Jens Bodden: „Die Bio-Direktvermarktung hat ihre Grenzen“

26 Februar 2025
Legehenne
Jens Bodden

Auf dem Betrieb von Andrea und Jens Bodden hat „Bio“ lange Tradition. Jens Bodden sieht die neuen Vermarktungswege der Bio-Verbände über Aldi, Lidl und Co. mit gemischten Gefühlen – wohl wissend, dass es ohne kaum mehr geht. Geflügelnews sprach mit dem Bioland-Betriebsleiter. 

Herr Bodden, auf Ihrem Bio-Gemischtbetrieb ist die Direktvermarktung schon lange ein Standbein.  Hat sie auch Zukunft?

Wir sind seit über 25 Jahren Bioland-Betrieb und haben uns in der Direktvermarktung unseren Kundenkreis aufgebaut. Unser Hauptprodukt sind Eier - neben Nudeln und Spezialitäten vom Bruderhahn. Bei Eiern wird die Direktvermarktung weiter funktionieren. Aber sie wird hierzulande nicht mehr groß wachsen. Verbraucher erwarten heute überall ein Vollsortiment. 

Das heißt, auch als Bio-Betrieb kommt man nicht mehr um die Zusammenarbeit mit Aldi, Lidl, Edeka oder REWE drumherum?

Ja, das ist so. Der Lebensmittelhandel (LEH) hat mit Sicherheit dazu beigetragen, dass der Absatz von Bioprodukten stark gestiegen ist. Das Marketing des LEH hat es möglich gemacht. Das hätten die Bio-Landwirte und -Verbände in der Form nicht leisten können. 

Aber die Zusammenarbeit hat natürlich ihren Preis: Nicht wir als Lieferanten bestimmen, was wir für unsere Produkte bekommen, sondern der LEH. Die Biobetriebe gehen den gleichen Weg gehen wie ihre konventionellen Kolleginnen und Kollegen: Aus Kostengründen braucht es immer größere Strukturen, gleichzeitig wächst die Abhängigkeit vom Abnehmer. 

Auf dem Betrieb Bodden werden pro Jahr etwa 140.000 Junghennen aufgezogen.

Wie wichtig ist der regionale Gedanke? 

Sehr wichtig! 80 Prozent der Menschen auf der Welt werden von kleinen regionalen Strukturen ernährt. Wir haben uns vor über 25 Jahren für Bioland entschieden, weil dieser Verband nur in Deutschland und Südtirol tätig war und weiterhin ist. Das sind überschaubare und vergleichbare Strukturen. Ein Grundgedanke ist die regionale Vermarktung, auch, um Transportwege und Ressourcen zu sparen. Wenn der LEH auf Regionalität setzt, ist man nicht so austauschbar. Regionale Ware darf etwas teurer sein. 

Nicht alles muss international sein. Das EU-Biosiegel etwa hat deutlich niedrigere Standards als Bioland. Für den LEH wird der Einkauf von „Bio“ natürlich einfacher bei EU-Bio, weil die Waren austauschbarer sind. Unser Bio-Gedanke wird dadurch aber verwässert. 

Ich frage mich dann auch, warum muss man Bio-Zwiebeln aus Spanien kaufen? Als Verbraucher wäre es für mich nachhaltiger, Zwiebeln aus konventioneller Produktion aus der Nachbarschaft zu kaufen. 

Seit 2015 findet auf dem Betrieb Bodden Zuchtarbeit für die ÖTZ statt.

Zur Umsetzung des Verbots des Kükentötens lehnt Bioland weiterhin die Geschlechtsbestimmung im Brutei ab?

Für mich und für Bioland ist die Geschlechtsbestimmung im Ei keine Alternative. Für mich macht es keinen Unterschied, ob die Geschlechtsbestimmung am 3. oder am 12. Tag möglich ist. Auch am 3. Tag nach der Befruchtung ist schon Leben im Ei. Deshalb ist das für mich Augenwischerei.

Deutschland hat das Verbot des Kükentötens im Alleingang umgesetzt. Ich sehe diese Entscheidung sehr kritisch. Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Bio-Verbände wollen kein Kükentöten. Die Politik in Deutschland hat das entschieden. Meine Kritik ist, dass die Landwirtschaft mit den Folgen, insbesondere der Frage der kostendeckenden Vermarktung der Bruderhähne dann aber alleingelassen wurde. In der Ausser-Haus-Verpflegung gäbe es zum Beispiel großes Potenzial.

