Aktuelles Interview: Geflügelhalter in Niedersachsen - Fluch oder Segen?
21 November 2025
Biosicherheit
Niedersachsen ist Geflügelland Nr. 1 in Deutschland. Derzeit ist es aber auch am meisten gebeutelt von der Vogelgrippe – inkl. Diskussionen über Tierdichte, Seuchenverursacher oder die mittlerweile immensen Kosten. Wir sprachen mit Friedrich-Otto-Ripke, dem Vorsitzenden des Landesverbandes der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft, NGW.
Wie der NGW die aktuelle Geflügelpest-Situation bewertet
Herr Ripke, Geflügelhalterin oder Geflügelhalter in Niedersachsen zu sein – derzeit eher Fluch oder noch Segen?
Niedersachsen ist nicht nur Spitzenreiter, was die Zahl an Legehennen- und Geflügelmastbetrieben angeht. Es gibt auch sehr wirtschaftskräftige und zukunftsgerichtete vor- und nachgelagerte Unternehmen. Hinzu kommen Einrichtungen, die in der Geflügelforschung führend sind. Insofern bündelt Niedersachsen hier großes Wissen und Innovationskraft. Das sehe ich für die niedersächsischen Betriebe als großen Vorteil.
Das kommt jetzt auch beim Vogelgrippe-Geschehen zum Tragen. So verlegen die Integrationen Schlachttermine vor, um Tiere aus den gefährdeten Regionen herauszunehmen. Oder es gibt Forschungsprojekte zu noch mehr Biosicherheit.
Niedersachsen ist momentan aber eben auch am meisten gebeutelt von der Vogelgrippe?
Das ist richtig. Aber: Von den bundesweit gehaltenen ca. 160 Mio. Stück Geflügel stehen etwa 106 Mio. in Niedersachsen, also fast zwei Drittel. Von den bisher 110 Ausbrüchen seit Anfang Oktober in Deutschland betreffen 61 Fälle niedersächsische Betriebe. Bezogen auf unseren zahlenmäßigen Bestand sind wir prozentual also nicht stärker betroffen als andere Bundesländer. Es sind aber natürlich sehr viele Tiere, die bei uns vorsorglich getötet werden mussten.
Der Landkreis Cloppenburg ist wie schon 2021/2022 der Vogelgrippe-Hotspot. Hier gibt es eine hohe Zahl an Putenställen. Wie sehen Sie, dass Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte eine Reduzierung der Tierdichte möchte?
Meines Erachtens käme das einem Berufsverbot gleich und das war und ist rechtlich nicht umsetzbar. Ministerin Staudte hat das schon 2021/22 gefordert, als die Vogelgrippe hier ebenfalls massiv gewütet hat. Schon damals gab es von uns u.a. den Vorschlag, Putenställe umzunutzen etwa für die Hähnchenmast. Ein Tierartenwechsel wurde von Ministerin Staudte leider nicht unterstützt.
Aktuell suchen die Hähnchen-Integrationen sogar intensiv nach neuen Ställen. Aber eine Umnutzung/ein Umbau der Ställe ist nach derzeitiger Gesetzeslage kaum möglich, Betriebe würden dann ihren Bestandsschutz verlieren. Hier ist es wichtige Aufgabe der Politik, die Voraussetzungen für Umbaumöglichkeiten zu schaffen. Die Entscheidungshoheit, welche Tiere man halten will, muss aber immer bei der Landwirtin oder beim Landwirt liegen.
Eine Umnutzung von Ställen – zum Beispiel von Puten- zu Hähnchställen - ist nach derzeitiger Gesetzeslage kaum möglich.
Nach Auffassung des Ministeriums erhöht die hohe Tierdichte bzw. Stalldichte das Risiko von Ausbrüchen. Wie ist Ihre Einschätzung?
Aussage des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) ist, dass Übertragungen von Stall zu Stall, also Sekundärausbrüche, beim aktuellen Geschehen eher die Ausnahme seien. Meines Erachtens müssen wir abwarten, was die Gensequenzierungen (des Vogelgrippe-Virus) ergeben, die für infizierte Bestände durchgeführt werden müssen. Erst dann kann man sagen, ob es Sekundärausbrüche gibt oder ob, wie derzeit die Regel, Wildvögel das Virus eintragen.
