Die deutsche Putenbranche bewegt sich marktmäßig in „ruhigem Fahrwasser“. Sorgen bereitet jedoch die weiter anhaltende Diskussion um die Schnabelbehandlung und die Tatsache, dass durch den -vom Markt gewünschten- Umstieg auf die höheren Haltungsformen Stallplätze fehlen.
Deutschland ist innerhalb der EU nach wie vor Putenland Nr. 1 mit mengenmäßig der größten Schlachtmenge. Mit knapp 400.000 t Schlachtgewicht (inklusive importierten lebenden Tieren) im vergangenen Jahr waren es fast ein Viertel der EU-Produktion (23,3 Prozent). Doch die hiesige Putenbranche hat in den letzten zehn Jahren auch Federn gelassen. Die Zahl der eingestallten Küken sank von 33,5 Mio. Tieren in 2015 auf 25,2 Mio. in 2024.
Schneller Einstieg in die höheren Haltungsformen
Der wesentliche Grund für den enormen Rückgang waren zunächst die „großen“ Geflügelpestzüge hierzulande. Aktuell ist jedoch der vermehrte Umstieg auf die höheren Haltungsformen (HF) dafür verantwortlich, dass bei gleichbleibender Stallkapazität weniger Tiere eingestallt werden können. Laut Heinz Bosse, Geschäftsführer von Deutschlands größtem Putenvermehrer Kartzfehn, sind die deutschen Putenmästerinnen und Putenmäster schnell auf die vom Lebensmitteleinzelhandel gewünschten höheren Haltungsformen umgestiegen. Heinz Bosse gab auf der Mitgliederversammlung des Landesverbandes der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft, NGW, einen Überblick über die aktuelle Situation.
Nach bisheriger Einschätzung wird das Niveau bei den eingestallten Küken in diesem Jahr wieder leicht rückläufig sein gegenüber 2024. Heinz Bosse geht aber dann von einer Konsolidierung auf dem derzeitigen Stand aus. Als wirtschaftliche Herausforderung nannte er, dass nur etwa 40 Prozent des erzeugten Putenfleisches in Deutschland in den Frischmarkt gehen. Rund 60 Prozent, also mehr als die Hälfte, gehen als sogenannte Bulkware in die Weiterverarbeitung, an Hotels, Restaurants oder Großküchen. Dort spielen die Haltungsform und die Herkunft in der Regel keine Rolle. Die höheren Produktionskosten der höheren Haltungsformen müssen also auf dem Frischfleischmarkt erlöst werden. „Das muss preislich auch alles gemanagt werden“, gab er zu bedenken.
Vorhandene Stallplätze reichen nicht mehr aus
Die neue Initiative Herkunft Deutschland („5xD“) sah er in diesem Sinne als hilfreich an. Er warnte jedoch davor, dass die hiesige Branche auch in der Lage bleiben müsse, die vom Handel geforderten Mengen zu liefern. Es brauche dringend Umbaugenehmigungen für die Haltungsform 3 und auch Genehmigungen für neue Ställe. Er sah die Gefahr, dass bei einer Produktion in kleineren Einheiten die Kosten steigen und sich die Frage stellen werde, ob der Handel das dann mittrage: „Wir wollen Partner des Lebensmittelhandels bleiben, aber wie weit gehen Lebensmittelhandel und Verbraucher mit bei den höheren Preisen?“ formulierte er seine Sorge.
Gerichtsverfahren zum Thema Schnabelbehandlung
Heinz Bosse informierte zudem über ein seit bereits zwei Jahren laufendes Gerichtsverfahren in Sachen Schnabelbehandlung. Kläger ist der Deutsche Tierschutzbund, Beklagter ist der Landkreis Cloppenburg. Er soll angeblich zu „lasch“ mit den Genehmigungen für die Schnabelbehandlung in den Brütereien umgegangen sein. Die Branche muss regelmäßig eine Ausnahmegenehmigung beantragen, die erlaubt, dass zum einen in den Brütereien die Schnabelbehandlung durchgeführt werden darf und zum anderen, dass die Landwirte schnabelbehandelte Tiere einstallen dürfen.
Nach einem Gutachten, das in diesem Zusammenhang erstellt wurde, richtet sich die Klage inzwischen auch gegen das Schnabelbehandeln selbst. Das Moorgut Kartzfehn ist beigeladen im Prozess. Der Landkreis Cloppenburg hat zwischenzeitlich ein Gegengutachten in Auftrag gegeben, einer der Gutachter ist Prof. Robby Andersson von der Hochschule Osnabrück. Der weitere Verlauf des Verfahrens bleibe abzuwarten, so Heinz Bosse.
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