40 Grad im Anmarsch: Worauf es nach der Hitzewelle ankommt

25 Juni 2026
Hitzestress
Hitzestress Geflügel

Mehr als 40 Grad am Wochenende – für Geflügel kann das lebensgefährlich werden. Weil Hühner und anderes Geflügel nicht schwitzen können, zählt jetzt jede Vorsorgemaßnahme. Aber auch nach der Hitzewelle ist die Gefahr noch nicht vorbei. Es drohen Langzeitschäden. 

Statistiken des Deutschen Wetterdienstes zeigen, dass die Zahl der Hitzetage über die vergangenen Jahre kontinuierlich zugenommen hat. Der Trend geht eindeutig nach oben – und bedeutet für Tierhalter, dass sie mehr und häufiger Vorsorge treffen müssen. „Eine Hitzewelle, wie sie jetzt am Wochenende in Deutschland erwartet wird, kommt jedoch nicht von heute auf morgen“, sagt Geflügelfachberater Johannes Große Volksbeck von der Agravis Nutztier GmbH. Sie kündigt sich in der Regel zumindest einige Tage vorher an. Die Vorhersagen des Deutschen Wetterdienstes sind diesbezüglich sehr präzise geworden. 

Hohe Enthalpie-Werte im Blick haben

Da Geflügel nicht schwitzen kann, reagiert es besonders empfindlich auf hohe Temperaturen. Doch es ist nicht die Temperatur alleine ausschlaggebend für den Grad der Belastung. Problematisch werden hohe Temperaturen in Verbindung mit hoher Luftfeuchtigkeit. Das Verhältnis von Temperatur und Luftfeuchtigkeit wird als Enthalpie bezeichnet. Die Maßeinheit sind kJ/kg.  

„Der Deutsche Wetterdienst gibt in den Sommermonaten von Mai bis September für die Landwirtschaft täglich Vorhersagen des Enthalpie-Tagesmaximums heraus. Diese umfassen den jeweiligen aktuellen Tag und vier Tage im Voraus“, sagt Johannes Große Volksbeck. Als kritische Grenze für Geflügel gilt ein Enthalpie-Wert von 67 kJ/kg in der Außenluft. Bei Überschreiten von 72 kJ/kg im Stall kann es für das Geflügel gefährlich werden (siehe Grafik Webseite Deutscher Wetterdienst).

Quelle Grafik: Webseite Deutscher Wetterdienst

Kostenlose App mit Alarmfunktion

„Jeder Geflügelhalter kann sich auf der Seite des Deutschen Wetterdienstes über die Enthalpie-Werte informieren. Wir von Agravis haben als Service auf Grundlage dieser Wetterdaten eine kostenlose App entwickelt („KeepCool-App“). Der Landwirt kann hier nach Eingabe seines Standortes das aktuelle und das prognostizierte Hitzestressrisiko ablesen und auch eine Alarmfunktion aktivieren“, so der Geflügelfachmann.

Die Vorsorge-Maßnahmen im Geflügelstall vor drohendem Hitzestress lassen sich unterteilen in technische Maßnahmen und Maßnahmen, den Organismus der Tiere zu unterstützen. Die Stallklimaführung muss entsprechend angepasst werden, die ausreichende Wasserversorgung sichergestellt sein. Bei hohen Temperaturen steigt der Wasserverbrauch um bis zu 20 Prozent, so Johannes Große Volksbeck.

Stallkühlung am effektivsten

Effektivste Management-Maßnahme gegen Hitze ist der Einsatz einer Sprühkühlung. Viele Ställe sind in den vergangenen Jahren nachgerüstet worden, bei Neubauten ist sie inzwischen Standard. Bei extremen Außentemperaturen können auch provisorische Eigenbau-Lösungen helfen, die Stallinnentemperatur abzusenken. Bei einer Tunnellüftung im größeren Legehennenstall kann dies zum Beispiel eine Wasservernebelung vor den Zuluftöffnungen sein. Zudem erreichen Umlüfter in Putenställen und die Erhöhung der Luftrate in geschlossen Ställen (Hähnchen, Legehenne und Junghenne) einen Kühlungseffekt durch Luftgeschwindigkeit.  

Mastputen und Masthähnchen ruhen, wenn es ihnen zu warm wird. Unter den Federn entsteht ein Hitzestau. „Hier muss man als Landwirt die Balance finden zwischen mehrmaligem vorsichtigem zum Aufstehen bringen tagsüber und unnötigem Stress für die Tiere“, so der Geflügelberater. 

Unterstützung für den Stoffwechsel

Der Stoffwechsel des Geflügels wird bei hohen Temperaturen stark belastet, es kommt zu oxidativem Stress. Die erhöhte Atemfrequenz und Schnabelatmung führt zu einem hohen Verlust an Feuchtigkeit und Elektrolyten. Elektrolyte sollten dem Tränkewasser dann täglich beigemischt werden. Gleiches gilt für Antioxidantien wie Vitamin C oder Polyphenole. Sie stabilisieren die körpereigene Abwehr. 

Fettleberproblematik als Folge 

Ist eine Hitzewelle überstanden, muss man seine Tiere weiter verstärkt im Blick behalten wegen möglicher Langzeitfolgen, rät Johannes Große Volksbeck dringend. Gerade bei Legehennen kann zum Beispiel eine Fettleberproblematik auftreten, die u.a. zu verminderten Eigrößen oder schlechterer Schalenstabilität führen kann. Es kann aber auch zu Halsmauser, Federpicken/Kannibalismus sowie zu Coli-Infektionen durch falsch eingestellte Sprühkühlungen kommen. Nach einer Hitzewelle sei es immer anzuraten, mit dem Tierarzt im Gespräch zu bleiben.

Rekordhitze in Frankreich bringt hohe Verluste bei Geflügel

In Frankreich wurden Anfang dieser Woche 44,3 °C gemessen. In den beiden wichtigsten Geflügelregionen des Landes, Bretagne und Pays de la Loire, hat es erhebliche Verluste in Betrieben gegeben. Wie „MarketScreener“ berichtet, sind die Tierkörperbeseitigungseinrichtungen überfordert und man sucht nach Alternativen. 

In Frankreich sind dutzende Menschen wegen der Hitze gestorben, Schulen wurden geschlossen, die Stromversorgung geriet unter Druck, Landwirte mussten ihr Getreide nachts ernten. Wie Yann Nedelec, Chef des französischen Geflügelbranchenverbands ANVOL informierte, betreffen die Verluste sowohl Geflügel in geschlossenen Ställen als auch Freilandbetriebe. Frankreich ist nach Polen und Spanien der drittgrößte Geflügelproduzent in der Europäischen Union.

Die extremen Temperaturen sollen in den kommenden Tagen anhalten.

Geflügelnews














Christa Diekmann-Lenartz
Bild: AdobeStock_Günter Albers

Reagieren

Geflügelnews lädt Sie ein, auf Artikel zu reagieren und schätzt Reaktionen mit Inhalt. Die Redaktion behält sich das Recht vor, beleidigende oder kommerziell motivierte Reaktionen ohne Angabe von Gründen zu entfernen.