Lange Leistung ist kein Zufall: Warum die verlängerte Haltungsdauer von Legehennen im Brutkasten beginnt – und im Stall entschieden wird
Wer Legehennen länger wirtschaftlich und tierschutzgerecht halten will, muss früh ansetzen. Nicht einzelne Maßnahmen entscheiden über den Erfolg, sondern das präzise Zusammenspiel von Zucht, Aufzucht und Stallmanagement. Entscheidend ist, wie konsequent Betriebe entlang der gesamten Produktionskette arbeiten.
In einem Seminar des Netzwerkes Fokus Tierwohl erläuterte Dr. Lisa Jung von der tierärztlichen Hochschule Hannover, dass, wer Hennen länger wirtschaftlich und tierschutzgerecht halten will, das System als Ganzes verstehen muss. Persistenz (hohe Legeleistung über einen möglichst langen Zeitraum) ist kein einzelner Faktor, sondern das Ergebnis eines fein abgestimmten Zusammenspiels aus Zucht, Aufzucht und Management.
"Eine verlängerte Haltungsdauer fängt bei der Genetik an – und eben nicht erst bei uns im Legehennenstall."
Zucht braucht Zeit
Die Zucht-Ziele umfassen flachere Legekurven statt Leistungsspitzen, robuste Tiere, stabile Schalenqualität und – idealerweise – „500 Eier in 100 Wochen“. Doch der Weg dorthin ist lang. Zuchtentscheidungen wirken erst Jahre später im Stall, denn: „Zucht braucht Zeit. Es dauert wirklich auch zehn Jahre, bis das entsprechende Merkmal bei uns angekommen ist.“
Der unterschätzte Anfang: Brüterei und Kükenphase
Was im Stall sichtbar wird, hat seinen Ursprung oft lange zuvor. Bereits in der Brüterei werden entscheidende Weichen gestellt – etwa durch Impfungen, Hygiene oder Transportbedingungen. Fehler in dieser frühen Phase lassen sich später kaum korrigieren.
Dr. Jung schildert eindrücklich, dass Defizite wie schlecht vorbereitete Ställe, fehlende Wärme und unzureichende Futterzugänge lange Schatten werfen.
"Man konnte tatsächlich vorhersagen, welche Herde wahrscheinlich umkippen wird."
Der Grundstein für Gesundheit und Leistung wird in den ersten Lebenstagen gelegt – inklusive des derzeit intensiv erforschten Mikrobiom.
Aufzucht: Gleichmäßigkeit statt Durchschnitt
In der Aufzucht entscheidet sich, ob eine Herde ihr Potenzial ausschöpfen kann, da neben dem Erreichen der Sollgewichte vor allem die Uniformität entscheidend sei. Durchschnittswerte allein reichen nicht aus, weil nur eine uniforme Herde bedarfsgerecht gefüttert werden kann, eine stabile Leistung bring und geringe Konkurrenz zeigt. Ebenso wichtig sind früh erlernte Verhaltensmuster – etwa die Orientierung in Volierensystemen – sowie ein durchdachtes Lichtprogramm. Dr. Jung wiederholt die Regel, nach der man das Licht bis zur Geschlechtsreife nicht verlängern und während der Legephase nicht verkürzen sollte. Neue Ansätze gehen allerdings weiter und setzen auf dynamische Lichtsteuerung.
Übergang in die Legephase: Kontinuität statt Neustart
Mit dem Umstallen sollte kein Neustart beginnen, sondern eine Fortsetzung der Aufzucht. Wer allerdings nicht weiß, wie die Tiere zuvor gehalten wurden, handelt im Blindflug. Eine frühe Einstallung bietet Dr. Jung zufolge Vorteile, da weniger Verhaltensstörungen sowie Brustbeinschäden auftreten und sich die Tiere besser anpassen. Entscheidend bleibe jedoch die kontinuierliche Beobachtung, bei der neben Bonituren auch intuitive Eindrücke eine Rolle spielen.
"„Man muss alle seine Sinne einsetzen – hören, sehen, riechen.“"
Leistung sichern: Qualität, Verhalten, Gesundheit
Damit sich eine verlängerte Haltungsdauer lohnt, müssen die zentrale Kennzahlen (geringe Verluste, hohe Leistung auch in späteren Wochen, stabile Schalenqualität) stimmen, allerdings wird die Schalenqualität mit zunehmendem Alter zur Herausforderung, da das Eigewicht steigt, während die Stabilität sinkt. Verhaltensstörungen wie Federpicken lassen sich vor allem durch Struktur und Beschäftigung vermeiden und natürlich spielt auch der Auslauf eine wichtige Rolle. Neue Ansätze nutzen sogar Lautmuster als Frühwarnsystem: „Vor einem Federpick-Ausbruch ändert sich die Gesamtvokalisation.“
Knochengesundheit und Stallmanagement
Ein oft unterschätztes Problem sind Brustbeinschäden – weit verbreitet und leistungsmindernd. Ursachen sind unter anderem Kollisionen im Stall, die man durch eine verbesserte Stallstruktur, geeignete Sitzstangen und ruhige Herdenführung reduzieren kann.
„Wenn Tiere in Panik gegen die Wand fliegen, haben sie natürlich viel mehr Kollisionen.“
Biosicherheit und Managementdisziplin
Hygiene ist entscheidend – aber nur wirksam, wenn sie konsequent umgesetzt wird. „Dreckige Desinfektionsmatten haben keinen Nutzen.“
Auch Besucher, Fahrzeuge und Wildtiere sind potenzielle Eintragsquellen. Die Mauser kann eine zweite Legephase ermöglichen, erfordert jedoch gesunde Tiere und präzises Management.
Fazit: Ganzheitlich denken
Eine längere Haltungsdauer ist kein Selbstläufer. Sie erfordert abgestimmte Prozesse entlang der gesamten Produktionskette – von der Genetik bis zur Stallhygiene. Dr. Jungs zentrale Botschaft bleibt pragmatisch: „Beobachten Sie Ihre Herde. Wenden Sie Ihr Wissen an. Und holen Sie sich Beratung.“
Magdalena Esterer
Bild:
Cordula Möbius
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