Putenmast in den Niederlanden: Familie trotzt dem Strukturwandel

02 Juni 2025
Pute
Putenküken Jenniskens

In den Niederlanden ticken die Uhren anders in der Tierhaltung. Zur Reduzierung der hohen Nährstoffüberschüsse kauft der Staat seit 2020 umfangreich Produktionsrechte auf, die Ställe sind abzubrechen, die Betriebe müssen dauerhaft aussteigen. Familie Jenniskens geht jedoch einen anderen Weg - für eine Zukunft mit Puten. 

„Bei uns ticken die Uhren etwas anders, was die Tierhaltung angeht“, sagt Twan Jenniskens. Der Landwirt bewirtschaftet im niederländischen Ysselsteyn in der Provinz Limburg einen Betrieb mit 15 ha Ackerland und Schwerpunkt Puten. Rund 155.000 Tiere ziehen er und sein Sohn Guus pro Jahr auf.

Gemästet werden sie im klassischen System, sowohl Putenhähne als auch -hennen. Aufzuchtstall und die beiden Maststandorte liegen am Hof bzw. in unmittelbarer Nachbarschaft. 

Jenniskens mästen langsam wachsende Putenrassen für die höchste Tierwohlstufe „Beter Leven 3 Sterne“.

Die Putenproduktion ist in den Niederlanden in den vergangenen Jahren sehr stark rückläufig gewesen. Als Gründe nennt Twan Jenniskens zum einen die Geflügelpest, die ab 2003 auch in unserem Nachbarland zur besonderen Gefahr für die Puten-Offenställe wurde. 2006 schloss der letzte Putenschlachthof der Niederlande in Boxmeer. Zudem gab es viele Probleme mit der Schwarzkopf-Krankheit. 

Nur noch 16 Putenmastbetriebe in den Niederlanden

Seit 2020 kauft der niederländische Staat bekanntlich in großem Umfang Produktionsrechte für die Tierhaltung auf. Hintergrund sind die starken Nährstoff-Überschüsse, die so reduziert werden sollen. „Auch viele Putenbetriebe haben sich hieran beteiligt“, sagt Twan Jenniskens. Er nennt ein paar Zahlen: 2020 gab es noch 120 Putenmastbetriebe, aktuell gibt es im ganzen Land nur noch 16 Putenmäster. Die Produktionsmenge ist von 4,7 Mio. Tieren im Jahr 2020 auf 1 Mio. in 2025 zurückgegangen.

Jenniskens setzt auf Tierwohl-Label „Beter Leven“

Für ihn und seine Familie, vor allem auch für Betriebsnachfolger Guus, war Aussteigen jedoch keine Option. Twan Jenniskens lieferte bis vor acht Jahren seine Puten an einen Schlachthof nach Deutschland. Dann kam eine niederländische Supermarktkette auf ihn zu und fragte Puten für das „Beter Leven“-Label an. „Beter Leven“ („Besseres Leben“) wurde 2007 ins Leben gerufen, es soll in drei Stufen (1-3 Sterne) mehr Tierwohl für Nutztiere bringen. Vergleichbar ist es in etwa mit den deutschen Haltungsformen des Lebensmittelhandels. Man findet das „Beter Leven“-Label auf Verpackungen für Fleisch, Milchprodukte und Eier.

Start vor acht Jahren mit einem Stall

Twan Jenniskens fand das Konzept der Supermarktkette „Jumbo“ interessant und startete zunächst mit einem Stall in „Beter Leven“, 1 Stern. Zu den Kriterien gehört unter anderem ein Wintergarten mit Außenklima, eine geringere Besatzdichte, Beschäftigungsmaterial und die Umstellung auf langsam wachsende Herkünfte. Letzteres ist in Deutschland bei der derzeit viel diskutierten Haltungsform 3 nicht Bedingung. Hierzulande dürfen weiter die klassischen schnellwachsenden Herkünften eingesetzt werden. Die beiden führenden Zuchtunternehmen Hendix Genetics und Aviagen haben inzwischen mehrere langsam wachsende Herkünfte im Angebot.

Twan Jenniskens mästet seit nun zwei Jahren nur noch für „Beter Leven“ und den heimischen Markt. Da die Nachfrage nach den höheren Haltungsformen in den Niederlanden auch bei Putenfleisch wächst, hat er inzwischen eine Erzeugergemeinschaft mit drei Berufskollegen gegründet. Die „Beter Leven“-Puten werden zusammen vermarktet, die Erzeugergemeinschaft kann ihren Abnehmern so eine kontinuierliche Belieferung jede Woche garantieren.  

Direktvermarktung ab Hof mit wenig Aufwand

Daneben vermarktet er auch ab Hof – auf Vorbestellung per Internet. Schnitzel in verschiedenen Varianten, Putenhamburger, Putenbratwurst oder auch Gehacktes können bestellt und abends zwischen 17 und 18 Uhr abgeholt werden auf dem Betrieb. Die kurze Öffnungszeit hält den Aufwand in Grenzen. In den Niederlanden immer noch sehr beliebt ist die Pute zu Weihnachten. Die wird an die Kunden ausgeliefert. „Auch bei uns wächst die Anzahl Verbraucher, die regionale Herkunft schätzen“, freut sich Twan Jenniskens. 

Twan und Guus Jenniskens stellten ihren Betrieb und ihr Konzept auf einer Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft der Fachberater für Geflügelwirtschaft e.V. vor. Die Beraterinnen und Berater waren auf ihrem jährlichen Treffen in den Niederlanden und in Belgien unterwegs. 

Text:
Christa Diekmann-Lenartz

Aufgewachsen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in der intensiven Tierhaltungsregion Weser-Ems (und Studium der Agrarwissenschaften). Seit vielen Jahren berichtet sie darüber, was sich im Bereich Geflügel tut - mit Schwerpunkt Niedersachsen.

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Bild: Christa Diekmann-Lenartz

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