Diskutierten über die Impfung (v. l.): Moderator Matthias Schulze Steinmann, Top agrar, Prof. Dr. Timm Harder, FLI, Dr. Ursula Gerdes, Niedersächsische Tierseuchenkasse, Prof. Dr. Klaus Osterrieder, TiHo, Dr. Christiane Rüben, Niedersächsisches Landwirtschaftsministerium, Dr. Matthias Voss, Lohmann Breeders.
Die Geflügelbranche boomt. Doch es gibt das Damoklesschwert Vogelgrippe. Gerade wurden wieder erste Fälle aus Schleswig-Holstein gemeldet – trotz Optimierung der Prävention. Eine Impfung wäre wichtige Ergänzung. Wie man hier weiterkommen kann, wurde beim NGW-Zukunftsforum diskutiert.
Niedersachsen ist Geflügelland Nr. 1 mit einem Bestand von ca. 107 Mio. Tieren. Im vergangenen Herbst/Winter war das Bundesland besonders von der Vogelgrippe betroffen. Rund 1,6 Mio. Tiere mussten getötet werden bzw. starben infolge einer Infektion. Der Seuchenzug konnte nicht verhindert werden trotz großen Anstrengungen zur Optimierung der Prävention. Die Tierseuchenkasse musste für Entschädigungen für 2025/26 rund 40 Mio. Euro aufwenden – so viel wie noch nie.
TSK-Beiträge für Putenhähne vervierfacht
Da die Tierseuchenkasse sich refinanzieren muss über die Beiträge der Tierhalter, müssen diese erhöht werden. So werden etwa für Putenhähne, die stark betroffen waren, im kommenden Jahr ca. 2,50 Euro an die Tierseuchenkasse zu zahlen sein. Das ist viermal so viel wie in diesem Jahr. Hinzu kommt, dass auch bei den Ertragsschadensversicherungen mit steigenden Beiträgen zu rechnen ist.
Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung wird vermehrt darüber diskutiert, die Impfung gegen die Vogelgrippe als weiteres Vorsorgeinstrument zu etablieren. Auf dem Zukunftsforum des Landesverbandes der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft, NGW, in Dötlingen (Landkreis Oldenburg) ging es in einer Paneldiskussion um die Frage, wie man eine Impfung voranbringen kann. Ca. 200 Gäste aus der Branche, aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik waren dabei.
Die Bedrohung durch Vogelgrippe bleibt
In seinem Impulsreferat zum Thema wies Prof. Dr. Timm Harder vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) noch einmal darauf hin, dass das Vogelgrippe-Virus endemisch in Wildvogelpopulationen ist. Eine Auslöschung ist also nicht möglich, die Geflügelwirtschaft muss auf Dauer mit der Bedrohung leben.
Die Impfung kann ein Baustein der Bekämpfung neben hoher Biosicherheit, schneller Diagnostik, schnellem Räumen infizierter Betriebe etc. sein. Sie würde das massenhafte Sterben und Töten von Beständen und damit viel Tierleid verhindern. Zu bedenken gab der Wissenschaftler, dass eine Vogelgrippe-Impfung auch einen indirekten Schutz des Menschen bedeute. Die Gefahr, dass sich zoonotische Varianten entwickeln, wäre reduziert.
Bis zur Umsetzung einer Impfung in die Praxis sind jedoch noch einige Fragen zu klären bzw. Hürden zu überwinden.
Impfung von Enten in Frankreich ein Erfolg
Diese überwunden hat man bereits in Frankreich. Dort werden seit drei Jahren Enten gegen die Vogelgrippe geimpft. Es ist dort eine Pflichtimpfung. Vorausgegangen waren in unserem Nachbarland Seuchenzüge mit hohen Tierverlusten und hohen Kosten. Tierärztin Sabine Breul von der französischen Orvia Group sieht die Impfstrategie ihres Landes als Erfolg. Die Ausbrüche sind sehr deutlich reduziert, von Oktober 2023 bis Oktober 2024 gab es nur 16 Vogelgrippe-Fälle bei Nutzgeflügel. Jedoch sind Impfung und anschließende Überwachung der Bestände teuer, zum Start lehnten viele Länder Produkte von geimpften Tieren aus Frankreich ab. Diese Handelshemmnisse sind dank intensiver „Veterinärdiplomatie“ weitgehend beseitigt.