Im Landkreis Cloppenburg gibt es viele Moor- und Wasserflächen mit einer dadurch hohen Wild- bzw. Zugvogeldichte. Das spricht für Wildvogeleinträge.
Im Übrigen hält auch das FLI die Theorie, dass Wildvögel sich durch Virus aus den Ställen infiziert haben, für sehr unwahrscheinlich. Ministerin Staudte und die Tierschutzbeauftragte Julia Pfeiffer-Schlichting sollten deshalb aufhören, die Fakten umzudrehen.
Impfung gegen Vogelgrippe: Warum der Druck auf Lösungen wächst
Die Biosicherheit in den Betrieben ist in den vergangenen Jahren massiv hochgefahren worden. Hätte man mehr tun können, das jetzige Geschehen zu verhindern?
Dass die Biosicherheit bei niedersächsischen Betrieben inzwischen top ist, wird uns von verschiedener Seite bescheinigt. Das heißt nicht, dass es kein Optimierungspotenzial mehr gibt.
Ich hätte mir im Übrigen gewünscht, dass die Jägerschaft in Niedersachsen schon früher die Erlaubnis gehabt hätte, sichtlich erkrankte Kraniche und damit Virusverbreiter durch Töten zu erlösen. Von unserer diesbezüglichen Anfrage bis zur Genehmigung sind zwei Wochen wertvolle Zeit vergangen.
Das Thema Impfung als Vorsorge vor der Vogelgrippe rückt wieder verstärkt in den Fokus, was sagen Sie dazu?
Meines Erachtens kommt das Thema sehr zurecht wieder aufs Trapez. Wir diskutieren schon Jahre darüber und sind keinen Schritt weitergekommen. Wir wollen jetzt vom NGW versuchen, eine Feldstudie mit Gänsen anzustoßen. Gänse sind große Tiere, die Freilandhaltung brauchen. Die AI-Impfung ist eine Injektionsimpfung und kommt für sie am ehesten in Frage. Bestehende Handelshemmnisse durch Impfung müssen aber zunächst ausgeräumt werden.
Wir wollen FLI, Tierärztliche Hochschule Hannover, Tierseuchenkasse, Landesministerium etc. mit ins Boot holen. Für eine breite Umsetzung in die Praxis ist dann wieder die Politik gefragt. Unter anderem fordern wir die Unterstützung der Bundesregierung für ein Memorandum der WOAH (World Organisation for Animal Health), dass das Fleisch geimpfter Tiere frei gehandelt werden kann.
Die Niedersächsische Geflügelwirtschaft will eine Feldstudie mit Gänsen zur Impfung gegen die Vogelgrippe anstoßen.
Was sagen Sie Ihren Mitgliedern, die betroffen sind oder um ihre Bestände bangen, wie geht es weiter - nach der Vogelgrippe ist vor der Vogelgrippe?
Eines ist klar: Wir werden das Virus nicht allein mit Politik ausmerzen. Wir müssen gemeinsam mit allen Beteiligten den ganzen Maßnahmenkatalog nutzen. Wir als NGW tragen etwa das Wiedereinstallungsverbot im Landkreis Cloppenburg mit. Es muss gezielt angeordnet werden. Ich erwähnte schon das Umswitchen von Schlachtterminen oder die Analyse der Gensequenzen Wir müssen schnell weitere Ursachenforschung betreiben, und dann daraus Schlüsse ziehen.
Für die Zukunft werden auch neue Ansätze wie etwa eine Zuluftfilterung in Putenställen näher zu betrachten sein.
Text:
Christa Diekmann-Lenartz
Aufgewachsen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in der intensiven Tierhaltungsregion Weser-Ems (und Studium der Agrarwissenschaften). Seit vielen Jahren berichtet sie darüber, was sich im Bereich Geflügel tut - mit Schwerpunkt Niedersachsen.
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Christa Diekmann-Lenartz, ZDG, Cordula Möbius
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