Geflügelfleisch-Boom bis 2040 - doch Deutschland droht bei der Produktion zurückzufallen

09 September 2026
Deutschland
eine Talkrunde

Die Deutschen essen immer mehr Geflügelfleisch, doch die heimische Produktion hält nicht Schritt. Bis 2040 könnte der Selbstversorgungsgrad deutlich sinken. Bei „Landwirtschaft im Dialog“ diskutierte die Branche, warum neue Ställe fehlen und was sich ändern muss.

Geflügelfleisch ist gefragt wie selten zuvor. Doch während der Verbrauch in Deutschland wächst, kommt die heimische Produktion nicht hinterher. Viel zu wenige neue Ställe entstehen, Genehmigungsverfahren bremsen Investitionen. Die Geflügelbranche beziffert den Investitionsstau inzwischen auf rund eine Milliarde Euro.

Wie lässt sich diese Entwicklung umkehren? Darüber diskutierten Vertreter aus Geflügelwirtschaft, Lebensmitteleinzelhandel, Wissenschaft und Politik bei der Veranstaltungsreihe „Landwirtschaft im Dialog“ von top agrar. Unter dem Titel „Nachfrageboom – wohin steuert der Markt für Geflügelfleisch?“ ging es auch um die Frage, womit Geflügel aus Deutschland künftig punkten kann.

ZDG sieht Geflügel als „Zukunftsprotein“

ZDG-Geschäftsführer Wolfgang Schleicher verwies zum Auftakt auf die Entwicklung der Branche in den vergangenen 20 Jahren. Die Geflügelwirtschaft habe Haltung, Fütterung, Tiergesundheit, Biosicherheit, Stallklima und Management kontinuierlich verbessert. Auch beim Klima- und Ressourcenschutz sieht Schleicher Fortschritte.

„Geflügel ist das Zukunftsprotein. Und die deutsche Geflügelwirtschaft ist die Zukunftsbranche der Land- und Ernährungswirtschaft“, sagt Dr. Wolfgang Schleicher, Geschäftsführer des Zentralverbandes der deutschen Geflügelwirtschaft.

Geflügelfleisch profitiere zudem von seiner Vielseitigkeit, einem vergleichsweise erschwinglichen Preis und einer hohen Akzeptanz über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg. Schleicher bezeichnete Geflügel deshalb als „Zukunftsprotein“.

Als größte Wachstumsbremse sieht der ZDG-Geschäftsführer komplizierte Genehmigungsverfahren, mangelnde Planungssicherheit und widersprüchliche Anforderungen.

Kritisch äußerte er sich auch zum Tierhaltungskennzeichnungsgesetz. Dieses schaffe aus Sicht der Geflügelwirtschaft keine ausreichende Transparenz, sondern zusätzliche Bürokratie und Rechtsunsicherheit. Wichtiger sei eine Herkunftskennzeichnung. Verbraucher sollten auch in Restaurants, Kantinen und Mensen erkennen können, wo Geflügelfleisch erzeugt wurde.

Lidl will bis 2030 auf Haltungsform 3 umstellen

Wie stark sich der Markt verändern könnte, machte Arne Wiest, Geschäftsführer Einkauf Food bei Lidl Deutschland, deutlich. Für den Lebensmitteleinzelhandel spiele neben einer vielseitigen Ernährung vor allem die Herkunft der Rohstoffe eine wichtige Rolle. Diese wolle Lidl möglichst regional beziehen.

Geflügel profitiert nach seiner Einschätzung außerdem vom Convenience-Trend. Das Fleisch lasse sich vielseitig und einfach zubereiten und punkte zugleich als mageres Produkt.

Beim Tierwohl hat sich Lidl ein weitreichendes Ziel gesetzt: Bis 2030 will das Unternehmen im Frischfleisch- und Wurstsortiment komplett auf Haltungsform 3 umstellen. Diese Entwicklung soll laut Wiest allein mit Produkten aus deutscher Herstellung gelingen. Schon heute stammten mehr als 95 Prozent der entsprechenden Produkte bei Lidl aus Deutschland.

Aus der Geflügelwirtschaft kam jedoch umgehend Kritik am Zeitplan. Friedrich-Otto Ripke, Vorsitzender des Landesverbandes der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft, bezeichnete eine vollständige Umstellung bis 2030 als unrealistisch. Bleibe das Datum ein starrer Fixpunkt, drohten Marktanteile an Ware aus anderen Ländern verloren zu gehen. Die Branche brauche deshalb mehr Spielraum beim Zeitplan.

Geflügel punktet mit Protein und vielseitiger Zubereitung

Auch Dr. Ingo Stryck, Geschäftsführer Marketing der PHW-Gruppe, sieht weiter einen festen Platz für Fleisch im Lebensmitteleinzelhandel. Geflügelfleisch habe beim Verbrauch und bei der Nachfrage deutlich zugelegt.