Auf der Suche nach Alternativen sind in die Entwicklung der Geschlechtsbestimmung im Ei auch viele Fördergelder, sprich Steuergelder geflossen. Die jetzt vorliegenden Methoden erfordern einen hohen technischen Aufwand, sind teuer. Der Embryo wird trotzdem getötet. 

Es wird inzwischen diskutiert, ob es mithilfe von Gentechnik nicht möglich ist, dass die männlichen Embryonen einfach absterben im Ei. Ich persönlich lehne jeden Eingriff in das Erbgut ab. Damit öffnen wir eine Büchse der Pandora. Für mich wäre dann ehrlicher gewesen, es bei der vorher üblichen Praxis zu belassen.

Steckbrief Bioland-Betrieb Bodden

Der Betrieb von Andrea und Jens Bodden befindet sich in Goch am Niederrhein.
Jens Bodden übernahm den elterlichen Betrieb 1998 und schloss den ersten Kooperationsvertrag mit Bioland zur Aufzucht von Bio-Junghennen. Der gesamte Betrieb Bodden wurde auf Bio umgestellt.

Seit 2015 ist der Geflügelhof Bodden Zuchtstandort der Ökologischen Tierzucht gGmbH (ÖTZ). Gesellschafter sind Bioland und Demeter.

Neben der Zuchtarbeit und Junghennenaufzucht für Kunden im gesamten Bundesgebiet (ca. 140.000 Hennen/Jahr) werden auch Legehennen gehalten und etwa 80.000 Bruderhähne pro Jahr gemästet. Die Bruderhähne werden im betriebseigenen Schlachthaus geschlachtet, das Fleisch wird zu Spezialitäten wie Frikassee, Geschnetzeltes oder Currywurst verarbeitet.

Zurzeit werden außerdem 20 ha Weideland und 95 ha Ackerland bewirtschaftet. Auf dieser Fläche wird hauptsächlich Futtergetreide angebaut – neben 18 ha Kartoffeln. Die beiden Söhne von Andrea und Jens Bodden, Peter und Ben, sind mit in den Betrieb eingestiegen, die Hofnachfolge ist gesichert. Im Betrieb sind außerdem 15 Mitarbeitende und zwei Lehrlinge beschäftigt. 

Grundlage der ÖTZ-Zucht ist die Kreuzung von leistungsstarken alten DDR-Linien.

Ihr Betrieb ist Zuchtstandort der ÖTZ (Ökologische Tierzucht gGmbH). Bioland und Demeter als Gesellschafter unterstützen den Ansatz Zweinutzungshuhn. Wie ist der aktuelle Stand? 

Die ÖTZ als weltweit einzige Bio-zertifizierte Geflügelzucht feiert dieses Jahr ihren 10. Geburtstag. Der Fokus lag in den vergangenen Jahren auf der Weiterentwicklung eines ausgeglichenen Zweinutzungshuhns. Wir arbeiten mit einer Kombination von leistungsstarken alten Legerassen (White Rock/New Hampshire) mit dem fleischbetonten Gourmet-Geflügel Bresse aus Frankreich. Das Fleisch der männlichen Nachkommen ist geschmacklich sehr gut. Stand unserer Kreuzungen ist derzeit etwa 250 bis 260 Eier im Jahr und bei den männlichen Tieren ein Schlachtkörpergewicht von 1.600 bis 1.800 g. Für 1.000 g Fleisch müssen die Tiere etwa 100 Tage gemästet werden. 

Wie sehen Sie die nächsten Jahre als Biobetrieb? 

Zu viele landwirtschaftliche Betriebe geben auf, nicht nur konventionelle. Das Höfesterben wird weitergehen, nicht nur, weil es keine Nachfolger gibt, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen. Der Werteverlust in der Landwirtschaft ist hoch. 

Wir sind dennoch überzeugt, dass wir mit Bioland auf dem richtigen Weg sind. Wir produzieren tolle Lebensmittel. Wir müssen Bio aber mehr ausflaggen, was das heißt, mit eigener Futtergrundlage, eigenen Flächen, Kreislaufwirtschaft, eigenem Schlachthof, vielfältiger Produktion und Gentechnikfreiheit. Vielseitigkeit ist der richtige Weg, nicht Spezialisierung auf ein Produkt.

Viel Platz und Deckung im Auslauf am Betrieb Bodden.
Text:
Christa Diekmann-Lenartz

Aufgewachsen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in der intensiven Tierhaltungsregion Weser-Ems (und Studium der Agrarwissenschaften). Seit vielen Jahren berichtet sie darüber, was sich im Bereich Geflügel tut - mit Schwerpunkt Niedersachsen.

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Bild: Dieter Theyssen

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