30 Jahre Bioland-Geflügeltagung: Was die Ökobranche gelernt hat – und welche Probleme bleiben

15 März 2026
Stallmanagement
Hennen

Seit drei Jahrzehnten treffen sich Praktiker, Wissenschaftler und Berater zur internationalen Bioland-Geflügeltagung. Die Veranstaltung wurde zu einem zentralen Forum der ökologischen Geflügelbranche. Auf der diesjährigen Tagung, die im Februar in Schleswig-Holstein stattfand, blickte Rudolf Joost-Meyer zu Bakum vom Meyerhof zu Bakum zurück – und richtete zugleich den Blick nach vorn. Seine Bilanz zeigt deutliche Fortschritte, aber auch ungelöste Probleme.

Ein Netzwerk für Wissen und Praxis

Die ersten Bioland-Geflügeltagungen fanden Mitte der 1990er Jahre in Hessen rund um Witzenhausen und in Schleswig-Holstein statt. Schon damals war das Interesse so groß, dass die Veranstaltungen schnell an ihre Grenzen stießen. Die Organisatoren entschieden sich deshalb für ein größeres Konzept. Die Idee: eine mehrtägige internationale Tagung, die Landwirte, Berater und Forscher zusammenbringt. Ziel war es, Wissen aus Praxis und Forschung zu bündeln.

„Der Erfolg lag darin, dass wir ein Netzwerk aufgebaut haben – aus Betrieben, Forschungseinrichtungen und Verbänden“, sagt Rudolf Joost-Meyer zu Bakum. Dieses Netzwerk habe viele Entwicklungen in der ökologischen Geflügelhaltung angestoßen. Die Tagung wanderte später durch zahlreiche Bundesländer und wurde zum Vorbild für weitere Fachveranstaltungen – etwa zu Schweinen, Bienen, Schafen, Ziegen oder Kartoffeln.

Unterschiedliche Ausgangslagen in Deutschland

Als die ersten Tagungen stattfanden, unterschieden sich die Haltungsformen der Bioland-Geflügelbetriebe stark. In Hessen hielten Betriebe ihre Hennen meist in Bodenhaltung mit Kotgrube – ohne Grünauslauf. In Norddeutschland dagegen entstanden bereits Freilandbetriebe mit bis zu zehn Quadratmetern Auslauf pro Henne und Wintergärten. In Bayern arbeiteten erste Betriebe mit Volieren und vier Quadratmetern Auslauf.

Heute zeigt sich ein anderes Bild. In Norddeutschland dominieren große EU-Bio-Betriebe mit Stallgrößen um 15.000 Tiere. Viele dieser Betriebe arbeiten ohne eigenen Ackerbau. In Nordostdeutschland kombinieren Betriebe die Geflügelhaltung häufiger mit Ackerbau.

Im Süden und Westen dagegen prägen kleinere Ställe die Struktur, häufig in verbrauchernahen Regionen. Dort spielt die Bioland-Erzeugung eine größere Rolle.

Bundesweit haben sich außerdem zahlreiche Mobilställe etabliert – oft mit knapper Wirtschaftlichkeit.

Preisbewusste Kunden verändern den Markt

Der Markt hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verschoben. „Die Kunden achten stärker auf den Preis und orientieren sich am mittleren Segment“, berichtet Joost-Meyer zu Bakum. Das setze besonders Mobilstallbetriebe, Demeter-Erzeuger und Konzepte mit Bruderhahnaufzucht unter Druck.

Dauerbrenner der Branche

Federpicken: Ursachen sind bekannt – gelöst ist das Problem nicht

Federpicken und Kannibalismus gehören seit Beginn zu den zentralen Themen der Tagung. Schon 1996 formulierte die Wissenschaftlerin Christiane Keppler eine Hypothese: Federpicken sei ein fehlgeleitetes Verhalten der Futteraufnahme, das Küken in den ersten Lebenswochen erlernen. Heute gilt diese Annahme als bestätigt. Daraus leiten sich konkrete Maßnahmen ab. Küken sollen so aufwachsen, dass sie das Verhalten gar nicht erst entwickeln. Gleichzeitig müssen Halter Störungen im Bestand vermeiden, damit das Problem nicht erneut auftritt.

Auch die Zucht hat Fortschritte gebracht. Viele Linien gelten heute als weniger aggressiv.

Wichtig erwies sich außerdem die Fütterung. „Mit der Umstellung auf 100 Prozent Biofutter haben wir gelernt, wie entscheidend der Faseranteil im Futter ist“, sagt Joost-Meyer zu Bakum. Methionin spiele dagegen eine deutlich geringere Rolle als früher angenommen.

Trotz besserer Kenntnisse bleibt das Problem bestehen. „Die Situation ist deutlich besser als 1996, aber wirklich gut ist sie noch nicht“, räumt der Landwirt ein.

