Niedersachsen ist Deutschlands Putenland Nr. 1. Der Vorsitzende des Landesverbandes der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft, Friedrich-Otto Ripke, nimmt Stellung zum Puten-Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes von vergangener Woche. Er warnt vor Verallgemeinerung und einem Abbau der Produktion hierzulande.
„Das Leipziger Urteil zu einer Mastputenhaltung in Süddeutschland darf nicht zu übereilten Reaktionen führen! Fest steht zunächst nur, dass es für einen einzelnen Putenmast-Betrieb und nur für sein zuständiges Veterinäramt gilt. Fest steht auch, dass das mit der Verbandsklage angestrebte Haltungsverbot für diesen Betrieb nicht durchgesetzt werden konnte. Aufgrund des aktuellen Urteils muss zunächst nur das zuständige Veterinäramt über die notwendigen Tierschutzmaßnahmen in dem betroffenen Betrieb neu entscheiden.
Puten-Eckwerte Vorreiter in der EU
Die in Deutschland praktizierten Puten-Eckwerte waren dem Bundesverwaltungsgericht (BVG) laut Urteil nicht verbindlich genug. Das heißt aber nicht, dass ihre Inhalte für eine künftige Anordnung durch die Veterinärbehörde nicht in Frage kommen. Die Puten-Eckwerte werden zusammen mit dem Gesundheitskontrollprogramm in den Ställen seit vielen Jahren angewandt und kontrolliert. Dieses Tierschutz-System ist im europäischen Vergleich führend und ambitioniert.
Es ist als Grundlage für eine nationale Putenhaltungs-Verordnung hervorragend geeignet. Die Bundesregierung sollte genau dies als wichtigen Anstoß des Leipziger BVG-Urteils verstehen und weitere Gesetzgebungs-Schritte darauf aufbauen. Andernfalls wird es in Deutschland durch die Auslegungen der einzelnen Veterinärbehörden zu einer Vielfalt von unterschiedlichen Anordnungen auf Kreisebene kommen. Diese hätten dann mit Planungssicherheit und Recht auf Gleichbehandlung nichts zu tun. Eine solche Entwicklung würde die gesamte deutsche Putenhaltung gefährden. Tierschutz-Fortschritt und Ernährungssicherung würde damit ein Bärendienst erwiesen!
80 Prozent der Puten in Haltungsform 2
Die nationale Eigenversorgung mit Putenfleisch liegt aktuell bei etwa 90 Prozent. Mit weniger Eigenerzeugung würden die hohen deutschen Standards aufgegeben. Sie betreffen neben dem Tierschutz auch den Klimaschutz. Wegfallen würden bei Putenfleisch-Importen auch die Haltung nach den Vorgaben der Initiative Tierwohl (ITW). Über 80 Prozent der deutschen Puten werden bereits nach ITW-Haltungsform 2 (Stall plus mehr Platz) gehalten.
Immer mehr Putenhalter sind aktuell bereit, darüber hinaus in die ITW-Haltungsform 3 (Außenklima) zu gehen. Die Nachfrage der Verbraucherinnen und Verbraucher muss sich natürlich entsprechend entwickeln. Hier stellt sich nicht mehr die Frage nach dem gesetzlichen Standard. Die Praxis und der Lebensmittelhandel haben die Haltung längs weiterentwickelt und dies ist vorbildlich für Europa und die Welt!
Langes Warten auf EU-Regelung
Auf EU-Ebene wurde eine einheitliche Puten-Verordnung jahrelang verzögert. Diese ist dringend notwendig, damit in allen EU-Staaten die gleichen Tierschutzstandards gelten und damit gleiche Wettbewerbsbedingungen. Im Nachgang des Leipziger Urteils muss die Bundesregierung hier mit Nachdruck tätig werden.
Bis zu einer europäischen Lösung sollten alle Veterinärbehörden in Deutschland einheitlich die Puteneckwerte mit Gesundheitskontrollprogramm verbindlich anwenden. Damit würde den BVG-Vorgaben übergangsweise ausreichend Rechnung getragen. Das gebietet die Verantwortung aller beteiligten Stellen für den Fortbestand der heimischen Putenhaltung. Sie ist nicht nur Erwerbsgrundlage für sachkundige Putenhalterinnen und Putenhalter mit ihren Familien. Sie ist auch Gewähr für gesundes, ernährungsphysiologisch wertvolles Putenfleisch, das in Deutschland unter hohen Standards produziert wird.
Nur die Produktion in Deutschland kann zur Ernährungssicherung auch in geopolitischen Krisenzeiten beitragen. Es gilt, sie zukunftssicher zu halten und nicht abzubauen. Das Urteil von Leipzig jetzt für verallgemeinernde Kritik an der gesamten deutschen Putenhaltung zu nutzen, ist keine solide Rechtsauslegung, sondern Meinungsmache.“
Friedrich-Otto Ripke, Vorsitzender des Landesverbandes der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft




































Reagieren
Geflügelnews lädt Sie ein, auf Artikel zu reagieren und schätzt Reaktionen mit Inhalt. Die Redaktion behält sich das Recht vor, beleidigende oder kommerziell motivierte Reaktionen ohne Angabe von Gründen zu entfernen.