70 Mitarbeiter und kaum Fluktuation: So bindet ein Geflügelbetrieb sein Personal
26 September 2026
Niederlande
Gute Mitarbeiter sind auf landwirtschaftlichen Betrieben schwer zu finden. Umso wichtiger ist es, sie langfristig zu halten. Eine niederländische Brüterei und ein Geflügelbetrieb schaffen eine durchschnittliche Betriebszugehörigkeit von fast elf Jahren. Dahinter stecken keine außergewöhnlichen Extras, sondern Führung, Wertschätzung und attraktive Arbeitsplätze.
Mehr als 70 Vollzeitkräfte arbeiten bei der Brüterei und dem Geflügelunternehmen Het Anker in den Niederlanden. Geschäftsführer Rinie Vroegindeweij weiß deshalb, wie schwierig es sein kann, geeignete Mitarbeiter zu gewinnen. Noch wichtiger ist für ihn jedoch, sie anschließend im Unternehmen zu halten.
Das scheint zu funktionieren: Im Durchschnitt bleiben die Beschäftigten zehn Jahre und neun Monate bei Het Anker. „Unsere Mitarbeiter zu halten, das ist unsere Stärke“, sagt Vroegindeweij.
Auch Schweinehalter Sjoerd Bull aus Horssen beschäftigt ein großes Team. Auf seinem Betrieb mit 20.000 Mastschweinen arbeiten 18 Mitarbeiter. Wie viel Arbeit künftig anfällt, berücksichtigt Bull deshalb bereits bei Investitionen.
Als er seinen Betrieb vor einigen Jahren um 8.000 Mastplätze erweiterte, stand eine Bedingung fest: Die zusätzlichen Tiere sollten ohne zusätzliches Personal zu bewältigen sein.
Technik soll Mitarbeitern schwere Arbeit abnehmen
„Arbeit wird einfach zum Problem“, sagt Bull. Wer Schwierigkeiten mit der Personalbesetzung habe, müsse überlegen, welche Tätigkeiten Technik übernehmen könne.
Deshalb investierte der Schweinehalter unter anderem in einen Waschroboter. Dieser übernimmt einen großen Teil der körperlich anstrengenden Stallreinigung. Bull wollte damit zunächst Arbeitszeit sparen. Er stellte jedoch einen weiteren Effekt fest: Die Mitarbeiter erledigen die verbleibende Arbeit lieber.
Das Beispiel zeigt, dass technische Investitionen nicht nur die Zahl der benötigten Arbeitsstunden senken können. Sie können einen Arbeitsplatz auch attraktiver machen.
Aufgrund der Größe von Het Anker kann das Unternehmen seinen Mitarbeitern mehr Entwicklungsmöglichkeiten bieten.
Warum Mitarbeiter fast elf Jahre im Geflügelbetrieb bleiben
Vroegindeweij setzt bei Het Anker dagegen vor allem auf gute Führung. Neue Beschäftigte durchlaufen eine ausführliche Einarbeitung. Wer sich weiterentwickeln möchte, erhält dazu Gelegenheit. Gleichzeitig hält das Unternehmen die Kommunikationswege kurz.
Hinzu kommen scheinbar kleine Dinge. Einmal im Quartal kommt ein Imbisswagen auf den Hof. Die Belegschaft spielt gemeinsam Hallenfußball oder trifft sich zum Wandern.
Das ist bei Het Anker auch deshalb wichtig, weil die Beschäftigten in sehr unterschiedlichen Bereichen arbeiten. Zum Team gehören Mitarbeiter aus Brüterei und Geflügelhaltung ebenso wie Fahrer, Techniker und Beschäftigte im Servicebereich.
Das Prinzip dahinter beschreibt Vroegindeweij einfach: Het Anker sei ein Familienunternehmen und wolle seine Beschäftigten so behandeln, wie die Unternehmer selbst behandelt werden möchten.
Mit zunehmender Betriebsgröße wird das schwieriger. Obwohl Het Anker inzwischen Dutzende Menschen beschäftigt, will das Unternehmen deshalb bewusst den Charakter eines Familienbetriebs erhalten.
Wer Mitarbeiter halten will, sollte zuerst auf die eigene Führung schauen
Auch die niederländische Beraterin Angela Nijbroek hält persönliche Aufmerksamkeit für entscheidend. Sie begleitet landwirtschaftliche Unternehmer, Familien und Mitarbeiter. Probleme bei der Suche nach Personal oder beim Halten guter Beschäftigter begegnen ihr dabei regelmäßig.
Landwirten empfiehlt sie, zunächst das eigene Verhalten zu prüfen: Wie trete ich gegenüber meinen Mitarbeitern auf? Suche ich das Gespräch? Weiß ich, was ihnen wichtig ist?
Denn Beschäftigte setzen unterschiedliche Prioritäten. Für den einen zählt das Gehalt besonders stark, ein anderer schätzt Freiräume und ein Dritter braucht regelmäßig neue Herausforderungen.
Wer seine Mitarbeiter kennt, kann darauf gezielter eingehen.
Personalführung wird mit jedem Mitarbeiter wichtiger
Für viele Landwirte gehört Personalführung nicht zu den Aufgaben, für die sie ursprünglich ihren Beruf gewählt haben. Sie wächst mit dem Betrieb.
Mit jedem neuen Mitarbeiter kommt deshalb ein Stück Personalmanagement hinzu. Große Unternehmen wie Het Anker können dafür eigene Fachkräfte beschäftigen. Auf einem klassischen Familienbetrieb übernimmt meist der Betriebsleiter diese Aufgabe – zusätzlich zu Tierbetreuung, Technik, Büroarbeit und den übrigen täglichen Arbeiten.
