Geflügelwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern warnt: Hohe Kosten und Tierseuchen gefährden die Betriebe

21 Oktober 2026
Deutschland
Voerstand GWV MV

Der Vorstand des geflügelwirtschaftsverbandes Mecklenburg-Vorpommern.

Hohe Kosten, Tierseuchen und schwierige Genehmigungsverfahren belasten die Geflügelhalter. Bei der Jahrestagung des Geflügelwirtschaftsverbandes Mecklenburg-Vorpommern ging es um politische Forderungen, aktuelle Seuchenrisiken und neue Technik für den Stall.

Bei der Mitgliederversammlung des Geflügelwirtschaftsverbandes Mecklenburg-Vorpommern (GWV MV) am 15. Oktober in Todendorf fand die Vorsitzende Marion Dorn klare Worte. Die Geflügelwirtschaft brauche verlässliche politische Rahmenbedingungen, um investieren und im europäischen Wettbewerb bestehen zu können.

Geflügelwirtschaft fordert schnellere Genehmigungen und faire Wettbewerbsbedingungen

Marion Dorn forderte die Politik auf, das Wachstum der Geflügelwirtschaft nicht länger durch langwierige Genehmigungsverfahren und unsichere Vorgaben zu bremsen. Betriebe müssten investieren können, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Besonders dringlich sei eine rechtssichere Regelung für die Putenhaltung. Der Verband setzt sich für möglichst EU-einheitliche Vorgaben ein. Nationale Sonderregelungen dürften deutsche Putenhalter im europäischen Wettbewerb nicht benachteiligen.

Auch bei der Tierseuchenbekämpfung sieht Dorn Handlungsbedarf. Neben einer stärkeren Biosicherheit brauche es rechtliche Möglichkeiten, unter bestimmten Voraussetzungen auf die Keulung klinisch gesunder, geimpfter Tiere zu verzichten.

Deutliche Kritik äußerte die Vorsitzende an den Kosten der Tierkörperbeseitigung. Diese seien um mindestens 50 Prozent gestiegen. Anders als in anderen Bundesländern fehle in Mecklenburg-Vorpommern eine öffentliche Kostenerstattung. Der Verband betont, dass die Tierseuchenvorsorge nicht allein Aufgabe der Tierhalter, sondern auch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung sei.

Ein Thema, das die Geflügelhalterinnen und Geflügelhalter in Mecklenburg-Vorpommern beschäftigt, bleibt das Fangen und Verladen von Geflügel. Hier fordert der GWV praxisgerechte Vorgaben. Beim ersten Geflügeltag Mecklenburg-Vorpommern am 19. November in Todendorf soll dieses Thema erneut aufgegriffen werden.

Die Referenten der Vortragstagung (v.l.): Dr. Christian Grund, Anne Wilke, Dr. Timm Harder und Gerhard Hartleb.

Tierseuchen verursachen 62 Prozent der Versicherungsschäden

Im anschließenden Fachprogramm beschäftigten sich die Teilnehmer mit aktuellen Tierseuchenrisiken, dem Versicherungsschutz für Geflügelbestände und den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz im Stall.

Wie teuer Tierseuchen für Geflügelhalter werden können, verdeutlichte Anne Wilke von der Vereinigten Tierversicherung (VTV). Sie erläuterte, welche Anforderungen Betriebe erfüllen müssen, damit die Versicherung im Schadensfall zahlt.

Besonders aufschlussreich war die Schadenstatistik der VTV: 62 Prozent der Schadenaufwendungen bei Geflügel entfallen auf Tierseuchen. Den größten Anteil machen Schäden durch die Keulung von Beständen nach Ausbrüchen der Geflügelpest aus.

Es folgen Schäden durch Keulungen infolge der Newcastle Disease (ND) sowie durch Bestandssperren bei Geflügelpest. Auch Salmonellenerkrankungen fallen bei den Entschädigungsleistungen ins Gewicht.

Wilke machte deutlich, wie wichtig es für Geflügelhalter ist, die Versicherungsbedingungen zu kennen und die geforderten Maßnahmen einzuhalten. Nur so lässt sich vermeiden, dass es im Schadensfall Probleme mit der Entschädigung gibt.

Künstliche Intelligenz hilft beim Kontrollgang im Geflügelstall

Welche Möglichkeiten die Digitalisierung bietet, zeigte Gerhard Hartleb von der novu.track Systems GmbH. Er stellte den sogenannten ChickenWatcher vor, ein KI-gestütztes System zur automatischen Überwachung von Geflügelbeständen.

Das System nutzt Kameras und künstliche Intelligenz, um Tiere rund um die Uhr zu beobachten. Es erfasst Bild- und Gewichtsdaten und wertet diese automatisch aus. Ziel ist es, Veränderungen im Verhalten, Gesundheitszustand oder Wachstum der Tiere frühzeitig zu erkennen.

