Schlupf im Stall und Haltungsform 3: Wie sich die Geflügelhaltung neu aufstellt
Manuelle Einlage der Eierhorden in den Stall.
Im Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp diskutierten Wissenschaft, Beratung und Praxis über neue Wege in der Geflügelhaltung. Im Fokus standen der Schlupf im Stall bei Masthähnchen und Legehennen sowie die Frage, ob Haltungsform 3 zum künftigen Standard wird. Klar wurde: Technisch ist vieles möglich – wirtschaftlich bleibt es anspruchsvoll.
Im Januar lud das Netzwerk Fokus Tierwohl in das Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp ein, um gemeinsam mit der Praxis zu den Themen Schlupf im Stall bei Masthähnchen und Legehennen zu sprechen, sowie die Frage zu diskutieren, ob die Haltungsform 3 die Zukunft der Masthähnchenhaltung in Deutschland ist.
Schlupf im Stall: Management entscheidet
Nach einer kurzen Projektvorstellung des „Netzwerk Fokus Tierwohl“ startete der Seminartag mit der ersten Referentin Dr. Birgit Spindler von der „Tierärztlichen Hochschule Hannover“, die Einblicke in das Modell- und Demonstrationsvorhaben (MuD) Projekt „Schlupf im Stall“ (SiS) gab. Neben den Verbundpartnern waren auch acht Praxisbetriebe (konventionell und Bio) an dem Projekt beteiligt. Ergebnisse des Projektes sind in einen Leitfaden geflossen, der als Managementhilfe einen Überblick über gesetzliche Bestimmungen, praktische Durchführung und wichtige Kontrollpunkte und Stellschrauben beim Schlupf im Stall liefert
Um einen möglichst guten Vergleich der „konventionellen“ und der SiS-Methode aufstellen zu können, wurden auf allen Betrieben in einem Stall Eintags-Masthähnchenküken aus der Brüterei und in einem zweiten Stall die SiS Küken eingestallt. Pro Betrieb wurden sechs Mastdurchgänge angestrebt.
Bei der „konventionellen“ Methode werden nach 21 Tagen in der Brüterei geimpfte und geschlüpfte Eintagsküken angeliefert. Im Gegensatz dazu werden bei SiS 18 Tage bebrütete Eier geliefert, die im Stall schlüpfen und dort direkt Zugang zu Futter und Wasser haben. Eine Impfung muss in-ovo, und/oder im Stall erfolgen. Durch den direkten Futter- und Wasserzugang bei SiS soll die Resorption des Futtersacks angeregt werden und die allgemeine Krankheitsanfälligkeit der Tiere gesenkt werden.
Um die Eier in den Stall einzulegen, gibt es mehrere Möglichkeiten:
Die Eierhorden können per Hand direkt auf den Stallboden gelegt werden. Diese Methode ist günstig und recht flexibel, da kein eigenes System angeschafft werden muss. Die ergonomische Belastung und der Zeitaufwand sollten jedoch beachtet werden.
Eine weitere Methode ist das sogenannte X-Treck® System, bei dem die Eierhorden über ein Schienensystem in den Stall verbracht werden. Diese Methode ist schnell und bietet ergonomische Vorteile, jedoch entstehen hohe Kosten (zirka 40.000€ für einen 40.000er Stall) und es ist ein Umbau des Stalls zur Anpassung an das System nötig.
X-Track® System zur mechanischen Einbringung der Eier in den Stall.
Außerdem das Nestborn-System®, bei dem die Eier über einen Roboter direkt auf den Stallboden abgelegt werden. Bei diesem System entstehen keine Systemanschaffungskosten und auch die Bedienung ist ergonomisch vorteilhaft. Für den Betrieb der Einlegemaschine entstehen jedoch Kosten.
Klima, Kontrolle, Konsequenz
Neben der Wahl des Einlagesystems gibt es auch weitere Herausforderungen. Die angelieferten Eier müssen in einem vorgewärmten Stall bis zum Schlupf der Küken weiter „bebrütet“ werden, was eine intensive Beobachtung der Eier und des Stallklimas bedarf. Der Boden sollte konstant eine Temperatur zwischen 27 – 30°C haben, die Luft mindestens 30 – 32°C, mit einer relativen Luftfeuchte von zirka 50%. Zu viel direkte Hitze und Zugluft sollten unbedingt vermieden werden. Werden die Eier auf den Eierhorden belassen, sollte auf ausreichend Platz zwischen diesen geachtet werden, damit sich die Tiere beim Schlupf nicht zwischen den Horden einklemmen. Werden die Eier direkt auf den Stallboden gelegt, sollte eine 5 – 6cm dicke Einstreuschicht die Eier abpolstern. Besonders wichtig ist auch darauf zu achten, dass die Eier mit dem spitzen Pol nach unten liegen, da die Tiere vom stumpfen Pol her schlüpfen und sich sonst nicht aus dem Ei befreien können.
Da nicht aus allen Eiern lebensfähige Küken schlüpfen und auch innerhalb der ersten Tage lebensschwache Tiere tierschutzgerecht getötet werden müssen, werden etwa 3% mehr Eier geliefert, als final im Stall gemästet werden sollen. Nach dem 21.5 Tag werden die Eier, aus denen keine Küken geschlüpft sind, sowie Steckenbleiber abgesammelt und müssen mazeriert werden, was eine emotionale Belastung darstellen kann. Eine Tötung über CO2 ist nicht zulässig.
