Erstmals wurde H9N2 in Europa entdeckt. Warum der Fund in Ungarn für Geflügelhalter wichtig ist und wie Experten die Lage bewerten.
Während die Zahl der Geflügelpest-Ausbrüche in Europa weiter zurückgeht, sorgt eine andere Entwicklung für Aufmerksamkeit: Erstmals wurde das niedrigpathogene aviäre Influenzavirus A(H9N2) der Klade G5.5 in Europa nachgewiesen. Betroffen sind zwei Geflügelbetriebe in Ungarn. Die Fälle wurden im Juni gemeldet, die Infektionen waren bereits im April festgestellt worden.
Für die Experten des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) und des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) ist dieser Nachweis von besonderer Bedeutung. Nach ihren Angaben handelt es sich um Viren der sogenannten G1-Linie. Diese Viruslinie ist seit den 1990er-Jahren in Teilen Asiens, des Nahen Ostens sowie Nord- und Westafrikas enzootisch verbreitet und kommt dort dauerhaft in Geflügelbeständen vor. Wie das Virus nach Ungarn gelangt ist, lässt sich derzeit nicht erklären.
Die Fachleute empfehlen deshalb, die weitere Verbreitung des Virus in Ungarn und Europa eng zu überwachen, zusätzliche Nachweise konsequent zu melden sowie die Viren genetisch und biologisch zu charakterisieren. Gleichzeitig soll bewertet werden, ob sich der Erreger dauerhaft in europäischen Geflügelbeständen etablieren könnte. Um dies zu verhindern, streben die Behörden die Tilgung betroffener Bestände an.
Warum H9N2 für Geflügelhalter wichtig ist
Auch wenn H9N2 als niedrigpathogenes Influenzavirus gilt und in der Regel keine schweren Krankheitsverläufe wie H5N1 verursacht, stufen Wissenschaftler den Nachweis nicht als gewöhnliches Ereignis ein. Die in Ungarn identifizierten Viren tragen eine genetische Veränderung (Q226L im Hämagglutinin), die ihre Bindung an Rezeptoren menschlicher Atemwegszellen erleichtern kann. Dadurch besitzt diese Viruslinie ein bekanntes zoonotisches Potenzial.
In den Regionen, in denen H9N2 seit Jahren verbreitet ist, werden immer wieder einzelne Infektionen beim Menschen registriert. Nach Angaben des ECDC wurden seit 1998 weltweit 207 humane Infektionen mit diesem Virustyp diagnostiziert, darunter zwei Todesfälle. Die meisten Erkrankten hatten zuvor engen Kontakt zu Geflügel.
Für die Bevölkerung in Europa bewertet das ECDC das Risiko einer Infektion mit H9N2 derzeit weiterhin als sehr gering.
H5N1-Lage bleibt in Deutschland stabil
Unabhängig vom H9N2-Nachweis bleibt die Geflügelpestlage in Deutschland und Europa derzeit vergleichsweise ruhig. Zwischen Ende Februar und Anfang Juni 2026 wurden in 30 europäischen Ländern insgesamt 949 HPAI-Nachweise registriert. Davon entfielen 186 auf Hausgeflügel und 763 auf Wildvögel. Der bereits im Frühjahr beobachtete Rückgang der Fallzahlen setzte sich weiter fort.
Auch das Friedrich-Loeffler-Institut geht davon aus, dass die Viruszirkulation im Juli auf niedrigem Niveau bleibt.
FLI: Risiko für deutsche Geflügelhaltungen bleibt gering
Das Friedrich-Loeffler-Institut bewertet die Gefahrenlage für Deutschland weiterhin als niedrig. Sowohl das Risiko eines Eintrags durch Wildvögel als auch die Weiterverbreitung zwischen Geflügelhaltungen wird als gering eingestuft. Gleiches gilt für Geflügelausstellungen, das Reisegewerbe sowie ein unerkanntes Zirkulieren des Virus in Wassergeflügelbeständen. Das Risiko einer Infektion von Wiederkäuern wird sogar als sehr gering bewertet.
Zwei Ausbrüche in Deutschland
Zwischen dem 1. Juni und dem 1. Juli 2026 wurden in Deutschland zwei H5N1-Ausbrüche festgestellt: in einem Geflügelbetrieb im Landkreis Regensburg (Bayern) sowie in einer privaten Hühner- und Entenhaltung im Landkreis Wesermarsch (Niedersachsen).
Darüber hinaus wurden 37 infizierte Wildvögel ausschließlich in Norddeutschland nachgewiesen. Besonders betroffen waren Graugänse und Höckerschwäne. Nach Einschätzung des FLI deutet dies auf eine lokal erhöhte Viruszirkulation bei wildlebenden Gänsen im Raum Hamburg hin.
Menschliche Infektionen bleiben selten
Zwischen Ende Februar und Anfang Juni 2026 wurden weltweit 19 Infektionen des Menschen mit aviären Influenzaviren bekannt, darunter drei Todesfälle. Die meisten Betroffenen hatten engen Kontakt zu Geflügel oder arbeiteten in Geflügelhaltungen.
Eine anhaltende Übertragung von Mensch zu Mensch wurde weiterhin nicht beobachtet. Das ECDC stuft das Risiko für die Allgemeinbevölkerung in Europa durch die derzeit zirkulierenden H5N1-Viren unverändert als gering ein. Für Personen mit beruflichem Kontakt zu infizierten Tieren oder kontaminierten Umgebungen gilt das Risiko weiterhin als gering bis moderat.
Fazit für deutsche Geflügelhalter
Für Geflügelhalter in Deutschland bleibt die Geflügelpestlage aktuell stabil. Die H5N1-Aktivität ist niedrig und das FLI erwartet auch für den Juli keine wesentliche Verschärfung der Situation.
Der erstmalige Nachweis von H9N2 in Ungarn zeigt jedoch, dass sich die Influenzalage in Europa weiter verändert. Es gilt deshalb, die Biosicherheitsmaßnahmen konsequent aufrechtzuerhalten und neue Entwicklungen bei aviären Influenzaviren aufmerksam zu verfolgen. Die Behörden sehen derzeit zwar keinen akuten Handlungsbedarf, messen der weiteren Überwachung des Virus aber hohe Bedeutung bei.

































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