Legehennenhaltung: So kann Tierwohl künftig verbessert werden

05 Juni 2025
Legehenne
Tierwohl Hennen auf der grünen Wiese_Geflügel

Prof. Isabelle Ruhnke zeigte auf der Vortragstagung für Legehennenhalter der Lohmann Deutschland GmbH in Kloster Nimbschen auf, wie modernes Tierwohl in der Legehennenhaltung durch tierbasierte Indikatoren, ethische Abwägung und digitale Datenerfassung nachhaltig verbessert werden kann.

Wie kann Tierwohl zukünftig verbessert werden? Diese Frage stand im Zentrum eines Vortrags von Prof. Dr. Isabelle Ruhnke von der Freien Universität Berlin. Sie referierte am 28. Mai 2025 im Rahmen der Vortragstagung für Legehennenhalter der Lohmann Deutschland GmbH in Kloster Nimbschen bei Grimma (Sachsen) über aktuelle und zukünftige Ansätze zur Verbesserung des Tierwohls in der Legehennenhaltung.

Das klassische Tierwohlkonzept: Die fünf Freiheiten

Tierwohl basiert traditionell auf dem Konzept der „Fünf Freiheiten“: Freiheit von Hunger und Durst, von Unbehagen, von Angst und Stress, von Schmerzen, Verletzungen und Krankheiten sowie die Freiheit zur Ausübung normaler Verhaltensweisen. Dieses etablierte Modell ist rechtlich in verschiedenen Vorschriften verankert – etwa im Tierschutzgesetz, der Tierschutznutztierhaltungsverordnung und der EU-Ökoverordnung.

Laut Prof. Ruhnke bestehen jedoch Diskrepanzen zwischen diesen rechtlichen Anforderungen und dem tatsächlichen Wohlergehen der Tiere. Ein Beispiel: Die EU-Bio-Verordnung fordert eine überwiegend mit Vegetation bedeckte Auslauffläche für Geflügel. In der Praxis kann dies aber problematisch sein. Ruhnke schildert einen Fall aus ihrer klinischen Praxis, bei dem Legehennen in Mobilställen täglich frisches Grün zur Verfügung hatten. Dies führte dazu, dass die Tiere große Mengen Gras fraßen, ihre Körnerfutteraufnahme einschränkten und schließlich trotz gefülltem Futtertrog verhungerten. Die Konsequenz: Freiheiten allein genügen nicht – sie müssen auch tiergerecht und sinnvoll umgesetzt werden.

Tierwohl in der Legehennenhaltung neu denken: Das rät Prof. Ruhnke in ihrem Vortrag zu Herausforderungen und Chancen im Hühnerstall.

Tierwohl neu definiert: Von fünf Freiheiten zu fünf Domänen

Das Tierwohlkonzept hat sich weiterentwickelt: Heute stehen tierbasierte Indikatoren im Vordergrund, die direkt am Tier gemessen werden können. Die EFSA hat eine Reihe solcher Parameter für den Transport von Geflügel identifiziert. Zu den negativen Indikatoren zählen beispielsweise Lahmheiten, Frakturen, nasses Gefieder, Stressrufe oder vermehrtes Flügelschlagen. Diese Signale liefern wichtige Hinweise auf Schmerzen, Leiden und Schäden.

Darüber hinaus hat sich das Konzept auf das sogenannte „Fünf-Domänen-Modell“ erweitert. Es umfasst vier physisch-funktionale Ebenen – Ernährung, Umgebung, Gesundheit und Verhalten – und eine fünfte Domäne: das emotionale Wohlbefinden. Die ersten vier Domänen zielen auf überlebenswichtige Bedingungen ab: ausreichend Futter und Wasser, gute Stallluft, angemessene Temperaturen und Schutzmöglichkeiten. Die fünfte Domäne befasst sich mit dem mentalen Zustand der Tiere: Empfinden sie Freude beim Trinken, fühlen sie sich gesättigt und sicher, erleben sie Ruhe und Gelassenheit?

Ziel ist es, nicht nur negative Zustände zu vermeiden, sondern den Hühnern ein insgesamt lebenswertes Leben zu ermöglichen. Letztlich geht es darum, welche Maßnahmen tatsächlich bei den Tieren ankommen – in Bezug auf Gesundheit und Zufriedenheit.

Wenn Auslauf zur Gefahr wird: Zielkonflikte in der Freilandhaltung

Laut Prof. Ruhnke entstehen Zielkonflikte, wenn unterschiedliche Werte miteinander konkurrieren. Sie nennt das Beispiel Freilandhaltung: Der Auslauf ermöglicht zwar ein freies Verhalten, setzt die Tiere aber gleichzeitig einem erhöhten Risiko durch Fressfeinde aus – was dem Bedürfnis nach Sicherheit widerspricht.

Darüber hinaus spielen weitere gesellschaftlich relevante Aspekte eine Rolle: Lebensmittelsicherheit, Umwelt- und Klimaschutz sowie kulturell verankerte Idealbilder von Landwirtschaft. Viele Menschen haben eine kindliche Vorstellung vom idyllischen Bauernhof mit glücklichen Hühnern auf der Wiese – gleichzeitig besteht der Wunsch, die Tiere zu schützen und eine effiziente Produktion sicherzustellen.

Diese Parameter zeigen, wie es Legehennen wirklich geht

Zur objektiven Erfassung des Tierwohls stehen heute eine Vielzahl an wissenschaftlichen Parametern zur Verfügung:

  • Leistungsparameter wie Körpergewicht, Legeleistung, Gleichförmigkeit der Tiere, körperliche Veränderungen,
  • Physiologische Parameter wie Körpertemperatur, Atemfrequenz, Herzfrequenz, Schnabelatmung,
  • Biologische Marker wie Hämatokrit, Kreatinkinase, Fettstoffwechsel, Nebennieregewicht, Antikörperbildung,
  • Gesundheitsparameter wie Befiederungsgrad, Unversehrtheit, Frakturen, Behandlungsraten, Mortalität,
  • Verhaltensparameter wie Laufaktivität, Lautäußerungen, Unruhe, Fluchtverhalten, Kotabsatzfrequenz.

Diese Parameter ermöglichen eine differenzierte Analyse, wie es den Tieren physisch und psychisch geht.

So gelingt zukunftsfähige Tierhaltung: Drei Grundpfeiler

Zusammenfassend nennt Prof. Ruhnke drei Voraussetzungen für eine nachhaltige Tierwohlpraxis in der Legehennenhaltung:

  • Wissenschaftliches Verständnis der relevanten Tierwohlfaktoren und ihrer Wirkung auf das Tier.
  • Ethisches Verständnis, warum und in welcher Form die Bedürfnisse der Tiere zu berücksichtigen sind.
  • Ökonomisches Verständnis der Maßnahmen, die zur Befriedigung dieser Bedürfnisse beitragen.

Ergänzend verweist Ruhnke auf die Bedeutung einer transparenten, einheitlichen und digitalen Datenerfassung. Diese ermögliche nicht nur eine verbesserte Überwachung des Tierwohls durch Echtzeitwarnsysteme, sondern auch Benchmarking und eine evidenzbasierte Kommunikation mit Politik und Öffentlichkeit.

Text:
Cordula Moebius

Cordula Moebius

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