Die zu erwartenden Handelshemmnisse sind in Deutschland eine der großen Hürden vor einer Impfung, das wurde auf der NGW-Veranstaltung sehr deutlich. In Sachen „Veterinärdiplomatie“ ist das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMLEH) gefordert. Dieses ist auch dafür zuständig, eine „Gestattungsverordnung“ zur Anwendung der Impfstoffe zu erlassen. Hieran wird in Berlin nach Aussage von Dr. Christiane Rüben vom Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium mit Hochdruck gearbeitet. Die rechtlichen Voraussetzungen zur Impfung sollten dann bald gegeben sein.
Impfung mit allen Beteiligten voranbringen
Die Tierärztin sprach sich nachdrücklich für eine Impfung aus, betonte aber ebenfalls, dass dies mit hohen Kosten und hohem Aufwand verbunden sein werde. Sie sieht alle Beteiligten gefordert, wenn man die Impfung auf den Weg bringen will: „Es muss eine Teamleistung werden!“, sagte sie.
Vor diesem Hintergrund planen der NGW, die Tierärztliche Hochschule Hannover und das FLI gemeinsam mit dem BMLEH sowie weiteren Partnern eine Impf-Feldstudie bei Gänsen. Sie soll im April kommenden Jahres starten. Die Pläne stellte Dr. Ursula Gerdes, Geschäftsführerin der Niedersächsischen Tierseuchenkasse, vor.
Man habe sich dafür entschieden, die Feldstudie mit Gänsen durchzuführen, weil dieser Bereich stark betroffen war von der Vogelgrippe im vergangenen Herbst/Winter: „Die Zuchtpopulation ist um 80 % reduziert worden“, informierte sie. Gänse werden zudem kaum exportiert aus Deutschland, das Problem Handelshemmnisse stellt sich hier weniger.
Sehr stark betroffen waren beim letzten Seuchenzug auch Puten. Puten wären sicherlich die Geflügelart, bei der man in Zukunft dann über die Impfung nachdenken müsste, so Gerdes. Eine andere Option wäre eine regionale risikobasierte Impfung.
Sonstiges Optimierungspotenzial begrenzt
Sie betonte in diesem Zusammenhang, dass die Geflügelhaltungen und die Tierseuchenkasse große Anstrengungen zur Optimierung von Prävention und Bekämpfung unternommen haben. Dazu gehöre die Biosicherheitsberatung oder die Aufstockung von Tötungskapazitäten. „Viel mehr geht bald nicht mehr“, sagte sie.
In diesem Sinne möchte auch die Tierseuchenkasse die Feldstudie zur Impfung voranbringen. Dazu soll es noch eine Delegationsreise zusammen mit dem ZDG nach Frankreich geben. Man will sich vor Ort ein Bild von den Erfahrungen der Franzosen mit der Vogelgrippe-Impfung machen.
Flächendeckende Impfung nicht das Ziel
Als Resümee zur Paneldiskussion stellte der scheidende NGW-Vorsitzende Friedrich-Otto Ripke fest, dass es nicht um den kurzfristigen Beginn einer flächendeckenden Impfung gehe. Diese werde voraussichtlich noch Jahre auf sich warten lassen. Gerade deshalb müsse die Branche aber jetzt über die Feldstudie Probleme erkennen und Erfahrungen sammeln. Das dulde keinen Aufschub angesichts der bleibenden Bedrohung durch die Vogelgrippe. Angesichts von Vorbehalten gegen Fleisch von geimpften Tieren sagte Prof. Dr. Timm Harder: „Die Impfung könnte auch ein Qualitätsmerkmal der deutschen Produktion sein.“
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