Der Umbau der Tierhaltung gehört zu den größten Herausforderungen der Agrarpolitik. Steigende Anforderungen an Tierwohl, Klima- und Umweltschutz treffen auf hohe Kosten und unsichere politische Rahmenbedingungen.
Nach Einschätzung von Agora Agrar ist der Handlungsbedarf heute größer als noch zur Zeit der Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) oder der Borchert-Kommission. Das erläuterten die Direktoren von Agora Agrar, Prof. Harald Grethe und Dr. Christine Chemnitz in einem Gespräch mit dem Pressedienst Agra Europe.
Besonders in der Tierhaltung fehle es an langfristiger Planungssicherheit – eine Grundvoraussetzung für Investitionen in Ställe, Technik und Management.
Gemeinwohlleistungen müssen sich rechnen
Für Harald Grethe ist klar: Tierwohl, Klimaschutz und Umweltleistungen dürfen kein wirtschaftliches Risiko bleiben. Sie müssen für Betriebe zur realen Einkommenschance werden. Gerade in international offenen Märkten brauche es eine gezielte Honorierung von Leistungen, die der Markt nicht vergütet.
Instrumente wie messbare Tierwohlstandards, Benchmarking-Systeme oder gezielte Förderungen können laut Agora Agrar dazu beitragen, Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit zu verbinden – bei möglichst geringem bürokratischem Aufwand.
Borchert-Plan: Konsens ohne Umsetzung
Mit den Empfehlungen der Borchert-Kommission lag ein breit getragener Vorschlag für den Umbau der Tierhaltung vor. Umgesetzt wurde er nicht. Christine Chemnitz sieht darin ein politisches Versäumnis. Ein überparteilicher Schulterschluss hätte Planungssicherheit schaffen können.
Stattdessen habe der Wegfall des Bundesprogramms zum Umbau der Tierhaltung Vertrauen zerstört. Für viele Betriebe bleibt offen, ob und wie sich Investitionen in höhere Standards künftig refinanzieren lassen.
Weniger Tiere – höhere Wertschöpfung?
Das Szenario von Agora Agrar geht langfristig von sinkenden Tierbeständen aus. Für Grethe bedeutet das keinen zwangsläufigen Verlust an Wertschöpfung. Entscheidend sei, die Wertschöpfung pro Tier zu erhöhen – etwa durch höhere Tierwohlstandards, bessere Klimaeffizienz und gezielte Förderung.
Gerade in der Geflügelhaltung könnten klare, verlässliche Rahmenbedingungen Investitionen lenken und Betrieben eine Perspektive eröffnen.
Klimaschutz erhöht den Anpassungsdruck
Die Landwirtschaft soll künftig stärker zur Klimaneutralität beitragen. Auch die Tierhaltung steht dabei im Fokus. Chemnitz betont, dass verbleibende Emissionen teuer kompensiert werden müssen. Deshalb gewinnen sowohl Nachfrageeffekte als auch emissionsmindernde Technologien an Bedeutung.
Förderprogramme für klimafreundliche Stalltechnik und Managementsysteme sollten aus Sicht von Agora Agrar frühzeitig ausgebaut werden, um Betriebe nicht zu überfordern.
Flächenprämien sind kein Instrument für Tierwohl
Die pauschale Begründung, Flächenprämien sicherten Ernährung und Tierhaltung, überzeugt Grethe nicht. Die Produktion von Lebensmitteln wird über Märkte vergütet. Tierwohl- und Umweltleistungen hingegen nicht. Genau hier müsse Agrarpolitik ansetzen – gezielt, leistungsbezogen und verlässlich.

































Reagieren
Geflügelnews lädt Sie ein, auf Artikel zu reagieren und schätzt Reaktionen mit Inhalt. Die Redaktion behält sich das Recht vor, beleidigende oder kommerziell motivierte Reaktionen ohne Angabe von Gründen zu entfernen.