Krise im Hähnchenstall, Schulden, Neustart: Wie ein Junglandwirt sich befreite

20 Mai 2025
Niederlande
Botis Noordhoek

Ein junger niederländischer Geflügelhalter geriet nach einem frühen Umstieg auf Tierwohlhaltung wirtschaftlich unter Druck, bewältigte die Krise aber mit Eigeninitiative, betriebswirtschaftlichem Wissen und dem Mut, Verantwortung selbst zu übernehmen.

Beim Jugendtag der Geflügelzucht in Lopikerkapel (Provinz Utrecht) gewährte der niederländische Jungunternehmer Boris Noordhoek (34) im Rahmen des Workshops „Stark sein in wackeligen Zeiten“ tiefe Einblicke in die bewegte Geschichte seines Betriebs. Offen und reflektiert berichtete er, wie ihn die frühe Umstellung auf Freilandhaltung nach dem 1-Stern-Beter-Leven-Label zunächst in wirtschaftliche Turbulenzen stürzte – und wie er es dennoch mit Mut, Unternehmergeist und Beharrlichkeit schaffte, seinen Betrieb aus der Krise zu führen.

Früher Umstieg auf Tierwohl-Label war wirtschaftlich riskant

Im Jahr 2016 entschied sich Noordhoek, seinen Betrieb frühzeitig auf das Beter-Leven-Konzept umzustellen – in der Hoffnung auf eine wachsende Nachfrage nach Geflügelfleisch, das mit einem höheren Tierwohlstandard produziert wurde. Zunächst war die Bilanz durchwachsen: In den ersten Jahren erzielte die Familie nur geringe Gewinne oder bestenfalls eine schwarze Null. Erst ab 2022, als die niederländischen Supermärkte verpflichtend auf dieses Label umstellten, verbesserte sich die wirtschaftliche Lage deutlich.

Im Vergleich zu konventionellen Masthähnchenhaltern hatte sich Noordhoek mit dem frühen Einstieg in das Tierwohl-Segment also übernommen – nicht aus mangelnder Planung, sondern weil der Markt seine Erwartungen erst spät erfüllte.

Mehrfachinvestitionen als zusätzlicher Druckfaktor

Parallel zu dieser strategischen Umstellung tätigte die Familie weitere erhebliche Investitionen: 2017 entstand ein neuer Hähnchenstall, 2018 folgten ein Weinberg sowie eine Rothirschfarm – beides alternative Einkommensquellen mit hohen Anlaufkosten. Die Umzäunung für das Wild kostete allein 100.000 Euro, während die ersten Jahre im Weinbau nur Ausgaben brachten.

Diese unternehmerischen Entscheidungen standen ganz im Zeichen eines breit aufgestellten Betriebes, der nicht nur auf Tierhaltung setzt, sondern verschiedene Standbeine entwickelt – was langfristig Stabilität bringen kann, kurzfristig aber Liquidität und Risikomanagement enorm belastet.

Krise mit der Bank: Der Schock der „Sonderverwaltung“

Einen dramatischen Wendepunkt erlebte die Familie Ende 2021, als sie von ihrer Bank ohne Vorwarnung in die sogenannte „Kategorie Sonderverwaltung“ (Bijzonder Beheer) eingestuft wurde. Obwohl der Betrieb stets allen Zahlungsverpflichtungen nachgekommen war, wurde diese Maßnahme mit ausbleibenden Gewinnen begründet. Die Familie wurde gezwungen, mit externen Beratern zu arbeiten, verlor vorübergehend Einfluss auf betriebliche Entscheidungen und sah sich plötzlich mit zusätzlichen Kosten von rund 4.000 Euro pro Quartal konfrontiert – ohne dass eine existenzielle Gefährdung tatsächlich gegeben war.

Noordhoek kämpfte dagegen an: Er setzte auf seinen eigenen Buchhalter, lehnte externe Berater ab, führte intensive Gespräche mit der Bank und engagierte einen spezialisierten Anwalt. Dank steigender Erlöse im Jahr 2022 – bedingt durch die Marktumstellung der Supermärkte – konnte die Familie nach rund zehn Monaten wieder aus der Bijzonder Beheer entlassen werden.

Persönliche Stärke und unternehmerische Haltung

Die Erfahrung mit der Bank war nicht nur finanziell belastend, sondern auch emotional einschneidend. Noordhoek schilderte auf dem Jugendtag, wie sich sogar sein ruhiger Vater kämpferisch gegenüber der Bank verhalten habe – etwas, das vorher nie vorgekommen war. Der Druck von außen habe ihn jedoch nicht entmutigt, sondern in seiner Haltung bestärkt: Selbstverantwortung statt Abhängigkeit von Bank, Handel oder Politik.

„Ich sehe mich als Multi-Unternehmer, nicht nur als Geflügelhalter“, betonte Noordhoek. Er wolle nicht nur in Stall und Feld arbeiten, sondern innovative Wege gehen – auch wenn diese mit Risiken verbunden sind.

Kollegen diskutieren: Wie gehen andere Landwirte mit Krisen um? 

Während des Workshops diskutierten weitere junge Landwirte ihre eigenen Erfahrungen und Einschätzungen. Ein Kollege aus der Masthähnchenhaltung zeigte sich derzeit zufrieden mit dem Markt und plant neue Stallinvestitionen, fast ohne Fremdkapital. Auch eine Legehennenhalterin berichtete, dass ihr Betrieb mehrfach erfolgreich auf Marktveränderungen reagiert habe.

Trotzdem warnte Noordhoek davor, sich in Sicherheit zu wiegen. „Was, wenn es keine Lösung mehr gibt?“, fragte er die Runde. Diese kritische Reflexion über Krisenszenarien sollte laut ihm Teil jeder langfristigen Planung sein.

Lehre aus der Krise: Fachwissen und Selbstverantwortung zählen

Die Reaktionen im Saal waren gemischt: Einige Landwirte würden in einer Krisensituation wie Noordhoek kämpfen, andere eher kooperieren oder sich von ihrer Bank führen lassen. Noordhoek zeigte jedoch auf, dass landwirtschaftliches Wissen in der Bankenwelt oft fehle – und dass man als Landwirt nicht nur fachlich, sondern auch betriebswirtschaftlich sattelfest sein muss.

Geflügelnews
Bild: Quinton Hermsen
Quelle: Tom Schotman

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