Als Vorteile nannte Stryck unter anderem den hohen Gehalt an hochwertigem Protein, einen im Durchschnitt geringeren Fettgehalt und die vielseitigen Zubereitungsmöglichkeiten. Zudem lasse sich Geflügelfleisch gut zu Convenience-Produkten verarbeiten.

Auch die Klimabilanz spiele für die Unternehmen eine zunehmende Rolle. Die Branche investiere deshalb beispielsweise in Photovoltaikanlagen.

Der Mediziner Prof. Dr. Stephan Martin warnte in der Diskussion zugleich davor, Fleisch pauschal als gesundheitlich problematisch darzustellen. Für ihn ist die Debatte um Fleischkonsum vor allem eine ethische und weniger eine medizinische Frage. Fleisch sei ein wichtiger Proteinlieferant.

Dr. Nicolas Wüthrich stelle die Ergebnisse der Geflügelstudie 2026 vor.

Studie erwartet bis 2040 deutlich mehr Hähnchenfleisch

Wie stark der Markt wachsen könnte, zeigte eine am Veranstaltungstag vorgestellte Studie der Unternehmensberatung Roland Berger. Demnach könnte die Nachfrage nach Hähnchenfleisch in Deutschland bis 2040 jährlich um bis zu 3,4 Prozent wachsen. Das entspräche einem um gut 50 Prozent größeren Marktvolumen.

Gleichzeitig wächst der Verbrauch von Geflügelfleisch nach Angaben der Studie doppelt so schnell wie die heimische Produktion. Damit dürfte Deutschland zunehmend auf Importe angewiesen sein.

Bleibt eine Gegensteuerung aus, könnte der Selbstversorgungsgrad von derzeit 91 Prozent bis 2040 auf 73 bis 77 Prozent fallen.

Die Studie sieht zugleich einen Klimaeffekt durch die Verschiebung des Fleischkonsums hin zu Geflügel. Zwischen 2010 und 2040 könnten dadurch rund 25 Prozent CO₂-Emissionen eingespart werden.

Branche sieht Investitionsbedarf von mindestens einer Milliarde Euro

Für ZDG-Geschäftsführer Schleicher liegt die Antwort auf die wachsende Importabhängigkeit auf der Hand: Deutschland müsse wieder mehr Geflügelfleisch selbst erzeugen können. Die Branche sei bereit, dafür mindestens eine Milliarde Euro zu investieren.

Auch Roland Berger empfiehlt, die Bedingungen für die heimische Erzeugung zu verbessern. Dazu zählen schnellere Genehmigungen, weniger Bürokratie durch digitale Verfahren, eine bessere Sichtbarkeit heimischer Qualität und faire Wettbewerbsbedingungen innerhalb der EU.

Dr. Nicolas Wüthrich von Roland Berger sieht Deutschland grundsätzlich als günstigen Standort für die Geflügelproduktion. Logistik und vorhandene Strukturen sprächen dafür. Nachteile seien dagegen hohe Energiekosten und umfangreiche Auflagen.

Diese Anforderungen hätten jedoch auch eine andere Seite: Sie trügen zur Qualität von Geflügel aus Deutschland bei. Entscheidend sei deshalb, Verbrauchern diesen Mehrwert verständlich zu vermitteln. Dazu gehöre insbesondere das Tierwohl. Ob daraus auch eine höhere Zahlungsbereitschaft entsteht, hängt nach Wüthrichs Einschätzung davon ab, wie gut die Branche ihre Leistungen kommuniziert.

Geflügelhalter fordern vor allem Planungssicherheit

Hähnchenhalterin und angehende Agraringenieurin Hannah Brüggemann sieht auch in der engen Integration der Geflügelwirtschaft Vorteile. Sie empfindet diese nicht als Bevormundung, sondern als Partnerschaft, die den Betrieben Planungssicherheit geben könne. Genau diese Sicherheit fordert sie auch von der Politik.

Dass hier Handlungsbedarf besteht, räumte Christoph Frauenpreiß, Bundestagsabgeordneter der CDU/CSU und Mitglied des Ausschusses für Landwirtschaft und Ernährung, ein. Die Nachfrage nach Geflügelfleisch steige stark, während das heimische Angebot nicht mithalte. Der Staat müsse sich deshalb fragen, ob er Unternehmen die nötigen Rahmenbedingungen biete. Frauenpreiß verneinte dies für die derzeitige Situation.

Die Regierungskoalition arbeite daher daran, Bau- und Emissionsrecht zu vereinfachen. Denn in einem Punkt herrschte in der Diskussion weitgehend Einigkeit: Wer technischen Fortschritt, höhere Tierwohlstandards und mehr heimische Geflügelproduktion will, muss Landwirten wieder ermöglichen, in neue Ställe zu investieren.

Text:
Cordula Moebius

Cordula Moebius

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Bild: YouTube_topagrar

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