Von 2 bis über 20 ppm: Warum Ammoniakwerte im Legehennenstall so stark schwanken
Gleiches Haltungssystem, gleiche Technik – und trotzdem können sich die Ammoniakemissionen von Legehennenställen deutlich unterscheiden. Das zeigen Messungen der Universität Wageningen auf Praxisbetrieben in den Niederlanden. Legehennenhalter Bertus Verbeek lässt die Emissionen in seinen Ställen kontinuierlich erfassen. Seine Erfahrungen zeigen: Vor allem trockene Einstreu zählt. Doch Fütterung, Tiergesundheit und Wetter können die Werte erheblich beeinflussen.
Sieben Sensoren messen Ammoniak im Legehennenstall
Wie viel Ammoniak entsteht tatsächlich in einem Legehennenstall? Und wie stark kann der Geflügelhalter die Emission durch sein Management beeinflussen? Diesen Fragen geht die Universität Wageningen (WUR) seit 2023 in einem Forschungsprojekt nach.
Einer der beteiligten Betriebe gehört Bertus und Dikky Verbeek in Woudenberg in der niederländischen Provinz Utrecht. Sieben Sensoren erfassen dort kontinuierlich die Ammoniakkonzentration im Stall. Parallel misst die WUR den CO₂-Gehalt.
Insgesamt nehmen 20 Tierhaltungsbetriebe im Gelderse Vallei und der angrenzenden Region Utrecht an dem Projekt teil.
„Ich möchte wissen, wie hoch die Ammoniakemissionen aus unseren Ställen sind und wie wir sie mit Managementmaßnahmen beeinflussen können“, sagt Verbeek.
Erste Ergebnisse liefern einen wichtigen Hinweis: Selbst Ställe mit gleichem Haltungssystem und derselben emissionsmindernden Technik können unterschiedlich viel Ammoniak freisetzen. Nach Angaben der Forscher spielen unter anderem Futter, Stallklima und der Zeitpunkt der Einstallung eine Rolle. Das spricht dafür, dass auch das Betriebsmanagement die Emissionen beeinflusst.
Trockene Einstreu kann Ammoniakemission senken
Für Verbeek steht vor allem die Einstreu im Mittelpunkt. „Je trockener die Einstreu, desto niedriger ist die Ammoniakemission aus unseren Ställen“, sagt der Legehennenhalter. Fütterung und Tiergesundheit beeinflussten wiederum, wie trocken und locker die Einstreu bleibe.
Verbeek kennt die Zusammenhänge aus eigener Erfahrung. Von 2006 bis 2017 mahlte und mischte er das Futter für seine Legehennen selbst.
Als Beispiel nennt er Brotmehl aus fein vermahlenem Rest- und Retourenbrot. Das Futtermittel liefert Energie und kann aufgrund seines Preises wirtschaftlich interessant sein. Nach Verbeeks Erfahrung kann Brotmehl jedoch die Einstreu klebriger machen. Damit kann indirekt auch die Ammoniakbelastung steigen.
Mais, Weizen oder Gerste seien mit Blick auf die Einstreu günstiger, sagt Verbeek. Dafür sieht er bei Brotmehl Vorteile bei der Kreislaufwirtschaft, weil Restbrot als Futtermittel weiterverwertet wird und in seinem Fall aus den Niederlanden stammt.
Im Futterraum kann Verbeek die Ammoniakkonzentration von zwei Ammoniakmessgeräten ablesen.
Auch die Tiergesundheit beeinflusst die Einstreu
Neben dem Futter spielt nach Verbeeks Erfahrung die Gesundheit der Legehennen eine wichtige Rolle. Als Beispiel nennt er die Infektiöse Bronchitis (IB).
Legehennen werden in den Niederlanden standardmäßig gegen IB geimpft. Treffen die Tiere jedoch auf einen Virusstamm, gegen den sie nicht ausreichend geschützt sind, kann sich die Kotkonsistenz verändern. Feuchterer Kot belastet wiederum die Einstreu.
„Wenn sich die Legehennen während eines Durchgangs mit einem IB-Virusstamm infizieren, gegen den sie nicht geimpft sind, führt das zu klebriger Einstreu“, berichtet Verbeek.
Damit kann eine Erkrankung indirekt auch die Ammoniakemission erhöhen.
Warum der Zeitpunkt der Einstallung eine Rolle spielt
Auch das Wetter kann das Einstreumanagement erschweren. Besonders kritisch sieht Verbeek die Einstallung neuer Herden während feuchter Herbstmonate.
Werden Legehennen im Oktober oder November während einer längeren Regenperiode eingestallt, lässt sich die Einstreu im Scharrraum nach seiner Erfahrung schwerer trocken halten. Wird sie bereits in den ersten Wochen feucht und klebrig, ist es schwierig, sie später wieder trocken und locker zu bekommen.
Genau darin sieht Verbeek ein Problem bei Genehmigungsmodellen, die Betrieben feste Emissionsziele vorgeben. Dabei soll der Tierhalter selbst entscheiden können, mit welchen Maßnahmen er den vorgeschriebenen Wert erreicht. Sensoren kontrollieren kontinuierlich die tatsächlichen Emissionen.
