Die Vogelgrippe wirft immer wieder die Frage auf, wie groß die Gefahr für Säugetiere und auch für den Menschen ist. Immer wieder kommt es zu einzelnen Infektionen bei Säugetieren, vereinzelt auch beim Menschen. Prof. Dr. Martin Beer, Leiter des Instituts für Virusdiagnostik und Vizepräsident des Friedrich-Loeffler-Instituts, ordnete kürzlich die Lage ein.
Geringes Risiko für Rinder in Deutschland
In Deutschland traten in der Vergangenheit nur vereinzelt Fälle von Vogelgrippe bei Säugetieren auf. In den USA waren im vergangenen Jahr mehrere Rinderbestände betroffen. Für Rinder in Europa und insbesondere in Deutschland bewertet Beer das Risiko einer Infektion mit dem hochpathogenen aviären Influenzavirus H5N1 derzeit als sehr gering. Sämtliche bisherigen Untersuchungen, etwa von Tankmilchproben aus Milchviehbetrieben oder Blutproben von Kühen, verliefen negativ. Dennoch rät er dazu, eine mögliche H5N1-Infektion grundsätzlich mitzudenken und unklare Euterentzündungen gezielt darauf zu untersuchen. Das gilt besonders für Betriebe, in denen es Kontakt zwischen von H5N1 betroffenem Geflügel und anderen Tierarten wie Rindern gibt. In solchen Fällen sollten auch die entsprechenden Kontakttiere untersucht werden.
Einzelfälle bei Wildtieren: Infektionen bleiben die Ausnahme
Vereinzelte Infektionen treten bei wildlebenden Fleischfressern wie Füchsen, Marderhunden, Waschbären oder Robben auf. Solche Fälle gelten als bekannt und nicht ungewöhnlich. Auch im aktuellen Ausbruchsgeschehen wurden erste Füchse positiv getestet. Antikörperuntersuchungen auf der Insel Rügen zeigten zudem, dass bis zu 25 Prozent der untersuchten wildlebenden Fleischfresser Antikörper gegen H5-Viren aufwiesen. Ursache ist der Kontakt zu infizierten Wildvögeln. Erstmals seit 2006 wurde im November 2025 zudem in Deutschland eine verendete Katze positiv auf HPAIV H5N1 getestet.
Sackgassen-Infektionen bei Fleischfressern, Ausbrüche bei empfänglichen Arten
Der Übergang des Virus von Vögeln auf Säugetiere hängt nach Einschätzung von Beer vor allem von der aufgenommenen Virusmenge und der Empfänglichkeit der jeweiligen Tierart ab. Nimmt ein Fuchs oder Waschbär etwa durch das Fressen eines infizierten Wildvogels eine hohe Virusdosis auf, kann es zu einer Infektion kommen. Das geschieht jedoch nur bei einem Teil der Tiere. Nur wenige erkranken schwer und sterben, meist infolge einer Gehirninfektion. Eine Weitergabe von Tier zu Tier findet in diesen Fällen nicht statt.
Es handelt sich überwiegend um sogenannte Sackgassen-Infektionen. Anders verhält es sich bei besonders empfänglichen Arten wie Pelztieren oder marinen Säugetieren, etwa Seelöwen. Hier kann sich das Virus weiterverbreiten und Masseninfektionen auslösen. Deshalb spielt die frühe Erkennung in Pelztierfarmen eine zentrale Rolle, um Ausbrüche rasch zu tilgen und weitere Virusveränderungen oder Mischungen mit anderen Influenzaviren zu verhindern. Pelztiere können zudem auch saisonale menschliche Grippeviren wie H1N1 oder H3N2 beherbergen.
Seltene Übertragungen auf den Menschen
Auch für den Menschen kann HPAIV H5N1 in Einzelfällen gefährlich werden. Eine Infektion tritt dann auf, wenn eine Person eine große Virusmenge aufnimmt, etwa durch engen Kontakt mit infiziertem Geflügel oder in betroffenen Milchkuhbeständen, wie sie zuletzt in den USA auftraten. Die derzeit weltweit dominierenden H5-Viren der Klade 2.3.4.4b sind bislang jedoch nur schwer auf den Menschen übertragbar. Insgesamt wurden weniger als 100 menschliche Infektionen gemeldet, davon 71 in den USA. Die meisten verliefen mild. Für die Allgemeinbevölkerung stuft Beer das Risiko als gering ein.
Infizierte Milchkühe in den USA: Ein bislang unbekannter Sonderfall
Die Infektionen bei Milchkühen in den USA bezeichnet Beer als Sonderfall. Sie zeigten erstmals, dass das Kuheuter eine Art Bioreaktor für Geflügelpestviren darstellen kann. Die Zellen des Eutergewebes tragen passende Rezeptoren, an die das Virus andocken kann. Für das Virus eignet sich das Eutergewebe ähnlich gut zur Vermehrung wie das Gewebe von Enten. Die Virusvermehrung bleibt dabei auf das Euter beschränkt und breitet sich nicht im gesamten Tier aus. Das bestätigten unter anderem experimentelle Infektionen, auch am Friedrich-Loeffler-Institut. Die hohe Virusmenge in der Milch führt beim Melken zur Weiterverbreitung.