Frau Dr. Spindler berichtet, dass pro Küken mit einem Mehrkostenaufwand von etwa 11ct zu rechnen ist, es jedoch auch einen betriebsindividuellen Trend zu höheren Mastendgewichten gibt.
Sollte sich ein Betrieb für SiS entscheiden, ist es ratsam einen ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen, um die Tiere bewusst vom Schlupf über die gesamte Mastperiode begleiten zu können.
Nestborn-System®, bei dem die Eiablage über eine fahrbare Maschine direkt in den Stall geschieht.
Legehennen: Schlupf und Aufzucht im selben System
Nach der Mittagspause ging es weiter mit einem Vortrag von Konstantin Kahle von Big Dutchman, über ein neuartiges Volierensystem, in dem die Junghennen direkt im Legestall schlüpfen können und so ihr gesamtes Leben in einem System verbleiben.
Somit entfällt der Transport zwischen Aufzucht- und Legestall, was das Stresslevel und Infektionsrisiko senken kann.
Gemeinsam mit der Familie Claessens aus den Niederlanden entwickelte Big Dutchman die „Natura Life Voliere“ und testete diese nun bereits für mehrere Durchgänge mit je 1700 weißen H&N-Hennen.
Als Herausforderung beschreibt Herr Kahle, dass das System mit den Tieren mitwachsen muss. Die Küken sind deutlich kleiner als die später ausgewachsenen Tiere, sodass zum Beispiel die Futter- und Wasserlinien zum Teil höhenverstellbar sein müssen. Die Eier werden zu Beginn auf Bruthorden oberhalb eines „Kükenbodens“ eingelegt. Im Anschluss schlüpfen die Küken aus den Eiern und fallen auf den darunter liegenden Kükenboden, welcher eine extra auf die Tiere angepasste Maschenbreite hat.
Mit zunehmendem Alter bekommen die Tiere immer mehr Zugang zur gesamten Voliere. Die Tiere bekommen mit der Zeit Zugang zur Einstreu und ab Woche acht wird der Kükenboden entfernt. Nach der 17. Woche erhalten die Tiere Zugang zu den Nestern und gehen ab der 18. Woche in den regulären Legebetrieb über.
Auch wenn bisher die Versuche nur mit geringer Tierzahl durchgeführt wurden, können aus den bisherigen Daten Erwartungen für die Zukunft formuliert werden. Bisher zeigte sich, dass die Tiere in dem Teststall ruhiger waren und energieärmeres Futter benötigten. Für die Zukunft wird sich erhofft, dass die Tiere im Vergleich eine höhere Legeleistung und bessere Tierentwicklung mit erhöhter Herdenuniformität zeigen.
Zu beachten ist jedoch, dass entgegen zum regulären Legehennenstall eine Heizung benötigt wird, da die Küken zu Beginn deutlich höhere Temperaturen benötigen. Außerdem kommen zunächst Mehrkosten für die Technik auf den Betrieb zu.
Gemeinsam mit der Universität Osnabrück wird aktuell daran geforscht, ob etwa das Wegfallen der Umstallung eine Auswirkung auf das Stresslevel der Tiere hat.
Haltungsform 3: Markt treibt Umbauten
Den Abschluss der Veranstaltung bildete der Vortrag von Dr. Peter Hiller der Landwirtschaftskammer Niedersachsen mit der Frage, ob die Haltungsform 3 (HF 3) in der Hähnchenmast die Zukunft ist.
Während über die letzten Jahre im Mittel der Rotfleischkonsum eher gesunken ist, nahm er beim Geflügel im Gegenteil eher zu. Auch der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) möchte bis 2030 sein Frischfleischangebot zu 100% aus Haltungsform 3 anbieten. Aktuell sind jedoch 90% der Geflügelbetriebe „Initiative Tierwohl“ (ITW) zertifiziert, was HF 2 entspricht. Viele bestehende, und auch neu zu planende, Betriebe fragen sich nun, ob sich der Um- bzw. Neubau in HF 3 auch auf lange Sicht finanziell lohnt. Sehr detailliert rechnete Dr. Hiller die verschiedenen Möglichkeiten vor, wobei er für die HF 3 einen Stall mit 1600m2 und 480 m2 abgeschlepptem Wintergarten (entspricht 30% der Stallgrundfläche) mit 24.000 Stallplätzen als Stallmodell bevorzugte.
Fragte man im Kreise der Zuhörenden nach einem Stimmungsbild zur Frage HF 2 oder HF 3, sah die Mehrheit HF 3 als Zukunft, da wohl mit der Zeit auch die Integrationen zunehmend Fleisch aus dieser Haltungsform fordern werden.
Für Interessierte die aktuell einen Stall bauen wollen scheint ein flexibler Stall, in dem nach den aktuellen Vorgaben beide Haltungsformen eingestallt werden können, die geschickteste Lösung zu sein.
Die Veranstaltung war auf Grund einer Förderung des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat kostenfrei.
Hannah Kanwischer, Netzwerk Fokus Tierwohl, Landwirtschaftskammer Niedersachsen
Bild:
Dr. Birgit Spindler
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