- Verfügbarkeit: Bislang sind nur wenige Impfstoffe zugelassen. Für Enten steht derzeit lediglich ein zugelassener Impfstoff zur Verfügung, für Gänse gibt es noch keinen.
- Wirksamkeit: Die Impfprogramme müssen zuverlässig vor Erkrankungen schützen und die Weiterverbreitung des Virus bestmöglich verhindern.
- Letztlich müsse die Geflügelwirtschaft gemeinsam mit Wissenschaft und Behörden entscheiden, welchen Weg sie künftig einschlagen wolle. Dabei stelle sich auch die grundsätzliche Frage, ob der zusätzliche Aufwand einer Impfung einen ausreichenden Nutzen bringt oder ob die Branche weiterhin mit jährlich 150 bis 200 Geflügelpestfällen leben könne und wolle.
Ein weiteres Argument für die Impfung könnte künftig aus dem zoonotischen Potenzial des HPAI-Virus erwachsen. Denn unter bestimmten Umständen kann das Virus auch auf den Menschen übertragen werden. Sollte sich hierzulande eine Virusvariante ausbreiten, die eine größere Gefahr für den Menschen darstellt, könnte die Impfung eine zusätzliche Möglichkeit bieten, die Viruszirkulation in Geflügelbeständen einzudämmen und damit indirekt den Menschen vor Viruskontakten zu schützen.
Harder hofft, dass es nicht so weit kommt. Allerdings sei das Virus zu zahlreichen Veränderungen fähig. Mit Blick auf seine weitere Entwicklung zeigte sich der Wissenschaftler eher pessimistisch.
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