Hinweise auf Infektionen der Atemwege oder andere Übertragungswege gibt es bislang nicht. Zuvor waren entsprechende Infektionsversuche über die Atemwege weitgehend erfolglos geblieben, und weltweit fehlten Hinweise auf relevante Infektionsgeschehen bei Rindern.
Krankheitsbild bei Rindern: Symptome reichen von mild bis schwer
Bei erkrankten Rindern kann eine direkte Infektion aller Euterviertel mit einer hohen Virusdosis schwere Symptome auslösen. Dazu zählen hohes Fieber, Mastitis und ein stark reduziertes Allgemeinbefinden. In einzelnen Fällen können Tiere auch verenden. Die Milch verändert sich innerhalb weniger Tage, wird zähflüssig bis joghurtartig, und die Milchleistung sinkt rasch oder bricht vollständig ein. Sind nur einzelne Euterviertel betroffen, verlaufen die Erkrankungen oft deutlich milder. Insgesamt zeigt sich in betroffenen Beständen ein sehr variables Krankheitsbild. Aus den USA liegen bislang jedoch nur fragmentarische Berichte vor, umfassende epidemiologische Auswertungen fehlen.
Tankmilch als Frühwarnsystem
Da infizierte Kühe hohe Virusmengen über die Milch ausscheiden, eignen sich Tankmilchproben gut für ein sensibles Monitoring. In den USA wurde diese Möglichkeit erst spät und zunächst nicht flächendeckend genutzt. In Deutschland empfahl das Friedrich-Loeffler-Institut bereits kurz nach Bekanntwerden der US-Fälle ein bundesweites Stichprobenmonitoring. Gemeinsam mit den Bundesländern wurden 2024 mehr als 1.500 Tankmilchproben mittels Real-Time RT-PCR untersucht, alle mit negativem Ergebnis. Zusätzlich analysierten die Behörden vor allem im nordöstlichen Küstenbereich über 1.400 Rinderseren auf H5-Antikörper, ebenfalls ohne Befund. Die Empfehlung bleibt bestehen, unklare Euterentzündungen auf HPAIV H5 zu testen und Kontakttiere in betroffenen Geflügelbetrieben ebenfalls zu untersuchen.
Strenge Schutzmaßnahmen für Beschäftigte
Personen, die beruflich mit infiziertem Geflügel, dessen Ausscheidungen oder potenziell infizierten Säugetieren in Kontakt kommen, müssen strenge Schutzmaßnahmen einhalten. Dazu zählen Einmalanzüge, Einmalhandschuhe, FFP3-Atemschutzmasken, Schutzbrillen sowie desinfizierbare Gummistiefel. Ebenso wichtig ist die sichere Desinfektion oder Entsorgung der Schutzkleidung, um eine Verschleppung des Virus über Schuhe oder Kleidung zu verhindern. Der Ausschuss für biologische Arbeitsstoffe gibt hierzu detaillierte Empfehlungen.
Geflügelpest bleibt eine dauerhafte Herausforderung
Langfristig rechnet Beer damit, dass sich die Geflügelpest dauerhaft in der Wildvogelpopulation etabliert hat. Seit dem Winter 2020/21 treten in Europa ganzjährig Fälle auf, wenn auch in unterschiedlicher Intensität und mit wechselnden H5-Stammvarianten. In wärmeren Sommermonaten kann das Geschehen zeitweise zurückgehen, wie zuletzt 2025. Auch eine gewisse Herdenimmunität bei Wildvögeln dürfte eine Rolle spielen.
Dennoch ist davon auszugehen, dass es weiterhin wellenartig zu größeren Ausbrüchen kommt, oft im Zusammenhang mit dem Vogelzug. Dabei können immer wieder neue Virusvarianten entstehen. Das Geschehen bei Wildvögeln lässt sich kaum beeinflussen. Die zentrale Herausforderung liegt daher im Schutz von Geflügelbeständen und gehaltenen Vögeln, etwa in Zoos. Früherkennung, konsequente Biosicherheitsmaßnahmen und die sofortige Räumung betroffener Bestände bleiben die wichtigsten Instrumente der Geflügelpestbekämpfung. Unter bestimmten Bedingungen könnte künftig auch eine Impfung für spezielle Haltungsformen, langlebiges Geflügel oder Zoovögel ergänzend eingesetzt werden. Sie kann andere Maßnahmen jedoch nicht ersetzen und erfordert sorgfältige Planung, intensive Überwachung und hohe finanzielle Aufwendungen. Hinzu kommen mögliche Handelsbeschränkungen mit erheblichen wirtschaftlichen Folgen.
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