Datenflut im Hühnerstall: Wie die Digitalisierung zum Erfolgsfaktor wird

17 Dezember 2024
Stallmanagement
Datenflut Toppel

Auf jedem Geflügel haltenden Betrieb fallen heute unzählige Daten an. Damit hieraus Nutzen gezogen werden kann, müssen sie verknüpft, kanalisiert und interpretiert werden. Dafür braucht es nicht nur ein Bewusstsein bei der Tierbetreuerin oder dem Tierbetreuer – auch fachbezogene Kenntnisse sind nötig.

In jedem Betrieb mit Geflügelhaltung fallen heute Unmengen an Daten an – Futter- und Wasserverbräuche, Stallklimadaten, Lichtprogramm, Tiergewichte, Silofüllstände oder neuerdings auch bildgestützte Infos zu Tieraktivitäten. Was machen wir aber mit der wahnsinnigen Fülle der Daten? Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern soll Betriebsleitende in ihrer Arbeit unterstützen.

Drei zentrale Anwendungsbereiche für Ihre Betriebsdaten

Man sollte sich zunächst bewusst sein, wofür man die anfallenden Daten nutzen will. Das rät Dr. Kathrin Toppel, Geflügelexpertin von der Hochschule Osnabrück. Sie nennt dazu die drei zentralen Bereiche:

1. Von Staat/Wertschöpfungskette geforderte Dokumentation

Jeder Geflügelhalter ist gesetzlich verpflichtet, bestimmte Daten des Betriebs- und Bestandsmanagements aufzuzeichnen, bzw. die Anforderungen kommen beispielsweise vom Bündler oder der Qualitätssicherungssystemen. Für diese Daten gibt es zum Teil genaue Vorgaben, auch für den Aufbewahrungszeitraum. Grundsätzlich sind hierfür aggregierte bzw. gemittelte oder stichtagbezogene Daten zum Ende eines Durchgangs erforderlich.

2. Monitoring der laufenden Produktionsprozesse im Stall

Produktionsdaten wie der aktuelle Futter- oder Wasserverbrauch im Stall nutzt der Betriebsleiter für den regelmäßigen Plausibilitätscheck der Technik und für einen umfänglichen Überblick zum Zustand der Herde. Bei Auffälligkeiten kann unmittelbar in die Technik bzw. den Bestand eingegriffen werden. Damit unterstützen die Daten das Herdenmanagement.

3. Daten als „Frühwarnsystem“ für beginnende Probleme

Daten aus dem Stall können im Bestandscontrolling als „Frühwarnsystem“ genutzt werden. Hierfür werden die Daten genutzt, die laufend im Bestand erfasst werden. Das gilt zum Beispiel für digital-gestützte Systeme, die zum Beispiel Tieraktivitäten im Stall analysieren und Abweichungen früh erkennen.

Ein Anwendungsfall wurde hierzu erläutert: Die gesetzlichen Vorgaben bezüglich der Beleuchtung im Geflügelstall beziehen sich auf die Dunkelphase von sechs, bzw. acht Stunden, die täglich einzuhalten ist. Ob man hier seine Pflicht als Tierhalter erfüllt hat, prüft ein Auditor im Stall-PC: Ist bei Legehennen acht Stunden „Licht aus“ hinterlegt? Um eine bedarfsgerechte Wasserversorgung zu dokumentieren, reicht im Hähnchenstall ein Wert pro Mastwoche.

Für das Herdenmanagement braucht es bei den beiden Parametern jedoch eine kleinere Erfassungsfrequenz. Dafür unterstützt ein Daten-Logging mit stündlichen Meldungen über 24 Stunden. Wann war das Licht tatsächlich an oder aus im Stall? Entsprach dies den Einstellungen? Im erläuterten Beispiel funktionierte die Beleuchtungstechnik nicht, das fiel aufgrund des durchgehenden Wasserverbrauchs auf. Dr. Kathrin Toppel: „Der Betriebsleiter stellte bei Soll-Ist Abgleich fest, dass plötzlich nachts ein Wasserverbrauch verzeichnet wurde. Es wurde geprüft, ob ein technischer Defekt an der Wasserleitung vorliegt und der Lichtlogger wurde aktiviert. Letzteres wies auf einen Defekt am Leuchtsystem hin. Dies wurde behoben.

Herausforderungen und Chancen bei der Digitalisierung im Stall

Dr. Kathrin Toppel referierte auf der EuroTier 2024.

„Herstellerübergreifende Standards zur verbesserten Kommunikation zwischen Farmsystemen/Sensorentechniken würden eine Verknüpfung von Daten deutlich besser unterstützen. Dies würde nicht nur die Aussagekraft hinsichtlich der Früherkennung fördern, sondern auch die Akzeptanz in der Praxis und Prognosen ermöglichen. Wären im Beispiel Lichtsensor und Wasser-/Futterverbräuche verknüpft, würde das die Arbeit des Tierbetreuers erleichtern. „Auch umgekehrt kann wegen einer technischen Störung das Licht in der Hellphase mal ausgehen. Je nach Frequenz kann dies zu Belastungsstress führen. Ohne den Blick auf die Lichtloggerdaten würde der Tierbetreuer ggf. lange nach dem Grund suchen, warum die Tiere sich auf einmal anfangen zu bepicken.“

Ein anderes Beispiel: Im Stall hängt ein Luxmeter zur Kontrolle, ob die erforderliche Beleuchtungsstärke von 20 Lux im Tierbereich erreicht wird: „Wir können aber allein durch unterschiedliche Positionierung des Sensors völlig unterschiedliche Werte in der Aufzeichnung bekommen“, weiß Dr. Kathrin Toppel aus Erfahrungen im eigenen Versuchsstall. „Einmal den Sensor drehen und der angezeigte Lux-Wert geht von 40 auf deutlich unter 20“, berichtet sie. Obwohl am Licht selbst ja nichts geändert wurde, würde man bei Letzterem Probleme beim Audit auf Grundlage des Monitorings bekommen: „Unter 20 Lux ist ein K.o.-Kriterium.“  

Qualifizierung: Das fehlende Puzzleteil für eine erfolgreiche digitale Unterstützung

Betriebsleiter, aber ebenso Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Stall müssen solche Zusammenhänge erkennen, verstehen, müssen Daten von verschiedener Seite auswerten bzw. miteinander verknüpfen können. Dafür ist nach Auffassung der Geflügelexpertin mehr Qualifizierung notwendig: „Die zunehmende Digitalisierung kann wertvolle Unterstützung für die Bestandsführung sein. Aber dafür braucht es eine Qualifizierung der Mitarbeiter. Deren Berufsfeld ändert sich. Sachbezogene Inhalte zu vermitteln braucht stets aktualisiertes Material und einen aktuellen Stand der Technik, bzw. der Digitalisierung“, sieht sie Anpassungsbedarf. In diesen Wissensprozess müssten jedoch auch Auditoren bzw. Behördenmitarbeiter eingebunden werden, um mit Augenmaß Situationen bewerten zu können. 

Text:
Christa Diekmann-Lenartz

Aufgewachsen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in der intensiven Tierhaltungsregion Weser-Ems (und Studium der Agrarwissenschaften). Seit vielen Jahren berichtet sie darüber, was sich im Bereich Geflügel tut - mit Schwerpunkt Niedersachsen.

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Bild: Kristoffer Finn, Christa Diekmann-Lenartz

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