Das ILVO baut in Flandern einen klimaneutralen, energieflexiblen Geflügelstall als europaweit einzigartiges Forschungszentrum für nachhaltige Tierhaltung.
Geflügelhaltung mit Zukunft: Klimaneutral und energieflexibel
Das flämische Institut für Agrar-, Fischerei- und Lebensmittelforschung (ILVO) errichtet in Merelbeke-Melle ein neues, hochmodernes Geflügel-Innovationszentrum. Die Versuchsanlage für Masthähnchen soll vollständig klimaneutral und energieflexibel betrieben werden – ein europaweit einzigartiges Pilotprojekt.
Geflügelställe stellen hohe Anforderungen an Temperatur und Lüftung. Während Eintagsküken Temperaturen um die 32 °C benötigen, müssen fast schlachtreife Tiere aktiv auf etwa 18 °C heruntergekühlt werden. Diese extrem variablen klimatischen Bedingungen führen zu stark schwankendem Energiebedarf.
Gleichzeitig wächst der Druck auf das Stromnetz durch die Energiewende und neue Verbraucher wie Rechenzentren. ILVO begegnet dieser Herausforderung mit dem Prinzip der Energieflexibilität: Der Energieverbrauch des Stalls passt sich flexibel an das vorhandene Stromangebot und die Netzkapazitäten an.
Nachhaltige Technik für Heizung, Kühlung und Lüftung im Stall
Die Innovation des ILVO-Projekts liegt in der Kombination mehrerer nachhaltiger Technologien. Für die Wärmeversorgung kommen drei Quellen zum Einsatz:
- Geothermie mittels Tiefenbohrungen,
- Photovoltaik-Thermalmodule (PVT) auf dem Dach,
- Wärmerückgewinnung aus der Abluft der Lüftungsanlage.
Die Wärme- und Kälteverteilung erfolgt über drei Systeme: eine energieeffiziente Fußbodenheizung, Doppelrohrsysteme an den Wänden sowie eine klimatisierte Zuluft über Luftgruppen mit Heiz- und Kühleinheiten.
Intelligentes Energiemanagement senkt Kosten und Emissionen
Für den Strombedarf setzt ILVO auf drei Strategien:
- Eigene PVT-Module liefern über 250 kWp Solarstrom.
- Ein 50 m³ großer Wasserspeicher puffert Energie für spätere Nutzung.
- Nicht selbst erzeugter Strom wird als zertifizierter Grünstrom über den flämischen Anbieter VEB zugekauft.
Ziel ist ein möglichst hoher Eigenverbrauch des erzeugten Stroms – völlige Energieautarkie wird aus Kostengründen nicht angestrebt. Wichtig sei laut ILVO, Netzspitzen zu vermeiden und fossile Energieträger komplett auszuschließen.
Intelligente Steuerung und Lernpotenzial für die Praxis
Das Herzstück des Systems ist ein intelligentes Energiemanagement, das alle Energiequellen vernetzt. Es entscheidet automatisch über die optimale Nutzung auf Basis von Wetterprognosen, Gebäudeanalysen, Eigenstromverfügbarkeit und Strompreisen. Laut ILVO-Energiekoordinatorin Gerlinde De Vogeleer eröffnet diese Steuerung neue Erkenntnisse für die effiziente Geflügelhaltung unter wechselnden Klimabedingungen.
Modularer Aufbau ermöglicht vielseitige Agrarforschung
Das Gebäude wird 70 Meter lang und 41 Meter breit und bietet Platz für bis zu 14.000 Masthähnchen in neun klimatisch individuell steuerbaren Abteilen. Die Stallbereiche sind modular aufgebaut, sodass unterschiedlichste Forschungsfragen bearbeitet werden können.
ILVO-Forscherin Evelyne Delezie hebt hervor, dass sich mit der neuen Anlage sowohl grundlagen- als auch praxisorientierte Forschung durchführen lässt – etwa zur Fütterung, Tiergesundheit, Emissionen, Fleischqualität oder zum Tierverhalten. Auch präzise digitale Messsysteme und robotergestützte Technologien kommen zum Einsatz.
Vier Abteile erhalten zusätzlich Tageslicht und einen Wintergarten mit Auslaufmöglichkeit – für Forschung zu alternativen Haltungssystemen.
Ganzheitlicher Forschungsansatz
Die Versuchsanlage dient als Modell für zukunftsfähige Tierhaltung. ILVO will mit dem Projekt zur Weiterentwicklung eines nachhaltigen Geflügelsektors in Flandern beitragen. Generaldirektor Joris Relaes bezeichnet das Gebäude als „Proof of Concept“ für moderne, ressourcenschonende Nutztierhaltung. Forschung, Tierwohl und Umweltschutz werden dabei konsequent zusammengedacht.
Laut ILVO verbindet das Zentrum Tierhaltung und Klimaschutz auf bislang nicht erreichte Weise.

































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