Meckern gegen den Habicht: Ziegen als Schutz im Legehennenauslauf

04 August 2025
Mobilstall
Legehenne und Ziege

In einem in Online-Seminar aus dem Netzwerk Fokus Tierwohl mit dem Titel „Tiergerechte Haltung von Herdenschutztieren im Legehennenauslauf - das bewirkt meckern und bellen” berichtete Johannes Heer, Berater für Geflügelhaltung bei der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, von den Verlusten, die Beutegreifer jährlich verursachen und seinem Umgang damit (Serie Herdenschutz, Teil1).

Beutegreifer wie Habicht, Fuchs oder Marder sorgen Jahr für Jahr für teils erhebliche Verluste in der Freilandhaltung von Legehennen. Allein durch Greifvögel gehen laut Schätzungen bundesweit bis zu zehn Prozent der Bestände verloren – mit drastischen Auswirkungen auf Tierwohl, Wirtschaftlichkeit und Arbeitszufriedenheit. Klassische Schutzmaßnahmen wie Netze oder Zäune stoßen in der Praxis oft an technische oder finanzielle Grenzen.

Doch immer mehr Geflügelhalterinnen und Geflügelhalter setzen auf tierische Helfer: Ziegen, Alpakas oder speziell ausgebildete Herdenschutzhunde übernehmen eine neue Rolle im Hühnerauslauf. Ihre Präsenz stört Jagdmuster von Greifvögeln und schützt Hennen vor Angriffen. In dieser Serie zeigen wir, wie verschiedene Betriebe den Einsatz von Herdenschutztieren erfolgreich umsetzen, worauf bei Haltung, Pflege und Integration zu achten ist – und welche Herausforderungen bestehen.

Mit Erfahrungsberichten, praktischen Tipps und rechtlichen Hinweisen bieten wir Orientierung für alle, die ihren Betrieb nachhaltig schützen und gleichzeitig das Tierwohl verbessern wollen.

Inhalte der Serie auf einen Blick

Große Leidenschaft: Legehennen im Mobilstall

Johannes Heer hält als Hobby Legehennen in einem Mobilstall und vermarktet direkt. Hohe Verluste durch Greifvögel, insbesondere in den Frühjahrsmonaten - teilweise fielen täglich bis zu drei Tiere dem Habicht zum Opfer - zwangen ihn dazu, über geeignete Herdenschutzmaßnahmen nachzudenken. Heer sieht den Herdenschutz und auch den Schutz des Auslaufes als wesentlich bei der Verbesserung der Wirtschaftlichkeit in der Freilandhaltung von Hühnern.

Beutegreiferverluste in Deutschland

Heer ist mit seinem Problem nicht allein: Die ökonomischen Auswirkungen der Angriffe durch Beutegreifer sind beträchtlich – bundesweit wird von einem Verlustpotenzial von etwa zehn Prozent der Freilandlegehennen durch Beutegreifer ausgegangen. Bei einer Gesamtzahl von rund 18,7 Millionen Tieren (OAMI, MEG nach Destatis) allein in größeren Betrieben (ab 3.000 Hennen) entspricht dies rund 1,87 Millionen Tieren jährlich. Mobilstallbetriebe und Betriebe unter 3.000 Plätzen sind hier nicht eingerechnet; Jutta van der Linde vom Bundesverband mobile Geflügelhaltung e.V. schätzt die Mobilstallbetriebe auf etwa 3,3 Millionen Legehennen.

Kostengünstige Lösung: Ziegen zum Herdenschutz

Die Entscheidung für Ziegen fiel pragmatisch: Nachdem sich Heer mit den Möglichkeiten zum Herdenschutz beschäftigt hatte, wurden ihm von einem Berufskollegen zwei ältere Milchziegen angeboten. Der schnelle, kostengünstige Versuch, die Ziegen in das bestehende Haltungssystem zu integrieren, wurde zur dauerhaften Lösung.

Die tiergerechte Haltung der Ziegen erfolgt ganzjährig im Auslauf der Hühner, mit einem wettergeschützten Unterstand und einfacher Heufütterung im Winter. Die Tiere benötigen regelmäßige Gesundheitsvorsorge, sind jedoch insgesamt robust und pflegeleicht. Ihr Einsatz hat nicht nur die Wirtschaftlichkeit des Betriebs verbessert, sondern zugleich das Interesse an der Direktvermarktung gesteigert.

Der Effekt: Wie schützt die Ziege die Hühner?

Der Schutz durch Ziegen basiert auf deren natürlichem Verhalten und der Präsenz. Ihr ständiges Meckern, die Bewegungen im Auslauf und die unberechenbare Dynamik in der Herde stören die Jagdstrategien von Greifvögeln. Im genannten Betrieb sank die Verlustrate durch Habichtangriffe auf unter ein Prozent – ein Ergebnis, das ohne aufwendige technische Maßnahmen oder hohe Investitionen erzielt wurde.

Ziegen im Hühnerauslauf: Welche Rasse soll es sein?

Heer empfiehlt, sich für genetisch hornlose Tiere zu entscheiden, um den Vandalismus, den die Ziegen am und im Stall verursachen können, dadurch geringer zu halten. Soll allerdings gezüchtet werden, sollte ein Geschlecht immer horntragend sein, um Genfehler zu vermeiden. Die neuen Auslauf-Bewohner müssen sowohl bei der Tierseuchenkasse als auch dem zuständigen Veterinäramt gemeldet werden.

Haltung und Pflege von Ziegen: Robust, aber nicht anspruchslos

Die Ziegen werden bei Heer in einem mobilen, erhöhten Unterstand gehalten, der vor Regen und Wind schützt. In besonders frostigen Nächten hilft eine zusätzliche Plane. Wichtig: Ziegen meiden Regen – das hat auch der Habicht schnell erkannt und nutzt die Gunst der Stunde, wenn die Tiere sich unterstellen.

Die Fütterung erfolgt von Frühjahr bis Herbst hauptsächlich über den natürlichen Auslauf. Zusätzlich wird Heu oder Stroh zur freien Verfügung angeboten, ebenso ein Mineralleckstein. Tannenzweige oder alte Weihnachtsbäume dienen als Verdauungshilfe und Beschäftigung. Sauerampfer fressen die Tiere gern – hier ist jedoch Vorsicht wegen des Oxalsäuregehalts geboten.

Die Gesundheitsvorsorge umfasst Impfungen gegen Clostridien und die Blauzungenkrankheit, regelmäßige Entwurmung sowie zweimal jährlich Klauenpflege und Parasitenkontrolle.

Resümee: Nutzen gegen den Habicht ist unbestritten

Die Ziegen bieten keinen wirksamen Schutz gegen bodenaktive Beutegreifer wie hungrige Füchse, Mader oder Waschbären in der Frühlingszeit – möglicherweise wären Zwergziegen aufmerksamer – aber ihr Nutzen gegen den Habicht ist unbestritten. Ziegen sind robust und pflegeleicht, allerdings sollte der Heuverbrauch im Winter nicht unterschätzt werden. Als Bestandteil eines ganzheitlichen Schutzkonzepts erhöhen die Ziegen nicht nur die Sicherheit der Hennen, sondern auch die Effizienz der Haltung. Gleichzeitig erzeugen sie Aufmerksamkeit und Sympathie bei der Kundschaft – ein nicht zu unterschätzender Faktor für die Direktvermarktung.

Dies ist Teil 1 unserer siebenteiligen Herdenschutz-Serie. Hier geht’s zu Teil 2, 3, 4, 5, 6, 7 

Magdalena Esterer
Bild: Cordula Möbius

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