Welche technischen Möglichkeiten der Geschlechtsbestimmung im Ei gibt es aktuell?

12 Dezember 2022
Brüterei
Eintagsküken

In Deutschland ist das Töten männlicher Eintagsküken seit 2022 verboten. Und immer mehr Länder folgen nach - zum Beispiel Frankreich ab 2023 und Italien ab 2027. In anderen europäischen Ländern gibt es Projekte auf freiwilliger Basis. Doch welche technischen Möglichkeiten der Geschlechtsbestimmung im Ei gibt es aktuell? Jörg Hürlin, Geschäftsführer der Agri Advanced Technologies GmbH (AAT) zeigte sie im Rahmen eines Vortrages auf dem Forum Geflügel der EuroTier 2022 auf.

Jörg Hürlin wies in seinem Vortrag auf der EuroTier 2022 darauf hin, dass Deutschland und Frankreich auf der EU-Agrarministerkonferenz Mitte Oktober 2022 in Luxemburg die Aufnahme des Verbotes des Kükentötens in die europäische Tierschutzgesetzgebung beantragt hätten und durch weitere sieben Länder unterstützt worden seien. Nun werde eine Folgenabschätzung durch eine Untersuchungskommission stattfinden, um festzustellen, ob ein europäischer Ausstieg überhaupt möglich sei, so Hürlin.

Aufzucht der Bruderhähne nicht wirtschaftlich

Der Geschäftsführer der Agri Advanced Technologies GmbH (AAT) ging zunächst auf die moderne Geflügelzüchtung ein. Sie habe Fleischrassen und Legerassen optimiert, so dass die männlichen Tiere der Legerassen ökonomisch eigentlich nicht nutzbar seien. Hürlin verglich das Gewicht verschiedener Herkünfte nach 70 Tagen und zeigte auf, dass ein langsam wachsender Broiler der Mastrichtung in dieser Zeit ein Schlachtgewicht von 2,8 kg auf die Waage bringt und ein Zweinutzungshuhn auf 2 kg. Ein männlicher Legehybrid hingegen wiege nach 70 Tagen lediglich 1 kg. Um annähernd das Gewicht auf Mast spezialisierten Rassen zu erreichen, benötige der männliche Legehybrid – der so genannte Bruderhahn - etwa 6 kg mehr Futter. Das sei im Hinblick auf die Nachhaltigkeit und das Verringern von Kohlendioxid-Emissionen untragbar. Futterknappheit und der Anstieg der Futterkosten wurden der Aufzucht von Bruderhähnen deshalb wahrscheinlich bald ein Ende setzen. Auch das Zweinutzungshuhn habe sich wirtschaftlich bislang nicht durchgesetzt. Es lege im Vergleich mit den Legerassen einfach zu wenig Eier.

Große Hoffnung: Geschlechtsbestimmung im Ei

Als Alternative kommt Hürlin zufolge nur die Geschlechtsbestimmung im Ei in Frage – auch der Biobereich (Naturland, EU-Bio) öffne sich für diese Technologien. Aktuell gebe es zwei Verfahrensansätze: Die flüssigkeitsbasierte Messung/Analyse außerhalb des Eis, die vergleichsweise teuer sei und die nicht invasive, optische Messung/Analyse, die deutlich günstiger zu realisieren sei. 

Flüssigkeitsbasierte Verfahren

Bei den flüssigkeitsbasierten Verfahren werde Allantoisflüssigkeit entnommen und untersucht. Diese Verfahren ermöglichten die Geschlechtsbestimmung auch bei Weißlegern und könnten ab dem 9. Tag durchgeführt werden. Drei Anbieter untersuchten die Allantoisflüssigkeit, so Hürlin:

  • SELEGGT (zugelassen seit 6/2018): Endokrinologische Analyse mittels ELISA Test,
  • IN OVO (zugelassen seit 11/2020): Genanalyse mittels PCR Test,
  • PLANTegg (zugelassen seit 11/2020): Biomarkeranalyse mittels Massenspektrometrie.

Mit dem SELEGGT Verfahren lassen sich laut Hürlin 3.000 Eier pro Stunde mit 96 Prozent Genauigkeit untersuchen, das PLANTegg Verfahren ermögliche 98 Prozent Genauigkeit, aber lediglich 850 bis 1.000 Küken pro Stunde.

Optische Analyse im Ei

Bei der optischen Analyse im Ei werde keine Flüssigkeit entnommen. Damit bestehe kein Kontaminationsrisiko, womit sich die Schlupfeinbußen minimierten. Hier gebe es aktuell ein marktreifes Produkt und ein Produkt in Planung:

  • CHEGGY (zugelassen seit 12/2019): Hyperspektrale Messtechnik, kontaktlose Analyse, spezifisch für Braunleger,
  • ORBEM (noch nicht marktreif): Magnetresonanztomographie (MRT) mit künstlicher Intelligenz.

Hürlin, dessen Unternehmen das CHEGGY-Verfahren entwickelt hat, unterstreicht, dass diese Technologie effizient, nachhaltig, planungssicher und kostengünstig sei. Es könnten 20.000 Eier pro Stunde mit einer Genauigkeit von 96 Prozent untersucht werden. Jedes Ei werde durchleuchtet und die befruchteten Eier werden zur Geschlechtsbestimmung analysiert.

Alle Verfahren notwendig

„Sowohl die flüssigkeitsbasierten Verfahren als auch die optische Analyse sowie die Bruderhahnaufzucht sind notwendig, um die Herausforderungen des Ausstiegs aus dem Kükentöten zu bewältigen!“, fasste Hürlin zusammen.

 

Magdalena Esterer
Bild: Geflügelnews

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