FLI sieht hohen Infektionsdruck: Newcastle Disease auf dem Vormarsch durch ganz Deutschland?

25 März 2026
Biosicherheit
Masthähnchen

Die deutsche Geflügelhaltung sieht sich derzeit einer besonderen Situation ausgesetzt: Die Geflügelpest (Aviäre Influenza) bleibt im Land präsent, gleichzeitig häufen sich die Fälle von Newcastle Disease (ND). Diese parallele Entwicklung gab es in Deutschland bislang nicht. Die Während die Geflügelpest in den Köpfen der Geflügelhalter allgegenwärtig ist, war die ND in den letzten Jahren vielleicht etwas in Vergessenheit geraten. Jetzt rückt die Seuche wieder in den Fokus.

Dass der Informationsbedarf hoch ist, zeigte eine Online-Veranstaltung des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) am 24. März 2026. Innerhalb kurzer Zeit waren alle 1.000 Plätze vergeben. Die Praxis sucht nach Antworten.

So kam die Newcastle Krankheit nach Deutschland

Dr. Carola Sauter-Louis vom FLI beschrieb zunächst die Geschehnisse der letzten zwei Jahre und ordnete die aktuelle Lage vor diesem Hintergrund ein: 

  • Die Newcastle Disease trat 2024 zunächst in Italien auf, im Mai folgte ein Fall in Schweden. Danach blieb die Situation vorübergehend stabil. Im September 2024 kam es zu einem Eintrag im Osten Polens. In der Umgebung entwickelten sich weitere Ausbrüche. Im November erreichte das Virus die Nähe der tschechischen Grenze.
  • Im März 2025 breitete sich die Seuche weiter im Osten Polens aus und erreichte erstmals die deutsch-polnische Grenze. Im April folgten weitere Fälle in Tschechien, das Virus bewegte sich entlang der Grenze zu Deutschland.
  • Bis November 2025 nahm die Zahl der Ausbrüche in Polen und Tschechien weiter zu, häufig waren Kleinhaltungen betroffen. Der Infektionsdruck an den östlichen Grenzen Deutschlands stieg Anfang 2026 deutlich an.

Im Februar 2026 wurde schließlich der erste Ausbruch in Deutschland bekannt. Bislang (Stand 24. März 2026) wurden 40 Fälle registriert: 26 in Brandenburg, 13 in Bayern und einer in Berlin. Die Ausbrüche konzentrieren sich in Grenznähe zu Polen und Tschechien in Regionen mit relativ hoher Geflügeldichte. Die Behörden untersuchen derzeit mögliche Eintragswege. Sie prüfen Tierzukäufe, Kontakte zwischen Betrieben sowie Einflüsse wie Transport, Personenverkehr, Impfregime, Alter der Tiere und Witterung.

Impfung schützt – aber verhindert allein nicht die Virusverbreitung

Dr. Carola Sauter-Louis fasste die aktuelle Lage folgendermaßen zusammen: Gegen die Newcastle Disease steht eine Impfung zur Verfügung, und alle betroffenen Betriebe waren geimpft. Dennoch verhindert die Impfung die Verbreitung des Virus nicht. Es besteht deshalb ein hohes Risiko einer fortschreitenden Virusverbreitung.

„Wir brauchen massive und umfassende Maßnahmen, um eine unkontrollierbare Verbreitung des ND-Virus zu verhindern. Die Schäden, die wir bisher durch ND haben, sind relativ gesehen höher als bei der Klassischen Geflügelpest", Dr. Carola Sauter-Louis.

Newcastle Disease: Unterschätzte Seuche?

Dr. Christian Grund, Leiter des nationalen Referenzlabors für Newcastle Disease, beschreibt die Krankheit als alte, aber weiterhin gefährliche Bedrohung.

Das Virus wurde vor rund 100 Jahren erstmals beschrieben und hat sich vermutlich seitdem weltweit verbreitet. In Deutschland trat es seit den 1940er Jahren wiederholt auf, größere Ausbrüche folgten bis in die 1980er Jahre. Heute ist das Virus in vielen Regionen der Welt endemisch.

