Der Bio-Geflügelfleischmarkt ist in Deutschland eine interessante Nische, der Anteil am gesamten Geflügelfleischabsatz liegt gerade mal bei 2,5 Prozent. Nach Ansicht von Vermarktern gibt es aber Potenzial für Steigerungen. In einem Online-Seminar von Naturland gab es Infos für Umstellungs-Interessierte.
Dr. Jürgen Tölke ist Geschäftsführer von Biofino. Das Unternehmen mit Hauptsitz im niedersächsischen Emstek ist Marktführer im Bereich Bio-Geflügel, verarbeitet werden Hähnchen- und Putenfleisch. Zum Unternehmen gehören eigene Elterntierfarmen (Hähnchen) und seit 20213 auch eine eigene Hähnchen-Brüterei. Mit inzwischen 220 Mitarbeitenden wurde im vergangenen Jahr ein Umsatz von ca. 80 Mio. Euro erzielt.
Biofino ist Tochtergesellschaft von „GS Die Genossenschaft“ mit Hauptsitz im benachbarten Schneiderkrug (Landkreis Cloppenburg). Mit dem Geschäftsbereich GS Bio ist die Genossenschaft eine bedeutende Bio-Futtermühle in Deutschland.
Drei Viertel werden als Frischware vermarktet
Biofino ist Frische-Spezialist für Bio-Geflügelfleisch und Hauptvermarktungsweg ist der Lebensmitteleinzelhandel inklusive Discounter. 75 Prozent werden als Frischware verkauft. Biofino bietet auch ein umfangreiches Bio-Convenience- oder Bio-Tiefkühl-Sortiment an.
Dr. Jürgen Tölke geht von einem weiteren Wachstum des Bio-Segmentes im deutschen Markt aus – und ist demzufolge auf der Suche nach landwirtschaftlichen Partnerbetrieben. Das weitere Marktwachstum sieht er auch im Bio-Engagement der Discounter begründet. Aktuelle Trends wie gesunde Ernährung, Bevorzugung regionaler Produkte, Nachhaltigkeit oder Flexitarismus fördern seines Erachtens die Nachfrage nach Bio-Geflügelfleisch.
Umbau von Milchvieh- oder Schweineställen
Sein Unternehmen bietet Landwirten und Landwirtinnen, die Bio-Geflügel mästen wollen, langfristige Verträge und eine umfassende Beratung beim Stallneubau oder Umbau – wie andere Akteure der Geflügelbranche inzwischen auch. Laut Dr. Jürgen Tölke ist die Bio-Geflügelmast nach Umbau auch in Altgebäuden gut möglich. So haben zum Beispiel auch frühere Milchviehhalter oder Schweinemäster ihre Ställe für die Bio-Hähnchenmast umgebaut.
Einer der Landwirte, der den Schritt in die Umstellung auf Bio gewagt hat, ist Kilian Henne. Der junge Landwirt aus Dassel in Südniedersachsen bewirtschaftet seit 2018 den elterlichen Betrieb mit 170 ha. Umgestellt auf ökologische Bewirtschaftung hat er den Betrieb 2018. Im Ackerbau musste er durchaus auch „Lehrgeld“ zahlen.
Praxisbeispiel aus Süd-Niedersachsen
2022 baute der 33-Jährige zwei Ställe für die Bio-Hähnchenmast (2x14.400 Plätze). In der Praxis findet man hierzulande zwei Mast-Systeme: Entweder werden die Ställe rein-raus gefahren wie in der konventionellen Mast oder es gibt Vor- und Endmaststall.
Kilian Henne mästet in seinen beiden Ställen getrennt nach Vor- und Endmast und stallt die Tiere nach vier bis fünf Wochen um. Er entschied sich 2018 für dieses System, weil zu diesem Zeitpunkt in der Vormast kein Grünauslauf für die Tiere nötig war. Diese Regelung ist rechtlich aktuell jedoch in der Schwebe – mit offenem Ausgang. Um den Endmaststall gibt es 7 ha Auslauffläche für die Hähnchen.
Zwei verschiedene Mast-Systeme für Öko-Hähnchen
Kilian Henne beleuchtete im Online-Seminar die Vor- und Nachteile beider Systeme. Beim Rein-Raus-Verfahren sind die variablen Kosten geringer, weil kein Umstallen mit Serviceperiode nötig ist. Dafür sind die Fixkosten höher, man braucht bei gleicher Tierzahl mehr Stallfläche. Die höheren Fixkosten belasten die Wirtschaftlichkeit enorm, so Kilian Henne. Möglich sind ca. fünf Durchgänge im Jahr bei der Rein-Raus-Mast.
Bei getrennter Vor- und Endmast in zwei Ställen, wie er es praktiziert, sind die Fixkosten niedriger, dafür gibt es höhere variable Kosten. Möglich sind dabei zehn Durchgänge pro Jahr. Deutlich höher ist naturgemäß der Arbeitszeitbedarf. Besondere Arbeitsspitze ist zusätzlich das Umstallen. Da die beiden Ställe von Kilian Henne nicht direkt nebeneinander liegen, müssen die Tiere transportiert werden – im Dunkeln, um den Stress so gering wie möglich zu halten.
Betriebsindividuell entscheiden, was passt
Die Entscheidung für oder gegen ein System müsse jeder nach seinen betriebsindividuellen Gegebenheiten treffen bzw. nach seinen persönlichen Vorlieben, sagt der studierte Landwirt. Bei ihm in Planung ist ein weiterer Maststall. Dort will Kilian Henne dann rein-raus mästen.
Den aktuellen Arbeitszeitbedarf bezifferte er für tägliche Routine mit 3 bis 3,5 Stunden. Im Sommer müsse man extra Zeit einplanen für das in den Stall treiben. Anders als Legehennen gingen die Masthähnchen dann nicht immer abends von alleine zurück in den Stall.
Unerlässlich, bevor man mit einem Stallbau beginnt, ist die Suche nach einem verlässlichen und seriösen Vermarktungspartner, gab der Mäster den um- oder einstiegswilligen Berufskollegen noch mit auf den Weg.
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