Agravis-Symposium: Diese Chancen sehen Experten für Geflügel
Referierende und Gastgeber beim Broiler-Symposium von Agravis
Steigende Verzehrzahlen, ein anhaltender Protein-Boom und Vorteile bei der Klimabilanz: Die Rahmenbedingungen für Geflügelfleisch sind derzeit günstig wie selten. Dennoch stehen die Erzeuger vor wichtigen Fragen rund um Wachstum, Kapazitäten und Akzeptanz. Antworten lieferten Experten beim Agravis-Broiler-Symposium.
Gleich bei der Begrüßung brachte es Andre Stevens auf den Punkt: „Es gibt viele junge Landwirte, die mit der Hähnchenmast liebäugeln. Sie bietet eine Perspektive auch für den Generationenwechsel auf den Höfen“, sagte der Leiter Produktmanagement Geflügel bei Agravis. Das diesjährige Broiler-Symposium „Federweiser“ im niedersächsischen Holdorf (Landkreis Vechta) fand denn auch im vollbesetzten Saal statt – dabei viele junge Gäste. Es ist eine Tatsache: Soll der steigende Geflügelfleischverzehr hierzulande aus heimischer Produktion gedeckt werden, braucht es mehr Ställe. Das ist eine einfache Rechenaufgabe.
Nur gute Nachrichten für die Geflügelhaltung hatte Dr. Ingo Stryck mitgebracht. Er verantwortet den Bereich Marketing beim Branchenführer Wiesenhof. Daneben ist er bei der IDEG aktiv, der Informationsgemeinschaft Deutsches Geflügel, die sehr erfolgreich firmenübergreifende Werbung macht.
Je jünger, desto mehr Geflügel auf dem Teller
Wie der Marketingfachmann zeigte, steigt nicht nur der Geflügelfleischverzehr an sich in Deutschland stetig an. Vor allem kaufen die jüngeren Generationen überproportional Geflügelfleisch, allem voran Hähnchenfleisch. Dabei gilt: Je jünger, desto größer ist der Anteil Hähnchen beim Fleisch auf dem Teller. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass man sich um den künftigen Absatz eigentlich keine Sorgen machen braucht.
Ein Grund: Hähnchenfleisch passt perfekt zum anhaltenden Gesundheits-/Proteintrend. Hochwertiges und ausreichend Protein wird als zentraler Aspekt einer gesunden Ernährung gesehen. Dass Geflügelfleisch quasi von allen großen Religionen akzeptiert wird, unterstützt das Wachstum im Absatz auch hierzulande genauso wie die Tatsache, dass Geflügelfleisch einen niedrigen CO2-Fußabdruck hat oder dass es bei den Fast-Food-Ketten einen festen Platz hat.
Dr. Ingo Stryck, Wiesenhof: „Wir brauchen neue Stallplätze, ist der Markt erst weg, bekommen wir ihn nicht wieder.“
Branche sollte 5xD unterstützen
Als mögliches Risiko sah Dr. Stryck die Preisgestaltung an der Supermarktkasse. In Zeiten von wirtschaftlicher Unsicherheit und Inflation kaufen Verbraucher preissensibel. Der Lebensmittelhandel in Deutschland setzt bei Geflügelfrischfleisch größtenteils auf deutsche Herkunft. Aber andere Länder mit niedrigeren Produktionskosten sind am Start. Deshalb müsse sich die Branche für das Herkunftszeichen Deutschland (5xD) engagieren.