Verbeek befürchtet, dass äußere Faktoren den einzelnen Betrieb dabei stark treffen können. Kommen beispielsweise eine feuchte Witterung und eine Erkrankung der Herde zusammen, könnten die gemessenen Ammoniakwerte deutlich über dem üblichen Niveau liegen.
Im Volierenstall rückt der Scharrraum in den Fokus
Wie stark das Management die Ammoniakkonzentration beeinflussen kann, zeigen auch andere Untersuchungen. Bei einem Praxisversuch am belgischen Versuchsbetrieb für Geflügelhaltung in Geel senkte häufigeres Entmisten der Kotbänder in einem Stall mit ausgestalteten Käfigen die Ammoniakkonzentration deutlich. Wurden die Bänder dreimal pro Woche statt einmal wöchentlich entmistet, lag die Konzentration nur bei etwa einem Drittel.
Die meisten niederländischen Legehennen leben allerdings in Volierenställen. Dort hält Verbeek einen anderen Bereich für besonders wichtig: den Scharrraum.
Nach seiner Erfahrung emittiert eine dünne und trockene Einstreuschicht deutlich weniger Ammoniak als eine dicke Schicht. Einstreuschieber unter den Volieren können deshalb helfen. Sie verhindern, dass sich dort größere Mengen Einstreu ansammeln.
Die dunkelgraue Fassadenverkleidung prägt das Erscheinungsbild der Ställe.
Ammoniakwerte schwanken zwischen 2 und mehr als 20 ppm
Die Messungen in Verbeeks Stall zeigen, wie stark sich die Ammoniakkonzentration verändern kann. Bei trockener Einstreu misst der Betrieb im Sommer teilweise Werte von nur etwa 2 ppm. Im vorherigen Durchgang lagen einzelne Spitzen nach Angaben Verbeeks bei etwas mehr als 20 ppm. Üblicherweise bewegen sich die Werte zwischen 2 und 15 ppm.
Gerade bei niedrigen Konzentrationen sieht der Geflügelhalter jedoch Herausforderungen für die Messtechnik. Eine Abweichung von 1 ppm fällt bei einem Messwert von 2 oder 3 ppm prozentual erheblich stärker ins Gewicht als bei hohen Konzentrationen.
Die Sensoren müssen deshalb regelmäßig kalibriert werden. Dabei können sich nachträgliche Korrekturen der Messwerte ergeben. Für Verbeek erschwert das die unmittelbare Beurteilung der Emissionsentwicklung.
Messventilatoren sollen Luftmenge direkt erfassen
Bislang berechnet die WUR die Lüftungsrate unter anderem anhand der CO₂-Konzentrationen innerhalb und außerhalb des Stalls sowie anhand von Tierzahl und Tiergewicht. Aus dem errechneten Luftvolumenstrom und der gemessenen Ammoniakkonzentration bestimmen die Forscher anschließend die Emission.
Künftig soll die Luftmenge direkter erfasst werden. Dafür will das Projekt Messventilatoren in Verbeeks Stall installieren. Da die Abluft vollständig über den First abgeführt wird, können diese die Luftmenge der einzelnen Lüftungsgruppen messen.
Verbeek hält diesen Ansatz für aussagekräftiger. Er verweist jedoch auf eine weitere mögliche Fehlerquelle: Bereits die Zuluft könne Ammoniak enthalten. Als Quellen kommen beispielsweise benachbarte Tierhaltungsbetriebe oder die Ausbringung von Wirtschaftsdüngern in der Umgebung infrage. Nach seinen Angaben wird dieser Eintrag bislang nicht berücksichtigt.
80 Prozent weniger Ammoniak bis 2035
Die Frage, wie zuverlässig sich Ammoniak messen und reduzieren lässt, hat für Verbeek unmittelbare wirtschaftliche Bedeutung. Im Rahmen des Utrechter Programms für den ländlichen Raum (UPLG) soll sein Betrieb die Ammoniakemissionen bis 2035 um 80 Prozent gegenüber einem traditionellen Haltungssystem reduzieren.
Als gesetzlichen Referenzwert nennt Verbeek 315 Gramm Ammoniak je Tierplatz und Jahr für einen konventionellen Bodenhaltungsstall für Legehennen. Daraus ergibt sich bei einer Reduktion um 80 Prozent ein Zielwert von höchstens 63 Gramm.
Ob sich dieser Wert in seinen beiden Volierenställen mit Kotbelüftung erreichen lässt, betrachtet Verbeek als große Herausforderung. Bei älteren Legehennenställen dürfte eine solche Reduktion nach seiner Einschätzung noch schwieriger werden.
Aufgeben will die Familie ihren Betrieb dennoch nicht. „Dikky und ich sind noch lange nicht so weit, aufzuhören. Unser Betrieb ist unsere Leidenschaft“, sagt Verbeek.
Auch die nächste Generation steht bereit: Sohn Arnaud könnte den Betrieb später übernehmen. Zudem hält es Verbeek für möglich, dass eines seiner weiteren Kinder Interesse an einer Fortführung entwickelt.
Geflügelnews
Bild:
Tom Schotman
Quelle:
Tom Schotman
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