In der Mastgeflügelzucht hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel getan. Die einseitige Zucht in Richtung Gewicht und Zunahmen gehört der Vergangenheit an. Heute ist das Spektrum sehr viel breiter, die Anforderungen sind diversifizierter für unterschiedliche Märkte. Welche Tiere brauchen hiesige Betriebe künftig – und was brauchen sie sonst?
Auf dem 12. Osnabrücker Geflügelsymposium gab es neben Fachvorträgen auch zwei parallele Workshops (Mast/Eier). Sie befassten sich zum einen mit der Frage, welche Tiere wir künftig benötigen. Zum anderen ging es aber auch darum, was die Betriebe ansonsten brauchen für eine zukunftsfähige Produktion im Lande.
Markttrends bestimmen die Zucht mit
Die heutigen Geflügelzucht-Unternehmen sind überwiegend global tätig. Ihr Ziel ist, das zu erzeugen, das im Markt Absatz findet. Das bestimmt nicht nur der direkte Kunde, der Geflügelhalter oder die Geflügelhalterin. Den Markt bestimmen auch Trends in der Gesellschaft, die sich in den Anforderungen der Lebensmittelbranche wiederfinden. Einfluss nimmt letztlich auch die Politik über Gesetze oder Verordnungen.
"„Durch die Verbesserung der Futterverwertung konnten weltweit in 25 Jahren 3,6 Mio. t Futter gespart werden.“ Dr. Wiebke Oellrich"
Anforderungen von Gesellschaft und Politik umzusetzen, bedeutet für die Zuchtunternehmen mehrere Jahre Vorlauf in der Zuchtarbeit. Darauf wies Dr. Wiebke Oellrich, Tierärztin in der Putensparte des Zuchtunternehmens Aviagen, in ihrem Impulsreferat hin. Sie zeigte im Workshop auf, wie breit sich inzwischen die Zuchtziele auffächern.
Gesundheitsmerkmale werden stark gewichtet
Neben Lebendgewicht, Brustfleischanteil und Futterverwertung werden schon lange Gesundheitsparameter wie Robustheit, Darmgesundheit, Herz-/Lungenfitness oder Skelettbildung genauso stark gewichtet in der Zuchtarbeit. Allerdings korrelieren Produktions- und Gesundheitsmerkmale teilweise unerwünscht, das muss berücksichtigt werden.
Beeindruckend ist dennoch der Leistungsfortschritt, der über die letzten 45 Jahre erreicht wurde. Das Lebendgewicht bei Mastputenhähnen nach 140 Tagen wurde fast verdoppelt, die Futterverwertung wurde von 1:2,72 auf 1:2,31 verbessert. Und laut Dr. Oellrich geht es noch weiter.
Heute wird in der Tierproduktion mehr Nachhaltigkeit gefordert. Nachhaltigkeit heißt unter anderem Ressourcenschonung. In der Tierproduktion hat die Futterverwertung dabei eine Schlüsselrolle: „Durch die Verbesserung der Futterverwertung konnten in der weltweiten Putenfleischerzeugung innerhalb von 25 Jahren 3,6 Mio. t Futter gespart werden“, nannte die Tierärztin nur einen Aspekt. Messbar gemacht werden kann das beispielsweise durch den CO2-Fußabdruck. Er kann auch verringert werden über eine Reduzierung der Verluste – letzteres ein wichtiges Kriterium in der Zuchtarbeit. Beeinflusst werden die Verluste aber natürlich ebenso vom Management.
Zuchtfortschritt nicht 1:1 in der Praxis umsetzbar
Und so wurde in den Diskussionen in Osnabrück auch deutlich, dass es kein Automatismus ist, dass die Zuchtfortschritte sich 1:1 auf den Betrieben wiederfinden. Unbestreitbar ist, dass im Management, in der technischen Ausstattung der Ställe und dem Wissen um die Ansprüche der Tiere Fortschritte gemacht wurden in den vergangenen Jahren.
Betriebe müssen jedoch auch das „Feintuning“ beherrschen. Dafür sei Fachkompetenz nötig. Gefordert wurde ein guter Informationsfluss zwischen Zucht, Landwirt, Beratung und auch Vermarktung. „Jeder Stall ist anders, jede Herde ist anders, jede Umwelt ist anders.“
Das bedeute zum einen, dass ein Controlling immer wichtiger wird, für das es technische Unterstützung und viele Daten aus dem Stall braucht, die aber auch zielführend genutzt, sprich interpretiert und bewertet werden müssen. Letzteres sei auch vor dem Hintergrund fehlender Facharbeitskräfte ein wichtiger Aspekt.
Perspektivisch werden künftig wohl eher die Betriebe am Markt sein, die ein digitales Bestandscontrolling implementiert haben und es beherrschen. An die Zuchtunternehmen adressierten Vertreter der Praxis, Resilienz stärker zu berücksichtigen. Tiere auf einem hohen Leistungsniveau würden schneller auf Störungen mit Belastungsstress reagieren. Der ist bekanntlich mit negativen Folgen verbunden.
Verbraucher kaufen nicht nur Haltungsstufe 3
Unabhängig vom Thema Zucht wurde in Osnabrück darüber diskutiert, in welchen Haltungsstufen Mäster hierzulande künftig produzieren sollen. Das allseits geforderte mehr Tierwohl führt über geringere Besatzdichten und längere Mastzeiten zu weniger Output an Fleisch. Friedrich-Otto Ripke, Vorsitzender der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft, geht nicht davon aus, dass alle Verbraucher künftig nur noch Haltungsstufe 3 kaufen. Diese Tatsache bedeute eine zunehmende Gefahr von Billigimporten.
Seines Erachtens brauche es einen Zusammenschluss mit Verbrauchern und Lebensmittelhandel, um dem entgegenzuwirken. In diesem Sinne warb er auch für das neue Herkunftskennzeichen „5xD“: „Wir sind in Deutschland Geflügel-Gunststandort. Das müssen wir halten.“
Um die Diskussion um die Haltungsformen zu versachlichen, könnte das Nationale Tierwohl-Monitoring umgesetzt werden. Hierüber kann von unabhängiger Seite objektiv und regelmäßig über den Tierwohl-Stand in Geflügelställen informiert werden – ein Weg, um Verbrauchervertrauen in die hiesige Nutzgeflügelhaltung zu stärken.
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