Rudolf Joost-Meyer zu Bakum

Bio-Fütterung: Vom Experiment zum Standard

Auch die Fütterung hat sich grundlegend verändert. Mitte der 1990er Jahre enthielten Futtermischungen noch bis zu 20 Prozent konventionelle Komponenten. Nach dem Nitrofen-Skandal entschied sich Bioland, den Weg einer vollständig ökologischen Fütterung einzuschlagen. Forschung und Praxis reagierten schnell: Bereits 2005 wurden erste Ergebnisse veröffentlicht und in die Praxis umgesetzt. Seit 2022 gilt diese Regelung auch in der EU-Bioverordnung. Die Leistung der Tiere sank dabei nicht. Sie nehmen lediglich etwas mehr Futter auf, beschreibt Joost-Meyer zu Bakum das Ergebnis. Parallel änderte sich die Zusammensetzung der Rationen: weniger Energie und Methionin, dafür mehr Rohfaser. 

Ein großes Risiko sieht Joost-Meyer zu Bakum allerdings bei der Rohstoffversorgung. „Ohne Bio-Sonnenblumen und Bio-Soja aus der Ukraine bekommen wir ein ernstes Problem“, warnt er.

Grünauslauf: Kompromisse prägen die Praxis

Beim Grünauslauf entwickelte sich die Branche ebenfalls weiter. Während 1996 manche Betriebe ganz ohne Auslauf arbeiteten, hatten andere bereits vier oder sogar zehn Quadratmeter pro Henne.

In den Beratungen zur EU-Ökoverordnung entstand schließlich ein Kompromiss: vier Quadratmeter Auslauf pro Tier. Ein verpflichtender Wintergarten wurde dagegen nicht festgeschrieben. Die Folge zeigt sich heute vielerorts im Bild der Ausläufe. Häufig dominieren braune Flächen statt grüner Wiesen.

Stallbau: Vom kleinen Stall zur großen Anlage

Auch die Stalltechnik veränderte sich deutlich. Mitte der 1990er Jahre hielten viele Betriebe weniger als 1.000 Hennen pro Stall mit einfachster Ausrüstung. Später verbreiteten sich Volierenanlagen mit externen Wandnestern. Die Idee: Funktionsbereiche wie Nest, Futter und Scharrraum im gesamten Stall verteilen.

Mit der EU-Ökoverordnung von 1998 wurde die maximale Stallgröße zunächst auf 3.000 Tiere festgelegt. Später interpretierten Behörden diese Grenze als Gruppengröße – damit entstanden deutlich größere Anlagen.

Heute sind Ställe mit 12.000 bis 15.000 Tieren verbreitet. Seit etwa 2010 dominieren integrierte Volieren. Sie erleichtern das Management und helfen, die Zahl der verlegten Eier zu senken. Gleichzeitig beobachten viele Betriebe erneut Probleme mit Federpicken.

Geflügelmast: Zielkonflikte bleiben

Die ökologische Geflügelmast spielte 1996 noch kaum eine Rolle. Als Vorbild für die EU-Regeln diente später das französische Label-Rouge-Programm. Ursprünglich sollten langsam wachsende Tiere mit weniger als 30 Gramm Tageszunahme eingesetzt werden. Heute liegen die erlaubten Zuwächse deutlich höher. „Im Ergebnis hat es trotz besserer Erkenntnisse kaum Fortschritte gegeben“, schätzt Joost-Meyer zu Bakum die Entwicklung ein.

Brustbeinbrüche: Ein ungelöstes Tierwohlproblem

Ein weiteres Thema beschäftigt die Branche bis heute: Brustbeinbrüche bei Legehennen. Studien zeigen, dass in vielen Haltungssystemen mehr als die Hälfte der Tiere betroffen ist. Einige technische Faktoren lassen sich allerdings anpassen. Sitzstangen sollten weich und abgeflacht sein, und der Abflugwinkel darf nicht zu steil sein.

Fazit: Fortschritte – aber noch viel Arbeit

Die ökologische Geflügelhaltung hat in den vergangenen drei Jahrzehnten große Schritte gemacht. Stalltechnik, Fütterung, Management und Tiergesundheit haben sich deutlich verbessert.

Doch viele Fragen bleiben offen. Federpicken, Brustbeinbrüche und wirtschaftlicher Druck stellen die Branche weiterhin vor Herausforderungen. Rudolf Joost-Meyer zu Bakum formuliert eine nüchterne Bilanz: „Wir sind nicht perfekt. Aber wir arbeiten an den Problemen und diskutieren sie offen. Genau das ist unsere Stärke.“

Text:
Cordula Moebius

Cordula Moebius

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Bild: Dieter Theyssen, Cordula Möbius

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