Die Marktaussichten für Hähnchenfleisch bleiben weiterhin vielversprechend, doch die Branche steht vor einem grundlegenden Wandel. Besonders der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) plant eine signifikante Umstellung, indem er bis 2030 das gesamte Frischfleisch-Sortiment auf höhere Haltungsformen (HF) umstellen möchte. Der Übergang von der bisherigen Haltungsform 2 zu Haltungsform 3 stellt eine der größten Herausforderungen für die Geflügelwirtschaft dar. Aktuell entfallen lediglich etwa 10 % des Hähnchenfleisch-Absatzes auf die höheren Haltungsformen.
Auf der Tagung „Zukunftsfähige Geflügelhaltung 2.0“ in Vechta, die von Big Dutchman organisiert wurde, erläuterte Rainer Dullweber, Deutschland-Chef der Plukon Food Group, die weitreichenden Anforderungen, die mit dieser Entwicklung einhergehen. Im Zentrum steht die Frage, wie die Branche den Übergang zur Haltungsform 3 erfolgreich gestalten kann, um den steigenden Anforderungen des Marktes gerecht zu werden.
Anforderungen an die Haltungsform 3
Um die Haltungsform 3 zu erreichen, müssen zahlreiche Anpassungen auf betrieblicher Ebene vorgenommen werden. Zu den zentralen Anforderungen gehören:
- Eine maximale Besatzdichte von 25 kg/m² oder 29 kg/m² bei einem Stall mit Kaltscharraum.
- Der Einsatz von langsam wachsenden Geflügelgenetiken.
- Stallhaltung mit dauerhaftem Zugang zu einem Außenbereich.
- Bereitstellung von definiertem Beschäftigungsmaterial.
- Eine GVO-freie Fütterung.
- Mindestens 20 % des Futters muss aus dem eigenen Betrieb oder aus der Region stammen.
Diese Anforderungen bringen erhebliche strukturelle Veränderungen mit sich. Laut Dullweber wären zusätzliche 70.000 m² Stallfläche erforderlich, was rund 40 neu gebauten Ställen mit je 1.800 m² entspricht. Doch diese Umstellung wird durch die derzeitigen rechtlichen Rahmenbedingungen erschwert. Um den erforderlichen Ausbau zu ermöglichen, sind politische Entscheidungen notwendig, die es den Betrieben ermöglichen, entsprechende Umbauten oder Neubauten vorzunehmen. In diesem Zusammenhang setzt Dullweber große Hoffnungen in die aktuellen politischen Veränderungen in Berlin.
Politische und marktseitige Faktoren: Chancen und Herausforderungen für die Geflügelwirtschaft
Neben den gesetzlichen Anforderungen spielen auch weitere Marktfaktoren eine Rolle für die Entwicklung der Branche. Prognosen gehen davon aus, dass der Konsum von Hähnchenfleisch pro Kopf um etwa ein Kilogramm steigen könnte. Dies würde einer zusätzlichen Nachfrage von rund 50 bis 60 Millionen Hähnchen pro Jahr entsprechen. Auch die Regionalität gewinnt zunehmend an Bedeutung, was durch eine Umfrage belegt wird: Mehr als 70 % der Verbraucher gaben an, dass ihnen die regionale Herkunft von Fleisch wichtig ist. In diesem Zusammenhang bezeichnete Dullweber die Einführung der 5 x D-Kennzeichnung (geboren, aufgezogen, geschlachtet, verarbeitet und verpackt in Deutschland) als einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung.
Verändertes Konsumverhalten und die Bedeutung regionaler Produkte
Das Konsumverhalten zeigt weitere Veränderungen, die für die Geflügelbranche Potenzial bieten. Während ältere Generationen vor allem Schweine- und Rindfleisch konsumieren, greifen jüngere Menschen zunehmend zu Hähnchenfleisch und Convenience-Produkten. Diese Entwicklung könnte der Branche neue Marktchancen eröffnen und dazu beitragen, den Absatz von Hähnchenfleisch in den kommenden Jahren zu steigern.
Herausforderungen bleiben bestehen
Trotz der positiven Perspektiven gibt es auch zahlreiche Herausforderungen, die die Branche weiterhin begleiten. Dazu zählen globale Unsicherheiten, Störungen in der Lieferkette, der Fachkräftemangel sowie steigende gesetzliche Anforderungen und die immer dringlicher werdende Frage nach der Nachhaltigkeit und den Auswirkungen auf das Klima. Ob die Geflügelwirtschaft die Umstellung auf die Haltungsform 3 erfolgreich umsetzen kann, wird daher von einer Vielzahl politischer, betrieblicher und marktseitiger Faktoren abhängen.
Fazit
Die Geflügelbranche befindet sich in einer Übergangsphase, die sowohl Chancen als auch Herausforderungen mit sich bringt. Die Umstellung auf höhere Haltungsformen erfordert erhebliche Investitionen und Anpassungen seitens der Betriebe. Gleichzeitig bietet der wachsende Markt für Hähnchenfleisch und die zunehmende Nachfrage nach regionalen Produkten Potenzial für weiteres Wachstum. Doch die erfolgreiche Umsetzung wird nur möglich sein, wenn politische Entscheidungen, betriebliche Flexibilität und die Marktveränderungen im Einklang stehen.




































Reagieren
Geflügelnews lädt Sie ein, auf Artikel zu reagieren und schätzt Reaktionen mit Inhalt. Die Redaktion behält sich das Recht vor, beleidigende oder kommerziell motivierte Reaktionen ohne Angabe von Gründen zu entfernen.