Geflügelpest: US-Experte fordert neue Strategie mit Impfungen

02 Oktober 2026
Impfung
Junghennen

Keulen allein reicht im Kampf gegen die Geflügelpest langfristig nicht aus, sagt US-Experte Joseph Annelli. Er fordert eine neue Strategie gegen HPAI, in der Impfungen eine wichtige Rolle spielen. Doch vor allem beim internationalen Handel bleiben Fragen offen.

Die hochpathogene Aviäre Influenza (HPAI) hält sich weltweit in Wildvogelpopulationen. Damit wächst die Diskussion darüber, ob die bisherige Bekämpfungsstrategie noch ausreicht. Nicht nur in Europa sprechen sich Fachleute für den Einsatz von Impfungen aus. Auch in den USA fordert Professor Joseph Annelli einen Strategiewechsel.

Annelli ist Gründer und Direktor von Practical One Health Solutions und Vizepräsident des US-amerikanischen Tierärzteverbandes. Nach seiner Einschätzung reicht eine HPAI-Bekämpfung, die vor allem auf die Keulung betroffener Bestände setzt, angesichts der dauerhaften Viruszirkulation unter Wildvögeln langfristig nicht mehr aus.

Stattdessen plädiert er für eine kontrollierte Eindämmung. Dazu sollen Impfungen, eine gezielte Überwachung, risikobasierte Entscheidungen und der One-Health-Ansatz beitragen.

Warum Keulen allein HPAI nicht dauerhaft stoppen kann

Das Problem der bisherigen Strategie sieht Annelli in einem wiederkehrenden Kreislauf: Behörden entdecken einen Ausbruch, der betroffene Bestand wird getötet, der Stall gereinigt und desinfiziert und anschließend wieder belegt. Gelangt das Virus erneut aus der Wildvogelpopulation in den Betrieb, beginnt der Prozess von vorn.

Die Weltorganisation für Tiergesundheit (WOAH) sieht angesichts der anhaltenden Viruszirkulation unter Wildvögeln ebenfalls Anlass, eine Strategie zu überdenken, die sich allein auf umfangreiche Keulungen stützt. Langfristig seien nachhaltigere Ansätze gefragt. Impfungen können dabei als ergänzendes Instrument dienen.

Auch die USA sehen bei HPAI-Impfungen noch Risiken

In den USA begegnet die Geflügelwirtschaft einer routinemäßigen Impfung gegen HPAI bislang zurückhaltend. Dafür gibt es mehrere Gründe. Dazu zählen die Wirksamkeit der Impfstoffe, die Überwachung geimpfter Bestände und das Risiko, Infektionen trotz Impfung zu übersehen.

Hinzu kommen die mögliche Entwicklung des Virus, die Kosten einer Impfstrategie und vor allem die Folgen für den internationalen Geflügelhandel. Annelli hält diese Bedenken weiterhin für berechtigt.

Die entscheidende Frage lautet aus seiner Sicht deshalb nicht allein, ob Geflügel gegen HPAI geimpft werden sollte. Vielmehr müsse geklärt werden, unter welchen epidemiologischen Bedingungen Impfungen sinnvoll sind, welche Impfstoffe eingesetzt werden, für welche Produktionssysteme sie geeignet sind und wie sich geimpfte Bestände zuverlässig überwachen lassen.

Arbeitsgruppe soll Impfung und Geflügelhandel zusammenbringen

Annelli sieht zugleich Bewegung in der internationalen Diskussion. Die WOAH erkennt Impfungen als ergänzendes Instrument bei der Bekämpfung der hochpathogenen Aviären Influenza an.

2026 nahm zudem eine internationale Arbeitsgruppe ihre Arbeit auf. Beteiligt sind dem Bericht zufolge unter anderem die USA, Kanada, die Europäische Kommission, Frankreich, die Niederlande, Großbritannien und die WOAH. Sie beschäftigt sich mit Kontroll- und Zertifizierungsverfahren, die Impfungen ermöglichen sollen, ohne den sicheren internationalen Handel mit Geflügelprodukten zu gefährden.

Wirtschaftliche Modellierungen für den US-amerikanischen Putensektor deuten laut Annelli darauf hin, dass eine Impfstrategie Vorteile für Erzeuger und Verbraucher bringen kann. Diese Vorteile schwinden jedoch, wenn Handelspartner stärkere Importbeschränkungen verhängen.

Geflügelhandel bleibt Knackpunkt bei HPAI-Impfungen

Der internationale Handel zählt damit zu den größten Hürden für einen grundlegenden Strategiewechsel. Annelli fordert, Handelsentscheidungen stärker am tatsächlichen Risiko auszurichten.

Dabei könnten unter anderem Überwachung, Zonierung und Kompartimentierung berücksichtigt werden. Auch Impfstatus, Impfmonitoring, Rückverfolgbarkeit, Verarbeitung der Produkte und amtliche Veterinärzertifikate könnten in die Bewertung einfließen.

Die WOAH vertritt die Position, dass korrekt durchgeführte Impfungen in Verbindung mit einer geeigneten Überwachung kein ungerechtfertigtes Hindernis für den sicheren Handel darstellen sollten. Deshalb beschäftigt sich die Organisation auch damit, wie Überwachungssysteme gestaltet werden müssen, damit Handelspartner Vertrauen in Geflügelprodukte aus geimpften Populationen haben können.

HPAI-Impfung macht Keulungen nicht überflüssig

Eine Impfstrategie würde Keulungen bei Geflügelpest-Ausbrüchen allerdings nicht grundsätzlich ersetzen. Auch Annelli betont, dass betroffene Bestände in bestimmten Situationen weiterhin schnell getötet werden müssen. Das gilt etwa, wenn Tiere klinisch erkranken, stark leiden oder eine intensive Virusvermehrung ein hohes Übertragungsrisiko verursacht.

Impfungen könnten jedoch dazu beitragen, die Schwere der Erkrankung und die Virusvermehrung zu reduzieren. Eine engmaschige Überwachung könnte Infektionen zudem erkennen, bevor sich klinische Erkrankungen weit im Bestand ausbreiten.

Für Annelli geht es deshalb nicht um die einfache Entscheidung „Impfen oder nicht impfen?“. Entscheidend sei vielmehr, Impfstoffe, Überwachung, epidemiologische Bewertung und Handelsregeln so miteinander zu verbinden, dass sich HPAI besser kontrollieren lässt.

Wiederholte Keulungen belasten auch Menschen

Annelli weist zudem auf einen Aspekt hin, der in der Diskussion um Geflügelpest häufig weniger Beachtung findet: Wiederholte Massentötungen belasten nicht nur die betroffenen Geflügelhalter.

Auch Tierärzte, tiermedizinische Fachkräfte, Einsatzkräfte und weitere Beteiligte sind den Belastungen solcher Einsätze ausgesetzt. Eine langfristige Strategie gegen HPAI müsse deshalb neben Tiergesundheit, Seuchenbekämpfung und Wirtschaftlichkeit auch die Menschen berücksichtigen, die an der Bekämpfung beteiligt sind.

Geflügelnews / Cordula Möbius
Bild: Cordula Möbius
Quelle: Reinout Burgers, Sterke Erven Pluimvee

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