Gemeinsam mit der Veterinärmedizinischen Universität Wien arbeitet das Unternehmen daran, eine belastbare Datengrundlage für das digitale Geflügelmonitoring zu schaffen.

Für Geflügelhalter könnte die Technik mehrere Vorteile bringen. Sie soll Auffälligkeiten erkennen, bevor größere wirtschaftliche Schäden entstehen, und bei Problemen frühzeitig Alarm auslösen. Gleichzeitig dokumentiert das System wichtige Daten zur Herdenentwicklung automatisch.

Über ein Dashboard können Landwirte die aktuelle Herde mit früheren Durchgängen vergleichen. Das soll helfen, Entwicklungen in der Herde besser einzuordnen und Entscheidungen im Stall auf eine breitere Datengrundlage zu stellen.

Die Technik könnte damit die tägliche Stallkontrolle ergänzen und den Arbeitsaufwand reduzieren. Ob und in welchem Umfang sich diese Vorteile in der Praxis erreichen lassen, muss sich im Einsatz zeigen.

Der ChickenWatcher wird auf der EuroTier 2026 am Stand des Fraunhofer-Instituts in Halle 25, Stand 25L29, vorgestellt.

Newcastle Disease: Hohe Impfquote bleibt entscheidend

Wie groß die Gefahr durch Tierseuchen weiterhin ist, erläuterten Dr. Christian Grund und Prof. Timm Harder vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI). Beide Wissenschaftler ordneten das internationale Seuchengeschehen und die Risiken für deutsche Geflügelbestände ein.

Dr. Grund konzentrierte sich auf die Newcastle Disease. Die Erkrankung bleibe weltweit eine ernst zu nehmende Bedrohung, so Dr. Grund. Immer wieder komme es zu neuen Ausbrüchen. Als wichtige mögliche Ursprungsregionen für Viruseinträge nach Europa nannte er den Nahen Osten und Westrussland.

Nach einer Infektion treten deutliche Krankheitszeichen häufig innerhalb von drei bis vier Tagen auf. Gleichzeitig steigt die Virusausscheidung.

Eine hohe Impfquote innerhalb der Geflügelherden ist nach Aussage von Dr. Grund deshalb besonders wichtig. Denn die Impfung reduzieret bei infizierten Hühnern die Viruslast deutlich, unabhängig vom Genotyp des verwendeten Impfstoffs. An den jeweiligen Virusgenotyp angepasste Impfstoffe können die Übertragung zusätzlich verringern. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass ein ausreichend großer Anteil der Herde wirksam geimpft ist.

Geflügelpest: Biosicherheit und schnelle Diagnostik bleiben unverzichtbar

Prof. Timm Harder widmete sich der hochpathogenen Aviären Influenza (HPAI), also der Geflügelpest. Er stellte die Entwicklung des Seuchengeschehens in Deutschland seit September 2025 dar.

Anders als bei der Newcastle Disease steht für die Geflügelpest bislang keine breit etablierte Impfstrategie zur Verfügung. Deshalb bleiben eine konsequente Biosicherheit und eine schnelle Diagnostik die wichtigsten Maßnahmen, um Geflügelbestände zu schützen.

Eine flächendeckende Schutzimpfung sieht Harder derzeit nicht als geeigneten Weg. Stattdessen könnte ein gezielter Impfeinsatz in besonders gefährdeten Regionen oder Produktionsbereichen sinnvoll sein.

Entscheidend sei, dass die verwendeten Impfschemata auf ihre Wirksamkeit überprüft werden. Dabei komme es vor allem darauf an, ob eine ausreichende Herdenimmunität erreicht wird.

Eine Möglichkeit für künftige Impfstrategien könnte die In-ovo-Impfung mit HVT-Vektorimpfstoffen sein. Lebendimpfstoffe mit vermehrungsfähigem Influenzavirus kommen dagegen nicht infrage.

Harder machte deutlich, dass sich die Geflügelpest nur gemeinsam bekämpfen lässt. Dafür müssen Tierhalter, Wissenschaft, Behörden und Politik zusammenarbeiten.

Geflügelhalter brauchen Planungssicherheit und wirksamen Seuchenschutz

Die Mitgliederversammlung und Vortragstagung des GWV Mecklenburg-Vorpommern zeigte, wie eng wirtschaftliche und tiergesundheitliche Fragen miteinander verbunden sind. Hohe Kosten, unsichere Vorgaben und das Risiko von Tierseuchenausbrüchen erschweren den Betrieben die Planung.

Gleichzeitig bieten neue Technologien und weiterentwickelte Impfstrategien Möglichkeiten, die Tiergesundheit besser zu überwachen und Bestände wirksamer zu schützen.

Für den Verband bleibt deshalb eine zentrale Forderung: Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, unter denen Geflügelhalter ihre Betriebe langfristig und wettbewerbsfähig weiterentwickeln können.

Text:
Cordula Moebius

Cordula Moebius

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Bild: Cordula Möbius

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