Tierhaltung gehört zur Lebensmittelproduktion
In allen Diskussionen um die Tierhaltung spielt der Punkt „Nachhaltigkeit“ eine zunehmend wichtige Rolle. Für Prof. Dr. Julia Hankel von der Tierärztlichen Hochschule Hannover gehört zu einer nachhaltigen Lebensmittelproduktion die Tierproduktion dazu. Der Kreislaufgedanke bei der Produktion von Lebensmitteln funktioniere nur mit Nutztieren, so ihr Statement. Bei der Herstellung pflanzlicher Lebensmittel gibt es zahlreiche Reststoffe, die größtenteils nur über Tiere verwertet werden können. Die Tierhaltung verwertet diese Reststoffe und liefert so zusätzliche Nahrungsmittel. Mist, Gülle oder Hühnertrockenkot düngen wiederum die landwirtschaftlichen Flächen.
"Prof. Dr. Julia Hankel, TiHo: „Jede Erkrankung kostet Energie und Nährstoffe und damit Ressourcen.“"
Nachhaltigkeit beinhaltet auch den Aspekt Umweltwirkung. Die Fütterung ist in der Nutztierhaltung der größte Hebel für die Umweltwirkung, beim CO2-Fußabdruck. Hierfür werden Anbau, Herstellungs-/Aufbereitungsprozesse und der Transport der Futterbestandteile mit betrachtet. In der Rationsgestaltung kann etwa durch den Zusatz essentieller Aminosäuren der Einsatz von Sojaschrot reduziert werden und damit auch der CO2-Fußabdruck. Über eine verbesserte Futterverwertung und Zuchtfortschritt, aber auch über eine verbesserte Tiergesundheit kann der CO2-Fußabdruck der Tierproduktion reduziert werden.
Geflügelmast vorne bei Futtereffizienz
Dass das Geflügel hier schon heute in der ersten Liga spielt, unterstrich Hubert Möllmann, Produktmanager Geflügel bei Agravis. Er ergänzte die Aussagen seiner Vorrednerin mit konkreten Zahlen aus der Praxis: So sind die Ausscheidungen an Stickstoff in der konventionellen Hähnchenmast seit 2000 bereits um knapp 20 % reduziert worden. Bis 2030 geht man von zusätzlichen Prozentpunkten weniger aus. Eine ähnliche Entwicklung gibt es bezüglich Phosphor. Möglich war dies, so der Fütterungsfachmann, durch züchterische Fortschritte, passgenauere Fütterung, Einsatz von Enzymen und Phytasen sowie, wie bereits erwähnt, Zusatz von Aminosäuren.
"Dr. Marco Mohrmann (CDU): „Wir werden nicht nur für Haltungsform 3 produzieren können“"
Um in Deutschland die Hähnchenfleischproduktion steigern zu können, braucht es neue Ställe. Die bauen zu können, ist bekanntlich meistens eine große Hürde – die vornehmlich von der Politik zu beseitigen wäre. So war es nur folgerichtig, dass Agravis zu seiner Veranstaltung auch einen Agrarpolitiker eingeladen hatte: Dr. Marco Mohrmann ist Generalsekretär der CDU Niedersachsen und agrarpolitischer Sprecher seiner Landtagsfraktion.
Versorgungssicherheit braucht neue Ställe
Der studierte Landwirt bekannte sich ganz klar dazu, dass Niedersachsen Geflügelland Nr. 1 bleiben soll und forderte „konzertierte Aktionen“ der Landkreise mit der Landesregierung, um den Neu- oder Umbau von Ställen zu beschleunigen. Für Niedersachsen als Agrarland sei Agrarpolitik Wirtschaftspolitik und Politik für den ländlichen Raum. Er brachte ein weiteres Argument pro Weiterentwicklung Tierhaltung: „Wer Versorgungssicherheit will, muss neue Ställe zulassen.“
Für ihn stehen dabei nicht unbedingt Fördergelder an erster Stelle, der Markt werde das richten, so der Landtagsabgeordnete. Klar ist für ihn aber auch, dass nicht nur in höheren Haltungsformen produziert werden könne: „Auch HF 1 ist eine gute Haltung und auch die brauchen wir“, betonte er.
Christa Diekmann-Lenartz
Bild:
Christa Diekmann-Lenartz, Agravis
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