Vechta & Neuwied: Berufsnachwuchs aus Landwirtschaft und LEH vernetzt sich
Landwirtschaft und Lebensmittelhandel sind beide Teil einer Wertschöpfungskette. Trotzdem ziehen sie nicht unbedingt an einem Strang. Im Sinne von mehr Verständnis füreinander, haben zwei Schulen für den jeweiligen Berufsnachwuchs einen jährlichen Austausch ins Leben gerufen.
„Unser Treffen findet jetzt bereits zum fünften Mal statt“, erzählt Eva Hoffbauer zufrieden. Sie unterrichtet an der zweijährigen Fachschule Agrarwirtschaft im niedersächsischen Vechta. Ausgebildete Landwirtinnen und Landwirte erwerben hier in eineinhalb Jahren den Abschluss „staatlich geprüfter Betriebswirt“. Sie sind dann gleichzeitig Meister oder Meisterin und haben die Fachhochschulreife. Dieses Konzept kommt gut an. Aktuell gibt es 27 Schülerinnen und Schüler.
Drei Tage Treffen mit LEH-Fachschülern
Die derzeitige Klasse war gerade für drei Tage im Jugend- und Freizeitheim am idyllischen Binnensee Dümmer einquartiert. Zu Besuch hatte sie Fachschülerinnen und Fachschülern der Bundesfachschule des Lebensmittelhandels („food akademie“) aus Neuwied, Rheinland-Pfalz. Die food akademie sorgt für eine praxisnahe Aus- und Fortbildung im Lebensmittelhandel (LEH). Speziell Betriebsnachfolger oder künftige Filialleiter bekommen hier die nötigen Qualifikationen.
Schulleiter Thorsten Fuchs (l), hier mit Christian Putthoff, hat den Austausch des Berufsnachwuchses initiiert.
Dabei aus Neuwied beim Treffen am Dümmer ist Thorsten Fuchs, Geschäftsführer und Schulleiter der food akademie. Er hat den Austausch mit der landwirtschaftlichen Fachschule Vechta mit initiiert. Hintergrund für ihn waren die damaligen Bauernproteste in ganz Deutschland. Ein in den Medien viel diskutiertes Thema war damals die – aus Sicht der Landwirtschaft - mangelnde Wertschätzung und unzureichende Entlohnung der Arbeit der Landwirte. „Aus einem zufälligen Kontakt zur Vechtaer Schule heraus entstand damals die Idee für den Austausch“, erinnert er sich.
„Miteinander statt übereinander reden“ – so lautet das Motto des Austauschs. Er findet übrigens abwechselnd in Vechta und in Neuwied statt.
Regionalität und Tierwohl: Das verbindet Hof und Supermarkt
Freut sich, dass der Austausch von Landwirte- und LEH-Berufsnachwuchs seit fünf Jahren gut läuft: Fachlehrerin Eva Hoffbauer.
An Wichtigkeit hat dieser Austausch für Fuchs nach fünf Jahren nicht verloren.
Gerade bei den Themen Regionalität, Tierwohl und Nachhaltigkeit gibt es heute eher mehr Berührungspunkte zwischen der Urproduktionsstufe und dem einzelnen Supermarkt.
„Dass ein Landwirt zum Beispiel Eier direkt an Supermärkte in seiner Region liefert, ist heute keine Seltenheit. Oder dass der Kunde im Supermarkt per QR-Code nachschauen kann, von welchem Betrieb sein Tierwohl-Hähnchenschnitzel kommt und er dort hinfahren könnte“, weiß Eva Hoffbauer.
Das Programm für den Austausch wurde, wie auch in vorherigen Jahren, von ihrem Kollegen, Fachlehrer Detlef Breuer, zusammengestellt. Besucht wird unter anderem eine Biogasanlage, Kälberaufzuchtbetrieb und der Eiergroßhandel Putthoff in Damme. Der jetzige Betriebsleiter Christian Putthoff vermarktet rund 850.000 Eier pro Tag, seine Partner-Legehennenbetriebe liegen maximal 40 km entfernt.
