Eine europäische Studie vergleicht die Tierwohl-Empfehlungen der EFSA mit denen, die das europäische Innovationsnetzwerk BroilerNet mit der Praxis zusammengetragen hat. Bei den identifizierten Problembereichen gibt es große Übereinstimmungen. Bei Besatzdichte, Genetik und Außenklima gehen Wissenschaft und Praxis auseinander.
Wie lässt sich das Tierwohl in der Hähnchenmast verbessern? Eine vergleichende Studie hat die wissenschaftlichen Empfehlungen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) mit den Erfahrungen des europäischen Innovationsnetzwerks BroilerNet verglichen.
EFSA-Gutachten sorgte 2023 für Aufsehen
Die EFSA hat 2023 ein wissenschaftliches Gutachten veröffentlicht, das unter anderem 16 (negative) Folgen der heutigen Produktionssysteme für das Tierwohl in der Hähnchenmast thematisiert. Das EFSA-Gutachten gibt Empfehlungen, wie diese vermindert werden können. Das europäische Innovationsnetzwerk BroilerNet hat in den vergangenen vier Jahren unmittelbar einsetzbare, innovative „Best Practices“ zusammengetragen, mit denen Tierwohl auf den Betrieben gefördert werden kann. Beteiligt waren hier auch Wirtschaft und Praxis.
BroilerNet trug Empfehlungen auch der Praxis zusammen
Das Ergebnis der jetzt veröffentlichten Vergleichsstudie zu EFSA- und BroilerNet-Empfehlungen: Wissenschaft und Praxis erkennen vielfach gleiche Probleme. Von den 16 (von der EFSA genannten) Folgen für das Tierwohl wurden 13 von mindestens einer BroilerNet-Herausforderung aufgegriffen. Das entspricht 81 Prozent.
Dazu gehören Hautverletzungen, Probleme bei der Fortbewegung und Einschränkungen beim natürlichen Verhalten. Auch Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes werden von beiden Seiten als wichtiges Problem gesehen.
Bei BroilerNet standen außerdem die Qualität der Küken, das Management der ersten Lebenstage, die Weiterbildung der Landwirte und die Verringerung von Lahmheiten weit oben.
Wissenschaft setzt andere Prioritäten
Bei der Gewichtung der Probleme zeigen sich jedoch Unterschiede. Für die EFSA gehören Bewegungseinschränkungen zu den wichtigsten Tierwohlproblemen. Auch Ruheprobleme, Gruppenstress und Stress beim Umgang mit den Tieren werden hoch bewertet.
Diese Themen standen bei BroilerNet weniger im Mittelpunkt. Ein Grund dafür könnte sein: Die Wissenschaft hat einen eindeutigen Fokus auf das Tierwohl und sieht vor allem, was für das Tier wichtig ist. Die Praxis muss jedoch auch berücksichtigen, was sich im Betrieb umsetzen lässt und welche Kosten entstehen. Das zeigt sich besonders bei der Besatzdichte und der Genetik.
EFSA empfiehlt weniger Tiere und langsamere Genetik
Die EFSA empfiehlt eine geringere Besatzdichte und langsamer wachsende Genetiken. Für die Bodenhaltung nennt sie höchstens 11 kg Lebendgewicht/qm als Orientierung. Außerdem soll die Wachstumsgeschwindigkeit begrenzt werden. Ein überdachter Außenklimabereich soll den Tieren ab der zweiten Lebenswoche zur Verfügung stehen.
Solche Veränderungen spielten bei den BroilerNet-Best-Practices dagegen kaum eine Rolle. Das hat natürlich auch wirtschaftliche Gründe. Weniger Tiere je Stallfläche bedeuten weniger Fleisch. Langsamer wachsende Tiere benötigen länger bis zur Schlachtreife und brauchen mehr Futter. Außerdem treffen Mäster solche Entscheidungen oft nicht allein. Die Masthühnerproduktion ist überwiegend stark integriert. Genetik und Produktionsbedingungen werden entlang der Kette vorgegeben.
Für mehr Platz oder langsamere Genetik braucht es deshalb einen Markt, der den zusätzlichen Aufwand bezahlt.
Praxislösungen für bestehende Ställe
Maßnahmen, die sich in bestehende Ställe integrieren lassen, passen dagegen besser zu den Praxislösungen. Ein Beispiel sind erhöhte Plattformen. Sie geben den Tieren zusätzliche Bewegungsmöglichkeiten und fördern natürliches Verhalten. Gleichzeitig können sie die Gesundheit des Bewegungsapparates und der Fußballen unterstützen.
Auch beim Einstreumanagement gibt es eine große Schnittmenge mit den EFSA-Empfehlungen.
Im Rahmen von BroilerNet wurden 228 „Best Practices“ eingereicht. Daraus wählten Fachleute 78 aus. 40 „Best Practices“ betrafen die Tiergesundheit und 38 das Tierwohl. Von 76 relevanten EFSA-Empfehlungen wurden 54 durch mindestens eine BroilerNet-Best-Practice aufgegriffen. Das entspricht rund 71 Prozent. Umgekehrt passten 30 der 78 Best Practices zu keiner der untersuchten Empfehlungen. Das sind 39 Prozent.
Das bedeutet nicht, dass diese Maßnahmen keinen Nutzen haben. EFSA und BroilerNet verfolgen unterschiedliche Ansätze: Die EFSA beschreibt wissenschaftlich begründete Verbesserungen. BroilerNet sammelt Lösungen, die in der Praxis funktionieren oder sich vergleichsweise einfach umsetzen lassen.
Außenklima hat bezüglich Tierwohl zwei Seiten
Besonders schwierig ist die Empfehlung, Masthühnern einen Außenbereich oder einen überdachten Außenklimabereich anzubieten. Ein Außenbereich kann das Tierwohl verbessern. Gleichzeitig kann das Risiko für den Eintrag von Krankheitserregern steigen. Gerade die Vogelgrippe ist für die Geflügelhaltung ein wichtiger Faktor. Auch hohe Außentemperaturen können problematisch sein.
Die Forscher sehen deshalb weiteren Bedarf an Untersuchungen unter Praxisbedingungen. Dabei sollten Tierwohl, Tiergesundheit und Wirtschaftlichkeit gemeinsam betrachtet werden.
Mehraufwand muss sich in Erlösen widerspiegeln
Die Studie zeigt auch: Tierwohl lässt sich nicht allein am einzelnen Betrieb verbessern. Wenn ein Mäster weniger Tiere hält oder langsamere Genetik einsetzt, kann das zusätzliche Kosten verursachen. Deshalb müssen auch Brütereien, Integratoren, Schlachtunternehmen und Handel einbezogen werden. Der Mehraufwand für die Betriebe muss sich letztlich in den Erlösen widerspiegeln.
Die Vergleichsstudie wurde erstellt von Wissenschaftlern aus dem BroilerNet-Netzwerk, unter anderem vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) Celle und der Universität Wageningen.




































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