Geschlechtsbestimmung im Ei: Bio-Branche ringt um neuen Kurs
Referierende und Gastgeber des Ankumer Bio-Legehennenforums 2026
Die Geschlechtsbestimmung im Brutei ist in der konventionellen Legehennenhaltung längst etabliert. Im Bio-Sektor galt sie bis vor kurzem als Tabu. Kürzlich hat Biokreis nun die Geschlechtsbestimmung im Brutei zugelassen, Naturland und Bioland wollen sie prüfen. Auf dem Ankumer Bio-Legehennenforum wurde diskutiert.
In Deutschland ist das Kükentöten seit Anfang 2022 verboten. Im August 2023 gab es noch einmal einen Nachtrag: Die Geschlechtsbestimmung im Brutei („In-ovo“) als Alternative ist bis zum 12. Bebrütungstag erlaubt. Dieser Stichtag wurde gewählt, weil wissenschaftliche Studien inzwischen erwiesen hatten, dass ein Schmerzempfinden der Hühnerembryonen erst ab dem 13. Tag „nicht mehr ausgeschlossen werden kann“. Zuvor war der 7. Tag als Grenze angedacht.
Forum mit über 150 Teilnehmenden
Auf dem Ankumer Bio-Legehennenforum, das jährlich von der Bio-Aufzucht Gudendorf Ankum und der Tierärztlichen Gemeinschaftspraxis Dres. Arnold veranstaltet wird, gab es den aktuellen Stand zum Thema in der Wissenschaft und zur Anwendung in der Praxis – und es wurde viel diskutiert. Das Bio-Legehennenforum hat sich als fester Termin der Bio-Eiererzeugung etabliert, die über 150 Teilnehmenden kamen aus ganz Deutschland.
Über den aktuellen Stand zur Geschlechtsbestimmung im Brutei informierte Josefine Stuff von „Agri Advanced Technologies“ (AAT). Das Unternehmen, das zur EW Group gehört, hat das Cheggy-Verfahren entwickelt. Hiermit kann bei Braunlegern das Geschlecht im Brutei erkannt werden. Cheggy ist ein optisches Verfahren, die Schale des Bruteis braucht dafür nicht geöffnet zu werden („nicht-invasiv“).
Bekanntlich haben sich in Deutschland drei Verfahren als Alternative zum Kükentöten etabliert. Neben der Geschlechtsbestimmung im Brutei sind das die Aufzucht der Bruderhähne und der Einsatz von Zweinutzungsrassen.
Spannende Themen hatten über 150 Teilnehmende zum Bio-Legehennenforum nach Ankum gelockt.
Bruderhahnaufzucht lange in der Diskussion
Die Bruderhahnaufzucht ist in der konventionellen Legehennenhaltung sehr stark rückläufig. Sie stand immer in der Kritik wegen fehlender Wirtschaftlichkeit, mangelnder Nachhaltigkeit und schwierigen Absatzbedingungen für das Fleisch, wie Josefine Stuff ausführte.
Inzwischen weltweit auf dem Vormarsch sind die Methoden zur Geschlechtsbestimmung im Brutei. Es gibt verschiedene Systeme am Markt, weltweit wird auch an verschiedenen neuen Techniken geforscht. Hintergrund ist nicht unbedingt, dass es in anderen Ländern der Welt auch gesetzliche Verbote des Kükentötens gibt, sondern dass Unternehmen auf mehr Tierwohl setzen und sich hiermit bei Eiern im Premium-Sektor profilieren wollen. In der EU folgen allerdings inzwischen andere Länder dem Vorreiter Deutschland und verbieten das Kükentöten auch bzw. haben dies geplant.
Drei Systeme in Deutschland im Einsatz
In deutschen Brütereien sind derzeit drei Systeme im Einsatz. Neben Cheggy ist das das Seleggt-Verfahren, bei der die Eischale geöffnet wird und eine winzige Menge Flüssigkeit entnommen wird für die Geschlechtsbestimmung. Das System Orbem erkennt das Geschlecht im Brutei mittels Magnetresonanztomographie. Es ist nicht-invasiv.
Wie Josefine Stuff betonte, arbeiten alle drei Verfahren sehr genau mit geringer Fehlerquote, alle erkennen das Geschlecht vor dem 13. Bruttag, wie es das Gesetz verlangt. Orbem und Seleggt können sowohl bei Braun- als auch bei Weißlegern eingesetzt werden.
Schmerzempfinden ist strittige Frage
Für Diskussionen im Biobereich sorgt nach wie vor die Frage, wann denn genau das Schmerzempfingen des Embryos im Brutei beginnt. Josefine Stuff stellte dazu den neuesten Forschungsstand vor. Demnach gibt es bis Tag 12 eindeutig kein Schmerzempfinden, am 13. und 14. Bruttag wird es als unwahrscheinlich angesehen und ab dem 15. Tag gibt es erste Reaktionen auf Reize.
Der Bioverband „Biokreis“ hat vor kurzem die Geschlechtsbestimmung bis zum 9. Bruttag zugelassen. Naturland und Bioland wollen das prüfen, tendieren aber auch in diese Richtung. Vom Publikum kam dazu die Nachfrage, warum genau dieser Tag gewählt wurde. Die Bioerzeuger wollten auf „Nummer sicher“ gehen, so die Erklärung von Annette Alpers, Geschäftsführerin von Naturland Nordrhein-Westfalen.
Thorsten Block ist Vorstandsvorsitzender vom Biokreis, mit der Entscheidung pro Geschlechtsbestimmung im Brutei haben die Mitglieder jetzt Wahlfreiheit.
Sorge vor negativen Verbraucherreaktionen
Ihr Kollege Michael Däuber von Bioland äußerte ergänzend dazu die Sorge, dass Bio-Kunden sehr sensibel seien bezüglich Tierwohl-Themen, man fürchte mögliche „Skandal-Videos“ von Embryonen und deshalb verfolge man den Grundsatz „je früher desto besser“.
Dazu hatte Josefine Stuff zu bedenken gegeben, dass eine (zu) frühe Selektion sehr wohl Risiken berge, wie eine höhere Fehlerquote, zusätzliche Absterber oder Schädigungen von Embryos.
Biokreis-Mitglieder haben Wahlfreiheit
Thorsten Block ist der Vorstandsvorsitzende vom „Biokreis“. Er erläutere in Ankum noch einmal die Positionierung seines Verbandes: Man habe den Mitgliedern angesichts der anhaltenden Diskussion Wahlfreiheit bieten wollen. Der 9. Tag sei ein Kompromiss zwischen Wunsch und Möglichkeit der Technik.
Er betonte, dass die Aufzucht der Bruderhähne weiterhin eine Möglichkeit für den einzelnen Betrieb bleibe, sich mit besonderen Produkten abzuheben. Es habe auf der anderen Seite bislang keinerlei negative Rückmeldungen von Kundenseite gegeben bezüglich der -in seinen Augen mutigen- Entscheidung seines Verbandes.
Als Resümee bleibt: Die Entscheidung für oder gegen die Geschlechtsbestimmung im Ei bleibt für jeden Betrieb bzw. jeden Verband eine Abwägung zwischen Tierwohl, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit und bedarf damit einer individuellen Bewertung.
Christa Diekmann-Lenartz
Bild:
Christa Diekmann-Lenartz
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