Im Betrieb Putthoff werden täglich rund 850.000 Eier sortiert und verpackt.
Die Nachfrage nach bunten Eiern ist bei ihm mittlerweile ganzjährig groß, sagt Christian Putthoff.
Beim Eiergroßhandel Putthoff sind mehrere Roboter im Einsatz, ohne würde es personalmäßig eng.
Im Betrieb Putthoff werden täglich rund 850.000 Eier sortiert und verpackt.
Die Nachfrage nach bunten Eiern ist bei ihm mittlerweile ganzjährig groß, sagt Christian Putthoff.
Beim Eiergroßhandel Putthoff sind mehrere Roboter im Einsatz, ohne würde es personalmäßig eng.
Bewusste Entscheidung gegen Aldi, Lidl und Co.
Putthoff liefert an Großhändler und Wiederverkäufer, aber auch zum Beispiel an Geflügelhöfe, die ihre Bedarfsspitzen bei ihm abdecken. Er hat sich vor ca. fünfzehn Jahren sehr bewusst gegen eine Zusammenarbeit mit den großen Discounterketten entschieden. „Das war die richtige Entscheidung“, erzählt er den Schülerinnen und Schülern und begründet dies mit dem „Preisdiktat“ dieser Abnehmer.
Bei ihm gibt es keine Absatzprobleme, der Kundenstamm wurde über Jahre aufgebaut: „80 Prozent unserer Eier verlassen unsere Packstelle noch am gleichen Tag“, berichtet er. Im Moment sei das Angebot ohnehin mehr als knapp, der Markt leergefegt. Auch längerfristig ist er sicher: „Eier haben Zukunft!“ Er sieht vor allem auch, dass sich das Image des Eies deutlich zum Positiven verändert hat.
Legehennenbetrieb beliefert über 100 Supermärkte
Hofnachfolger Joost Hoffrogge ist derzeit selbst Schüler der Fachschule in Vechta und stellte beim Treffen den elterlichen Betrieb vor.
Noch direkter ist der Weg zum Kunden beim Betrieb Hoffrogge aus Dötlingen im Nachbarlandkreis Oldenburg. Hofnachfolger Joost Hoffrogge ist derzeit selbst Schüler der Fachschule in Vechta und stellt beim Treffen den elterlichen Betrieb vor, auf dem er schon mit eingestiegen ist. Gehalten werden 65.000 Legehennen in Boden- und in Freilandhaltung. Hauptabsatzweg für die Eier sind regionale Supermärkte im Umkreis von etwa 60 km.
Joosts Vater begann vor etwa 15 Jahren damit, Supermärkte im Umfeld direkt zu beliefern. REWE hatte sich schon zu der Zeit Regionalität auf die Fahnen geschrieben. „Das lief gut mit dieser Vermarktung“, erzählt Joost Hoffrogge. Heute werden über 100 Supermärkte täglich beliefert. Neben Rewe sind auch Edeka-Läden, Kaufland und die in Norddeutschland ansässige Bünting-Gruppe (Famila, Kombi) dazugekommen. „Regionalität hat bei allen Ketten inzwischen einen hohen Stellenwert“, weiß der 23jährige Fachschüler.
Personalmangel kennen Landwirte und Handel
Derzeit denkt er deshalb mit seiner Familie über den Bau eines weiteren Legehennenstalles nach, den Absatz sieht auch er gesichert. Weiteres Thema bei ihm, das auch der Berufsnachwuchs aus dem LEH kennt: Personalmangel. Familie Hoffrogge plant deshalb, in eine neue Sortiermaschine zu investieren. Damit kann Arbeitszeit gespart werden und die Arbeit wird erleichtert.
Text:
Christa Diekmann-Lenartz
Aufgewachsen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in der intensiven Tierhaltungsregion Weser-Ems (und Studium der Agrarwissenschaften). Seit vielen Jahren berichtet sie darüber, was sich im Bereich Geflügel tut - mit Schwerpunkt Niedersachsen.
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