In Deutschland gilt schon sehr lange eine Impfpflicht für alles gehaltene Geflügel gegen die Newcastle Disease oder Newcastle Krankheit (ND). Trotzdem sind jetzt innerhalb weniger Tage zwei Fälle in kommerziellen Geflügelhaltungen aufgetreten. Wir fragten Geflügelfachtierarzt Dr. Thorsten Arnold, wie das einzuordnen ist.
Keine Überraschung
Herr Dr. Arnold, waren Sie überrascht von der Meldung über den ersten ND-Fall in Deutschland nach über 20 Jahren?
Nein, mich hat diese Meldung nicht überrascht. Für mich und ich denke für viele Berufskolleginnen und Berufskollegen war es nur eine Frage der Zeit, wann die ND über die polnische Grenze herüberschwappt nach Deutschland. Dort hat es in den vergangenen zwei Jahren viele Fälle gegeben, in kommerziellen Haltungen und auch in den privaten sogenannten Hinterhofhaltungen. In Polen gab es bis April 2025 keine Impfpflicht. Man konnte gut verfolgen, dass die ND-Fälle von der ukrainischen Grenze gen Westen gewandert sind. Es lässt sich vermuten, dass viel über die privaten Haltungen weitergegeben wurde.
Zwischen Polen und Deutschland gibt es regen Kontakt, viel Handel über die Grenze, auch Geflügeltransporte. Es arbeiten viele polnische Staatsbürger in Deutschland, fahren täglich oder zumindest häufig über die Grenze. ND hat ähnliche Übertragungswege wie die Vogelgrippe, hier steht besonders Personenverkehr im Fokus.
Welche Erfahrungen gibt es in Ihrer Praxis mit der Newcastle Disease?
In Deutschland gilt Impfpflicht. Das wissen alle Halterinnen und Halter von Nutzgeflügel. Was jetzt schon des Öfteren zu lesen war, ist durch die heute deutlich längere Haltung von Legehennenherden der ND-Impfschutz nicht mehr bis zum Ende der Legeperiode gegeben. Die übliche ND-Nadelimpfung bei Junghennen hält laut Hersteller ein Jahr. Ersetzt aber aus unserer Sicht nicht die regelmäßige Boosterung des Impfschutzes über die Schleimhäute mittels Trinkwasserimpfung oder besser noch Spray. Wir machen das routinemäßig in den von uns betreuten Betrieben:.
Wir haben auch eine Kleintierpraxis. Hobby-Geflügelhaltungen können schon ein Problem sein, weil nicht alle die Impfpflicht so genau kennen. Es gibt bei Hobbyhaltungen nicht zwangsläufig immer Kontakt zu einem Tierarzt, der darüber aufklären kann. Wir können nicht häufig genug über die Impfpflicht schreiben, darauf hinweisen, es ins Bewusstsein der Halter bringen. Wer nicht impft, gefährdet nicht nur seinen eigenen Bestand, sondern auch andere Bestände im Umfeld oder zu denen es Kontakt gibt.
Im ersten Fall bei den Putenküken (6 Wochen) wurde anscheinend gerade das „Fenster“ getroffen, wo die Tiere nicht geschützt waren. Lässt sich das nicht vermeiden?
Grundsätzlich weiß man, dass Puten bezüglich ND etwas schwieriger zu impfen sind als zum Beispiel Legehennen, sprich der Impferfolg ist nicht ganz so gut wie bei Legehennen oder Broilern. Die Erstimpfung erfolgt häufig in der Brüterei, die Booster-Impfung dann im Aufzuchtbetrieb. Die bereits wiederholt gegen ND geimpften Tiere des Betriebes zeigten keine Symptome. Um diese Booster-Impfung herum können die Putenküken für einen kurzen Zeitraum empfänglicher sein für eine Infektion. Das lässt sich leider nicht komplett vermeiden.
Wegen der Vogelgrippe haben Betriebe ihre Biosicherheit hochgefahren. Hat Newcastle die gleichen Übertragungswege oder gibt es weitere Dinge zu beachten?
Im Prinzip wird ND über die gleichen Wege übertragen wie die Vogelgrippe, also rein theoretisch auch über die Luft. Allerdings stehen hier nicht Übertragungen durch Wildvögel an erster Stelle. ND wird häufig über Personen- oder Fahrzeugverkehr übertragen.
Gibt es bei der Auswahl der Newcastle-Impfstoffe etwas zu beachten, gibt es Unterschiede?
In der Regel sollte jeder Geflügelhalter sich mit seiner Bestandstierärztin oder seinem Bestandstierarzt über die Auswahl des passenden ND-Impfstoffes austauschen. Es gibt Nadelimpfstoffe, die Spray-Impfung oder die Impfung über das Tränkewasser. Bei den Auffrischungsimpfungen ist es meines Erachtens sinnvoll, Lebendimpfstoffe einzusetzen. Sie werden bestenfalls als Spray verabreicht, so kommen alle Schleimhäute mit dem Impfstoff in Kontakt. Die Schleimhäute sind die Eintrittspforten für das ND-Virus.
Was sagen Sie den Geflügelhaltern, die nicht nur in Sorge sind wegen der Vogelgrippe, sondern jetzt auch noch wegen der Newcastle Krankheit?
Es gibt einen grundsätzlichen Unterschied zwischen den beiden Tierseuchen: Gegen Vogelgrippe dürfen wir noch nicht impfen. Bei ND dürfen und müssen wir es. Wer seine Biosicherheit hoch hält, die Impfungen sorgfältig und laut Vorgaben durchführt sowie regelmäßig nachimpft nach den Empfehlungen seiner Tierärztin oder seines Tierarztes braucht sich wegen ND weniger Sorgen zu machen. Obwohl zu beachten ist, dass die kommerziellen Impfstoffe möglicherweise nicht verhindern, dass sich die Tiere mit dem momentan grassierenden Genotyp VII.1.1. infizieren. Es werden nur die klinischen Symptome verringert, im Falle einer Infektion müsste der Betrieb trotzdem geräumt werden. Um ein ausgereiftes Biosicherheitskonzept kommt man daher als Betriebsinhaber in diesen Zeiten nicht drum herum, wenn man seinen Betrieb bestmöglich schützen möchte.




































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