Durch konsequente Bekämpfung galt Deutschland lange als frei von Newcastle Disease. An diese Situation scheint man sich etwas gewöhnt zu haben. 

Was macht Newcastle Disease so gefährlich?

Besonders problematisch an der Newcastle Disease ist, so Dr. Christian Grund, dass Infektionen im Bestand unbemerkt verlaufen können. Symptome treten nicht immer auf oder variieren stark – was unter anderem abhängig vom Alter der Tiere ist. Auch geimpfte Tiere können infiziert sein und das Virus ausscheiden, ohne klinisch aufzufallen.

Fachlich unterscheidet man zwischen virulenten und avirulenten Virustypen (Impfviren). Virulente Varianten breiten sich im gesamten Körpergewebe aus und verursachen Erkrankungen. Impfviren bleiben dagegen auf Atemwege oder den Darm begrenzt.

Hohe Ansteckungsgefahr durch unerkannte Träger

Die Newcastle Disease verbreitet sich schnell, erklärte Dr. Grund. Das Virus gelangt über Atemwege, Tröpfcheninfektion oder Kot in die Umwelt und kann über Gegenstände weitergetragen werden. Besonders gefährlich seien Bestände ohne sichtbare Krankheitsanzeichen. Wasservögel zum Beispiel könnten das Virus tragen, ohne Symptome zu zeigen. Aus diesem Grund sei die Krankheit international streng geregelt. Infizierte Bestände müssten gekeult werden, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern.

Warum es trotz Impfung zu Ausbrüchen kommt

Die aktuelle Situation zeigt deutlich: Die Impfung allein reicht nicht aus, um Ausbrüche der ND zu verhindern. Zwar würden Impfstoffe auf ihre klinische Wirksamkeit geprüft, so Dr. Grund. Ein vollständiger Schutz entstehe jedoch erst, wenn Tiere ausreichend Zeit zur Ausbildung einer Immunität hätten. Gerade Jungtiere seien deswegen besonders anfällig, ihre Immunkompetenz sei noch nicht voll ausgeprägt.

Auch geimpfte Tiere können sich infizieren, scheiden jedoch weniger Virus aus. Bei gut aufgebauter Herdenimmunität kann sich eine Infektion verlangsamen oder zum Stillstand kommen.

Fehlender Impfschutz in Teilbeständen führt jedoch dazu, dass einzelne Tiere das Virus weiter verbreiten. „Impfversager stellen Multiplikatoren der Seuche dar, so Dr. Grund.

Was jetzt zählt: Konsequentes Handeln im Betrieb

Um eine unkontrollierte Verbreitung zu verhindern, fordern die Experten umfassende Maßnahmen:

  • Ein klinisches Monitoring allein (nur das Schauen auf Krankheitszeichen) ist nicht ausreichend. Nötig ist ein Früherkennungssystem, um eine Gefährdung frühzeitig zu eliminieren. Betriebe sollten Falltiere und Leistungsdaten im Blick behalten und Auffälligkeiten frühzeitig abklären.
  • Impfung allein wird nicht reichen. Biosicherheit bleibt die wichtigste Schutzmaßnahme.
  • Um unerkannte infizierte Tiere nachzuweisen sind entsprechende Verfahren nötig.
  • Flächige Schutzimpfung reduziert die Viruslast und minimiert das Risiko der Verbreitung.
  • ND-Impfstoffapplikationen sind auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen

Um den Virusdruck zu senken, bleiben klassische Maßnahmen notwendig. Dazu zählen Bestandsräumungen, Verbringungsbeschränkungen und gezielte Impfstrategien. Gleichzeitig müssen Betriebe ihre Impfprogramme regelmäßig überprüfen.

Text:
Cordula Moebius

Cordula Moebius

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Bild: Cordula Möbius
Quelle: FLI

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