Deutsches Geflügelforum 2025: Geflügelfleisch im Aufwind – Branche kämpft um faire Rahmenbedingungen
10 April 2025
Deutschland
Beim ersten Deutschen Geflügelforum am 8. April 2025 in Berlin stand alles im Zeichen der Zukunft der Geflügelbranche. Unter dem Motto „Gute Lebensmittel gut erzeugt“ diskutierten Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik über zentrale Themen wie Ernährungstrends, Nachhaltigkeit, CO₂-Bilanz, Kreislaufwirtschaft und die Chancen von Solarenergie auf Geflügelställen.
Goldnick: „Geflügelforum soll Stein im Teich sein, der Wellen schlägt“
Hans-Peter Goldnick, Präsident des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), hob zur Eröffnung des Geflügelforums die Bedeutung des Dialogs innerhalb der Branche hervor. Ziel der neuen Veranstaltung sei es, künftig jedes Jahr die wachsende Geflügelbranche mit Politik, Wissenschaft und Gesellschaft zusammenzubringen. Das Forum solle dabei ein Anstoß sein, ein Stein, den man in den Teich werfe – in der Hoffnung, dass er Wellen schlage.
Wir spielen quasi den Ball ins Spielfeld, damit er hin und her geht. Und mal sehen, ob wir ihn auch nach ganz draußen bekommen“, sagte Hans-Peter Goldnick in seinem Grußwort.
Geflügelverbrauch steigt trotz rückläufigem Fleischkonsum
Goldnick zeigte sich erfreut über die aktuelle Entwicklung im Geflügelmarkt. Der Konsum von Geflügelfleisch und Eiern steige kontinuierlich – und das entgegen dem allgemeinen Trend zu weniger Fleischkonsum. „Unsere Produkte werden immer mehr gewürdigt, was sich unter anderem im steigenden Verbrauch an Eiern und Geflügelfleischprodukten widerspiegelt“, so Goldnick.
Laut der aktuellen Versorgungsbilanz lag der Pro-Kopf-Verbrauch von Geflügelfleisch im Jahr 2024 bei 13,6 Kilogramm. Das entspricht einem Zuwachs von 4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Goldnick zeigte sich überzeugt, dass dieser Trend weiter anhalten werde. „Langfristig halte ich es durchaus für denkbar, dass sich der Verzehr von Geflügelfleisch um weitere 50 Prozent erhöht“, so seine Prognose. Geflügelfleisch sei gesund und zeichne sich durch eine gute Umweltbilanz aus.
Geflügelfleisch liegt im Trend – besonders bei der jungen Generation
Gleich zu Beginn des Eröffnungspanels wurde deutlich: Der Konsum von Geflügelfleisch wächst in Deutschland seit Jahren – entgegen des allgemeinen Trends zu weniger Fleischverzehr. Ernährungswissenschaftler Dr. Malte Rubach brachte es auf den Punkt: „Beim Geflügel geht der Trend weiter aufwärts.“
Ernährungsberaterin und Influencerin Juli Resch erklärte diesen Boom mit den besonderen Eigenschaften von Geflügelfleisch: „Geflügel liefert viele essenzielle Makronährstoffe wie Proteine, ist mager, kalorienarm, gut verdaulich und sehr praxistauglich in der Küche.“ Gleichzeitig steige das Gesundheitsbewusstsein der Verbraucher und damit der Wunsch nach proteinreicher Ernährung.
Auf dem Podium diskutieren Dr. Malte Rubach, Peter Wesjohann, Juli Resch und Hans-Peter Goldnick (von links) unter der Moderation von Astrid Frohloff (ganz links) über den Konsumtrend Geflügelfleisch.
Resch sieht auch eine Abkehr vom reinen Veganismus: Pflanzliche Ernährung bringe zwar Vorteile, aber auch Herausforderungen bei der Nährstoffversorgung. Für viele Konsumenten werde Geflügel daher wieder attraktiver.
Geflügel punktet bei Nachhaltigkeit und Klimabilanz
Peter Wesjohann, Vorsitzender des Bundesverbandes der Geflügelschlachtereien (BVG) und Vorstand der PHW-Gruppe, wies auf die Klimavorteile von Geflügel hin: „Für ein Kilo Hähnchenfleisch werden nur 1,5 Kilo Futter benötigt – deutlich weniger als bei anderen Tierarten.“ Da 70 Prozent der CO₂-Belastung aus dem Futter stammen, sei Geflügelfleisch besonders klimafreundlich. Zusätzlich hob Wesjohann die Vielseitigkeit von Geflügel hervor – gerade in der Systemgastronomie sei das Fleisch sehr gefragt.