Nijbroek empfiehlt Arbeitgebern und Beschäftigten, möglichst auf Augenhöhe miteinander zu sprechen. Der Unternehmer trägt zwar die Verantwortung, muss deshalb aber nicht jedes Gespräch von oben herab führen.
Erledigt ein Mitarbeiter beispielsweise eine Aufgabe anders als vereinbart, könne der Betriebsleiter zunächst nach dem Grund fragen, statt die Arbeit sofort als falsch zu bewerten. „In neun von zehn Fällen ist es besser, eine Frage zu stellen“, sagt Nijbroek.
Für eine gute Zusammenarbeit hält sie drei Faktoren für entscheidend: Vertrauen, Verantwortung und Verbindung. Wer einem Mitarbeiter vertraut, kann ihm Verantwortung übertragen. Gleichzeitig muss der Unternehmer akzeptieren können, dass Beschäftigte manche Aufgaben anders lösen, als er es selbst tun würde.
Gute Arbeit sollte nicht selbstverständlich sein
Zur Personalführung gehört auch, gute Leistungen anzuerkennen. Nijbroek erlebt bei Schulungen immer wieder, dass sich Mitarbeiter untereinander nur selten sagen, was der andere besonders gut kann.
Dabei können gerade solche Rückmeldungen die Zusammenarbeit stärken.
Patrick Friesen vom niederländischen Personaldienstleister AB Werkt sieht darin eine besondere Chance für landwirtschaftliche Familienbetriebe. Ihre Teams sind häufig klein. Mitarbeiter kennen den Betriebsleiter persönlich, erleben die Entwicklung des Hofes unmittelbar mit und sehen täglich das Ergebnis ihrer Arbeit.
Das kann Beschäftigte stark an einen Betrieb binden.
Die Nähe birgt allerdings auch ein Risiko: Weil Chef und Mitarbeiter täglich miteinander sprechen, erscheint das Arbeitsverhältnis irgendwann selbstverständlich. Friesen rät Betriebsleitern deshalb, bewusst Mitarbeitergespräche zu führen.
Dabei kann es darum gehen, wie zufrieden jemand mit seiner Arbeit ist, welche Aufgaben ihm Freude machen und was er benötigt, um seine Arbeit gut erledigen zu können.
Vroegindewij: „Wir behandeln unsere Mitarbeiter so, wie wir selbst auch behandelt werden möchten.“
Betriebsleiter sollten Veränderungen bei Mitarbeitern erkennen
Auch Probleme außerhalb des Betriebs können sich auf die Arbeit auswirken. Ein Arbeitgeber kennt diese nicht automatisch.
Nijbroek hält es deshalb für wichtig, Veränderungen im Verhalten wahrzunehmen. Voraussetzung dafür ist ein Verhältnis, in dem sich Beschäftigte ihrem Arbeitgeber anvertrauen können.
Persönliche Aufmerksamkeit bedeutet dabei nicht, sich in das Privatleben einzumischen. Entscheidend ist vielmehr, Signale wahrzunehmen und das Gespräch anzubieten.
Gute Technik macht landwirtschaftliche Arbeitsplätze attraktiver
Neben Führung und Wertschätzung spielen die Arbeitsbedingungen eine wichtige Rolle. Friesen empfiehlt Betrieben beispielsweise, ihren Mitarbeitern gutes Werkzeug und geeignete Technik zur Verfügung zu stellen.
Schweinehalter Bull sieht seinen Waschroboter deshalb inzwischen nicht nur als Rationalisierungsmaßnahme. Die Maschine reinigt einen Stall nach seinen Angaben bereits zu 70 bis 90 Prozent, bevor ein Mitarbeiter die restlichen Arbeiten übernimmt.
Dadurch entfällt ein großer Teil der besonders schweren und unbeliebten Arbeit. Seine Beschäftigten wollten inzwischen nicht mehr auf den Roboter verzichten, berichtet Bull.
Entwicklung muss nicht immer eine Beförderung bedeuten
Was einen Arbeitsplatz attraktiv macht, hängt vom jeweiligen Mitarbeiter ab. Manche legen Wert auf gute Technik und geregelte Aufgaben. Andere brauchen regelmäßig neue Herausforderungen.
Gerade kleinere Schweine- oder Geflügelbetriebe können nicht ständig höhere Positionen anbieten. Entwicklung muss jedoch nicht zwangsläufig eine Beförderung bedeuten.
Mitarbeiter können sich auf bestimmte Aufgaben spezialisieren, neue Technik kennenlernen, Kollegen einarbeiten oder mehr Verantwortung für die Tiergesundheit und einzelne Betriebsabläufe übernehmen.
Größere Unternehmen wie Het Anker haben zusätzliche Möglichkeiten. Dort können Beschäftigte zwischen Arbeitsbereichen wechseln und sich beispielsweise zum Fahrer oder Betriebsleiter weiterentwickeln.
Entscheidend bleibt, die Wünsche des Einzelnen zu kennen. Nicht jeder möchte ständig mehr Verantwortung übernehmen. Manche Mitarbeiter sind zufrieden, wenn sie ihre vertrauten Aufgaben zuverlässig erledigen können. Andere verlieren ohne neue Herausforderungen irgendwann die Motivation.
Für landwirtschaftliche Arbeitgeber bedeutet das: Gute Mitarbeiter zu halten braucht nicht zwingend große Personalprogramme. Oft entscheiden gute Führung, passende Technik, Entwicklungsmöglichkeiten und die Aufmerksamkeit für den einzelnen Menschen.
Geflügelnews
Bild:
Natasja Beverloo
Quelle:
Bart van de Laak
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