„Geflügel made in Germany“ sollte ein Fachgespräch werden – über Verantwortung, Nachhaltigkeit und Zukunft. Stattdessen wurde es ein Lehrstück über gesellschaftliche Sprachlosigkeit.
Die Erzeugung und der Konsum von Fleisch sind Themen, die die Gemüter sehr erhitzen. Am vergangenen Dienstagabend (4. November) zeigte sich das in Berlin besonders deutlich: Das Fachmedium top agrar hatte zur Diskussion „Geflügel Made in Germany“ geladen.
Auf dem Podium saßen BMLEH-Staatssekretärin Silvia Breher, ZDG-Präsident Hans-Peter Goldnick, Ernährungswissenschaftlerin Hanni Rützler, Foodforscher Malte Rubach, McDonald’s-Einkaufsleiter Daniel Neusser, Ingo Stryck von der PHW-Gruppe sowie die Geflügelhalter Sabine Asum aus Bayern und Philipp Beckhove aus NRW.
Politiker, Wissenschaftler, Landwirte, Branchenvertreter – sie alle wollten reden: über Chancen, Schwächen und die Zukunft der Geflügelproduktion in Deutschland.
Die Branche zeigt sich optimistisch
Denn die Nachfrage wächst. Geflügelfleisch liegt im Trend, vor allem bei jungen Menschen. Es gilt als gesund, vielseitig einsetzbar und preiswert. Die Branche sucht Landwirte, die in die Geflügelhaltung einsteigen wollen. Trotz der aktuellen Herausforderungen durch die Vogelgrippe zeigt sich die deutsche Geflügelwirtschaft optimistisch. Man will weiter investieren – in moderne Ställe, in Tierwohl, in Nachhaltigkeit. Geflügel, so das Versprechen, könne Teil der Lösung sein, wenn es um die Ernährung der Menschen in der Zukunft geht. Das betonte beispielsweise Wolfgang Schleicher, Geschäftsführer des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) zu Beginn der Veranstaltung.
Dann kommt der Eklat
Doch zum Reden kam man wenig. Als Sabine Asum und Philipp Beckhove von der Arbeit auf ihren Familienbetrieben erzählten, stürmten Aktivisten den Saal. Banner gingen hoch: „Tierschutzbeauftragte – Job verfehlt!“, „Geflügelhaltung = Tierquälerei“, später auch „Go vegan“. Trillerpfeifen schrillten, Rufe hallten durch den Raum. Im Publikum: Verwirrung, Entrüstung, Genervtheit – und Bewunderung für die Geduld der Moderatoren.
Einladung zum Dialog – abgelehnt
Mehrfach luden diese die Protestierenden ein, mitzudiskutieren. Vergeblich. Die Aktivisten wollten keinen Dialog, sondern den Eklat. Nach einer Stunde führte die Polizei sie ab.
Zwei Welten, kein Gespräch
Was zeigt diese Szene? In Bezug auf die Tierhaltung und die Ernährung mit tierischen Produkten – in diesem Fall mit Geflügelprodukten - prallen nach wie vor zwei Welten aufeinander: Die Geflügelbranche beschreibt ihr Produkt als gesund, effizient und vergleichsweise klimafreundlich. Die Gegenseite nennt dies Quälerei von Kreaturen. Wer Tiere tötet, um Profit zu machen, könne sich nicht auf Nachhaltigkeit berufen. Für sie ist Tierhaltung immer falsch – egal wie modern.
Wenn Moral lauter ist als Argumente
Erschreckend ist die Erkenntnis, dass es derzeit sehr schwer bis unmöglich zu sein scheint, sich gegenseitig zuzuhören, wenn man unterschiedlicher Meinung ist. Im Gegenteil, es wird auf Teufel komm raus provoziert statt argumentiert. Doch hat automatisch recht, wer am lautesten schreit?
Am Ende verliert der Dialog
Die Branche spricht von Verantwortung, die Aktivisten vom Verrat an den Tieren. Beide beanspruchen die Moral für sich – und beide verlieren sie, wenn sie einander nicht mehr zuhören. Tatsache ist: Geflügel allein rettet die Welt so wenig, wie Veganismus allein sie erlöst. Aber wer den Dialog verweigert, verfehlt am Ende das eigentliche Ziel: eine Ernährung, die Mensch, Tier und Umwelt gerecht wird.

































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