Friedrich-Otto Ripke: Tierwohl gelingt nur mit Bauernwohl

11 Mai 2025
Deutschland
Friedrich Otto Ripke

Geflügelhalter warnen: Ohne faire Bedingungen für Landwirte ist mehr Tierwohl in deutschen Ställen nicht möglich. Friedrich-Otto Ripke, Vorsitzender der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft, sprach mit den Kollegen der Land & Forst über den aktuellen Stand in der Geflügelbranche und die Erwartungen an die neue Bundesregierung.

Wie steht es um das Tierwohl in der Geflügelhaltung?

Laut Friedrich-Otto Ripke, Vorsitzender der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft (NGW), wird Tierwohl in der deutschen Geflügelhaltung bereits in großem Umfang umgesetzt: „95 Prozent des Geflügelfleisches wird bereits heute nach Initiative-Tierwohl-Kriterien produziert“, sagt Ripke. Die meisten Tiere werden in Haltungsform 2 gehalten. Die Branche sei bereit, in höhere Haltungsformen zu investieren. Ripke verweist dabei auf zahlreiche Anträge für Stallumbauten und Neubauten in Haltungsform 3.

Koalitionsvertrag: Erwartungen an die neue Regierung

Der neue Koalitionsvertrag der Bundesregierung enthält laut Ripke wichtige Punkte wie Ernährungssicherung und Wettbewerbsfähigkeit. Besonders begrüßt er die geplante Reform des Tierhaltungskennzeichnungsgesetzes. Dieses müsse alle Tierarten und Handelsstufen umfassen. „Wir fordern, dass das bestehende, bei Verbrauchern bekannte wirtschaftsgetragene ITW-System im neuen Gesetz als gleichwertig anerkannt wird“, betont Ripke.
Zudem sei ein 20-jähriger Bestandsschutz für neue Tierwohlställe vorgesehen. Auch das Baugesetzbuch und die Technische Anleitung Luft (TA Luft) sollen angepasst werden, um Um- und Neubauten zu erleichtern.

TA Luft und Abluftreinigung: wirtschaftlich nicht tragbar

Ein Streitpunkt bleibt der verpflichtende Einbau von Abluftreinigungsanlagen bei großen, zwangsbelüfteten Ställen. Ripke erklärt: „Unsere NGW-Berechnungen zeigen, dass dies für 80 bis 90 Prozent der bestehenden Stallanlagen wohl nicht verhältnismäßig wäre“. Die Kosten lägen zwischen 200.000 und 400.000 Euro – für viele Betriebe unbezahlbar. Er plädiert für alternative Maßnahmen zur Emissionsminderung, etwa häufigeres Entmisten oder ammoniakbindende Einstreu. Dies sei praktikabler, ohne die Emissionsziele zu vernachlässigen.

Zielkonflikt: Mehr Tierwohl, aber höhere Emissionen

Ripke macht deutlich, dass die Transformation zur tierwohlgerechteren Haltung Zielkonflikte mit sich bringt: „Eine geringere Besatzdichte bedeutet unter anderem schlechtere CO₂-Bilanzen und mehr Energieverbrauch pro Kilogramm Fleisch“. Auch der Futterverbrauch steigt durch langsamer wachsende Genetiken.

Hinzu kommt ein wachsendes Risiko für Geflügelpest durch Auslaufhaltung. Ripke fordert daher eine neue Strategie: „Wenn wir Geflügel zukünftig draußen halten wollen, werden die Tierverluste steigen und somit auch die Entschädigungszahlungen“. Die Tierseuchenkasse müsse gestärkt, Impfstrategien entwickelt und regional umgesetzt werden.

Handelshemmnisse abbauen: Impfungen nicht zum Exporthindernis machen

Impfprogramme, wie sie in Frankreich und den Niederlanden bereits existieren, seien auch für Deutschland notwendig. Doch aktuell verhindern internationale Handelsregeln den Export von Fleisch geimpfter Tiere. Ripke fordert: „Handelshemmnisse müssen abgebaut werden“, um geimpfte Tiere nicht vom Weltmarkt auszuschließen.

Lebensmitteleinzelhandel in der Pflicht

Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) hat maßgeblichen Einfluss auf die Umstellung. Ripke fordert von ihm, Verantwortung zu übernehmen: „Er muss auch bereit sein, die Mehrkosten zu tragen – idealerweise durch Verträge mit mindestens zehnjähriger Laufzeit“. Die Anforderungen des LEH sollten mit den staatlichen Vorgaben abgeglichen werden, wozu eine rasche Novellierung des Tierhaltungskennzeichnungsgesetzes nötig sei.

Verbraucherwille und Marktentscheidungen

Wenn der Staat keine laufenden Mehrkosten übernimmt, müsse der Markt, also der Verbraucher, einspringen. Ripke räumt ein: „Die Transformation wird dadurch voraussichtlich etwas entschleunigt, aber trotzdem gelingen“. Wichtig sei, sich europäisch zu orientieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Nach Friedrich-Otto Ripke müssen Förderkriterien für Ställe praxisgerecht und bundeseinheitlich gestaltet werden.

Investitionsförderung statt laufender Zuschüsse

Die neue Bundesregierung will keine Mehrwertsteuererhöhung auf Fleisch – und damit keine Finanzierung der laufenden Kosten. Stattdessen ist eine Investitionsförderung vorgesehen, etwa über das Agrarinvestitionsförderprogramm (AFP). Doch Ripke kritisiert: „Die Bedingungen sind so gesetzt, dass aktuell keine konventionellen Ställe mehr davon profitieren – zumindest nicht im Geflügelbereich“. Nur Biobetriebe oder Schweinehalter mit geringerer Besatzdichte würden berücksichtigt.
Die vorgesehenen 1,5 Milliarden Euro müssten schnell und breitwirksam in die Betriebe gelangen, so Ripke. Die Förderkriterien müssten praxisgerecht und bundeseinheitlich gestaltet werden.

Zwei zentrale Forderungen richten sich an die niedersächsische Landesregierung: Die Beschränkung der AFP-Förderung auf Regionen mit weniger als zwei Großvieheinheiten pro Hektar müsse fallen. Zudem müssten die Förderkriterien für Geflügelställe realistisch und wirtschaftlich tragfähig sein.

Importe unterlaufen Tierwohl-Standards

Ripke warnt vor Wettbewerbsverzerrung durch Importe aus Drittländern, die oft nicht den hiesigen Tierwohl- und Klimastandards entsprechen. „Ein Problem ist, dass es häufig keine Herkunftskennzeichnung gibt“, kritisiert er. Das Herkunftslabel müsse Pflicht werden – als Ergänzung zum Haltungsform-Label.

Fazit: „Ohne Bauernwohl kein Tierwohl“

Abschließend unterstreicht Ripke: „Wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Standards und die hohe Sachkunde der heimischen Tierhalter ein hohes Gut sind“. Nur wenn Tierhalter kostendeckend wirtschaften können, sei der Umbau zu mehr Tierwohl langfristig realistisch. Die Transformation könne nur gelingen, wenn sie wirtschaftlich tragbar gestaltet werde.

 

Geflügelnews
Bild: ZDG, Kudlich
Quelle: Land und Forst / Leonie Jost

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