Im Sommer will die Geflügelfleischbranche ein Herkunftslabel für die Gastronomie vorstellen, sagte Peter Wesjohann (rechts) auf dem Deutschen Geflügelforum.
Herkunftslabel für die Gastronomie gefordert
Ein zentrales Thema der Diskussion war die Herkunft von Geflügelfleisch. Während im Einzelhandel die Herkunft meist gekennzeichnet ist, bleibt sie in der Gastronomie oft im Dunkeln. „60 Prozent des Geflügelfleisch-Absatzes gehen in die Gastronomie – dort erfährt der Verbraucher in der Regel nicht, woher das Fleisch stammt“, kritisierte Wesjohann.
Er forderte daher eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung auch für Restaurants. Die Branche arbeite bereits an einem freiwilligen Gastrolabel, das im Sommer 2025 vorgestellt werden soll. Auch Influencerin Juli Resch begrüßte diesen Schritt: „Das würde dem Endverbraucher helfen, bewusster zu entscheiden.“
Geflügel spielt global eine Schlüsselrolle in der Ernährungssicherheit
Ernährungswissenschaftler Dr. Malte Rubach betonte zudem die internationale Bedeutung von Geflügelfleisch. In Regionen wie Nord- und Südamerika, Australien oder Asien sei Geflügel längst die wichtigste Proteinquelle. Auch in Deutschland trage Geflügel mittlerweile zu 7 bis 8 Prozent der Proteinversorgung bei – mehr als Rindfleisch.
Rubach zitierte eine Aussage aus der Analystenszene: „The new wave is chicken.“ Und verwies darauf, dass auch große Fastfood-Ketten wie KFC von diesem Trend profitierten.
Kritik an DGE-Empfehlungen zu Fleischkonsum
Kontrovers diskutiert wurde die aktuelle Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), nur 300 Gramm Fleisch pro Woche zu essen. Rubach hält diesen Richtwert für nicht nachvollziehbar: „Die Zahl 300 macht für mich keinen Sinn.“ Es müsse auch die Jodversorgung oder andere Nährstoffe stärker berücksichtigt werden. Wesjohann ergänzte: „Die DGE-Empfehlung entspricht nicht der Lebensrealität.“ Er forderte eine Überarbeitung auf Basis aktueller Daten.
Deutsche Landwirte kämpfen mit unfairen Wettbewerbsbedingungen
Sorgen bereitet der Branche vor allem die Wettbewerbsfähigkeit. Laut Wesjohann kämpfe man in Deutschland mit besonders hohen Auflagen – etwa bei Besatzdichten, Tierwohl, Personal- und Energiekosten. Gleichzeitig dränge günstiges Importfleisch aus Ländern mit niedrigeren Standards auf den Markt.
„Handelsabkommen dürfen nur geschlossen werden, wenn gleiche Standards eingehalten werden“, forderte Wesjohann mit Blick auf Importe aus Südamerika oder der Ukraine.
Zukunft der Geflügelwirtschaft: Chancen und Herausforderungen
Hans-Peter Goldnick, Präsident des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), zeigte sich zum Abschluss des Deutschen Geflügelforums insgesamt optimistisch. „Ich sehe eine rosige Zukunft für den Geflügelbereich“, sagte Goldnick. Neben der anhaltend hohen Nachfrage nach Geflügelfleisch seien es vor allem Innovationen und der Wettbewerb innerhalb der Branche, die für Fortschritt und Dynamik sorgten.
Damit die deutsche Geflügelwirtschaft diesen positiven Trend aber auch künftig aus eigener Produktion bedienen könne, brauche es dringend bessere politische Rahmenbedingungen, betonte Goldnick. Besonders die Investitionsbereitschaft der Betriebe werde aktuell durch langwierige und komplizierte Genehmigungsverfahren ausgebremst.
„Investitionen liegen in Deutschland wegen bau- und immissionsschutzrechtlicher Hürden auf Eis“, kritisierte der ZDG-Präsident. Genehmigungen für neue oder modernisierte Ställe dauerten oft mehrere Jahre – oder würden in Teilen gar nicht mehr erteilt.
Aus Sicht von Goldnick ist es daher entscheidend, dass die Politik jetzt handelt: „Damit die deutsche Geflügelwirtschaft auch in Zukunft wettbewerbsfähig bleibt, müssen die richtigen politischen Weichen gestellt werden.“ Nur mit fairen Rahmenbedingungen könnten die Unternehmen weiterhin nachhaltig produzieren, in Tierwohl investieren und zugleich im internationalen Wettbewerb bestehen.
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